Der Tag, an dem … : … Geschichte geistesgegenwärtig ist

Die Köhlers, die Weizsäckers, Christina Rau, die Herzogs. Die Bundeskanzlerin. Henry Kissinger, Hannes Androsch, Dries van Agt, Valery Giscard d’Estaing, Ingvar Carlsson. Alte deutsche Weggefährten, Bölling, Bahr, Matthöfer, Anke Fuchs, Friderichs und Genscher, er sitzt sogar in der Sichtachse zum Jubilar. Vom Bundespräsidenten eingeladen, den 90. Geburtstag der Schmidts, Helmut und Loki, beim Festmahl zu feiern.

Die Zeit der sozialliberalen Koalition ist plötzlich gegenwärtig. Sozialdemokraten von Rang sind auch da, voran Schröder, Müntefering, Struck, Steinbrück. Auch der Vizekanzler. Und noch mehr Exzellenzen, Eminenzen, Magnifizenzen. Wäre das eine „Receiving Line“ im Schloss Bellevue geworden: ein Panorama transatlantischer, europäischer, deutscher Geschichte. Mit Geschichten, die nicht nur Stunden füllen könnten. Helmut Schmidt wäre nicht mehr ins Bett gekommen. Und so lange stehen kann keiner.

Deutschlands beliebtestes Paar sind die Schmidts, im 67. Ehejahr, „und das soll mal einer nachmachen“, wie die Tochter gesagt hat. Die zitiert der Präsident mit Wärme, den Blick fest auf den gerichtet, der vor ihm, vor allen der beliebteste Deutsche ist, eine Autorität. Helmut Schmidt schaut auf seine Cola.

Das Wachbataillon der Bundeswehr hatte Paradeaufstellung genommen, mit Fackeln den Weg zum roten Teppich gesäumt. Schmidt, der lange Soldat und weniger lange Verteidigungsminister war, weiß das wohl zu schätzen. Waren es doch Generale und Generalstabsoffiziere, die dem Paar im Krieg und einmal besonders dem „unvorsichtig vorlauten Kriegsoffizier“ halfen, wie Schmidt erzählt. Seine Geschichte. Geschichte! Hans Matthöfer, der Ex-Finanzminister, raunzt am lautesten Zustimmung.

Köhler dankt Schmidt in einer Weise, die seine Wertschätzung zeigt. Dass der Ökonom von Welt den Weltökonomen rühmt, dem er so manches gute Gespräch verdanke und dessen Ideen er Geltung verschaffen werde, ist schon viel. Aber wie er den musischen Menschen hervorhebt; wie er hinzufügt, die Deutschen würden sagen, dass sie ihn lieben, wenn sie mit dem Wort Liebe nicht solche Schwierigkeiten hätten – das war ein großer Moment.

Schmidt dankt in seiner Weise – am Rande auch mit einer Mahnung. Der Bundeskanzlerin sagt der Altkanzler norddeutsch trocken, es mangle an Zusammenarbeit innerhalb Europas und auch mit Frankreich. Die war doch schon mal besser. „Die alten Römer hätten gerufen: Videant consules!“ Schmidt als ältestes Gericht. Was für eine Geschichte. Sie ist – geistesgegenwärtig. cas

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