Der Tag, an dem … : … die Spanier stumm bleiben

Gleich gehts nach Spanien. Zuvor aber, soviel Platz muss sein, schnell noch Abbitte bei Kurt Beck, dem an dieser Stelle oft kritisierten SPD-Vorsitzenden – unter anderem wegen seines nassforschen Vorschlags an den Arbeitslosen Henrico Frank seinerzeit auf dem Wiesbadener Weihnachtsmarkt, es auf dem weiteren Lebensweg doch mal mit Waschen und Rasieren zu versuchen. Sie erinnern sich bestimmt. Frank stieg kurz danach ins Musikbusiness ein, gewaschen, rasiert und obendrein zurechtgefönt, aber das konnte vorher wirklich keiner ahnen, Frank nicht, Beck nicht. Karrieren nehmen bisweilen die merkwürdigsten Wendungen.

Jedenfalls besaß Beck damals genug politischen Instinkt, seinen lebensweltlichen Rat im Ungefähren zu belassen. Wer weiß, wie groß das Geschrei geworden wäre, hätte Beck von Franks Faible für die Musik geahnt und gesagt: Schreiben Sie doch mal ein Lied, irgendwas nettes, eine Hymne zum Beispiel!

In Spanien, wo sie die notorische Erfolglosigkeit ihrer Fußballer schon seit längerem darauf zurückführen, dass diese beim Abspielen ihrer Nationalhymne mangels Textvorlage nicht wissen, wohin mit ihrer Inbrunst, ist nun so ziemlich genau das passiert: Unter 7000 Einsendungen haben die vier dürren Strophen eines Arbeitslosen obsiegt. Schon gibt es Ärger. Theoretisch hätten die Spanier nun die Gelegenheit stimmlich im Stadion dagegenzuhalten, statt immer stumm rumzustehen wie der letzte Depp. Bereits am 6. Februar geht es gegen die Franzosen. Die nerven schließlich schon seit Jahrhunderten mit ihrer Marseillaise.

Nur, der Text ist Mist! Die in vokalen Angelegenheiten kompetente Zeitung „El Mundo“ (Der Mund) forderte sogar, die offizielle Präsentation abzusagen. Den einen fehlt der Verweis auf den König, die anderen fühlen sich zu sehr an Franco erinnert. Die Sportzeitung Marca nannte den Text gar eine „Totgeburt“. Kurz, der dichtende Arbeitslose, hat es praktisch keinem recht machen können, lediglich Nationaltorwart Iker Casillas hat sich schon bereit erklärt, mitzusingen, aber das heißt nix, richtig gut ist Casillas nur auf der Linie.

Die Sozialistische Partei Kataloniens, seelenverwandt mit Becks SPD, ist dieser Tage erstmals mit einem Parfüm in den Wahlkampf gezogen, das den komplexen Titel „Gleichheit, Fortschritt, Gerechtigkeit, Leidenschaft, Verantwortungsbewusstsein und Optimismus“ trägt. Soviel Aroma ist selten, das müsste sogar für eine Hymne langen. Und wer weiß, wie Becks Antwort ausgefallen wäre, hätte er das Duftwasser damals in Wiesbaden zur Verfügung gehabt. Vbn

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