Der Tag, an dem … : … die Post kommt

Der Mensch als Suchender ruft in die Welt hinaus: „Hallo, ist da jemand?“ Er ruft es ins All, echolotet es in die Tiefe des Meeres, er hackt es in das World Wide Web. Und der junge Mensch schreibt Postkarten mit seiner Anschrift darauf und hängt diese Karten an Luftballons. Die fliegen dann hoch in die Luft, lassen sich treiben vom Wind, über Mauern hinweg, Dächer, Städte, Länder, Grenzen. Und wenn ihnen die Luft ausgeht, taumeln sie zu Boden, werden gefunden mit ihren kleinen Kärtchen dran und es echot zurück: „Hallo, hier ist jemand.“

Die Rufe ins All verhallten dortselbst bislang und blieben unbeantwortet. Auch aus der Tiefe des Wassers hat noch kein Nessie sich gemeldet. Und die Ballonpost ist weitgehend aus der Mode gekommen, seitdem Billigflieger den Luftraum blockieren. Bleibt die Flaschenpost, die gute, alte.

Das Prinzip ist das gleiche wie bei der Ballonfahrt. Nur, dass es Wellen sind, die die verkorkte Nachricht mal hierhin, mal dorthin treiben. Einmal, das war 1993, wurde eine solche in die Sieg bei Hennef geworfen. Und drei Jahre später strandete sie vor Falmouth in Maine an der amerikanischen Atlantikküste. Ein weiter Weg aus dem Bergischen Land hinunter nach Bonn in den Rhein, in die Nordsee, dann die Abkürzung durch den Ärmelkanal hinaus in den Atlantik, wahrscheinlicher jedoch die weite Route über Island.

Weit kürzer der Weg der Flasche, die nun Masaaki Kondo am Strand der im Norden Japans gelegenen Halbinsel Shimokita öffnete. Heraus strömte ein Geist aus lange vergangenen Zeiten. Masaaki-San tat dennoch, um was der ihn bat. Er gab seinen Namen an, den Fundort, die Fundzeit. Außerdem beschrieb er in knappen Worten die derzeitige Wetterlage.

Dann schickte er sie wieder zurück. In den Westen seiner Heimat, an die Schule, von der aus die Flasche ihren Fluss nahm. Das indes war vor mehr als 30 Jahren. Seinerzeit hatten Schüler 5500 Flaschen in die Wasser geworfen, um etwas über die Meeresströmungen und Japans Lage in Asien zu erfahren. 760 Antworten hatten sie damals erhalten – und die letzte vor 20 Jahren.

Wo hat sich die Flasche des Kondo in all den Jahren rumgetrieben? War sie drüben in Amerika, in Europa, am Pol? Sicher ist, dass sie allen Klippen getrotzt hat, Tankern, Stürmen und Erwärmungen. Ob sie wie Jonas im Bauch eines Wales überdauerte? Das allerdings wäre angesichts des dortigen exzessiven Walfangs ein japanischer Treppenwitz. Wie auch immer, für alle Suchenden hält der Geist aus der Flasche eine Botschaft bereit: Es lohnt sich, Geduld zu haben.uem

Hintergründe und Expertisen zu aktuellen Diskussionen: Tagesspiegel Causa, das Debattenmagazin des Tagesspiegels.

Hier geht es zu Tagesspiegel Causa!

0 Kommentare

Neuester Kommentar
      Kommentar schreiben