Der Tag, an dem … : ... global gesündigt wird

Kleine Sünden bestraft der liebe Gott bekanntlich ohne langes Fackeln. Wie es sich mit größeren verhält, darüber ist viel gestritten worden im Laufe der Menschheitsgeschichte. Ein geflügeltes Wort sagt: kleine Sünden sofort, größere nach neun Monaten. Das aber ist natürlich nur eine von vielen Varianten. Leider! Denn wenn die Sünde nur im Schlafzimmer lauerte, könnte man ihr ja verhältnismäßig leicht entgehen.

Dem aber ist mitnichten so, liebe Brüder und Schwestern. Die Sünde ist eine erdumspannende Angelegenheit, zumal im Zeitalter der Globalisierung. So jedenfalls formulierte es kürzlich Gianfranco Girotti, seines Zeichens Vizechef der Apostolischen Pönitentiarie, einer Art himmelsgerichtlichem Sonderkommando des Vatikans. Im Gespräch mit dem Branchenblatt „Osservatore Romano“ erläuterte Girotti, die Kirche habe globalisierungsbedingt ihren Sündenkatalog erweitert: Während die kanonischen sieben Todsünden (Stolz, Neid, Zorn, Trägheit, Geiz, Wollust und Völlerei) das Individuum beträfen, werde in der globalisierten Welt zunehmend von und zwischen gesellschaftlichen Gruppen gesündigt. Dem trage die Kirche Rechnung, indem sie zu den Kapitalsünden nun auch Umweltverschmutzung zähle, exzessiven Reichtum, Genmanipulation sowie Profitgier, die andere Menschen in die Armut treibt.

Bewundernswert modern ist das. Nur verrät Girotti leider nicht, wie die neuen Vergehen bestraft werden. Früher galt als ausgemacht, dass die Stolzen in der Hölle aufs Rad geflochten werden, die Zornigen zerstückelt, die Wollüstigen verbrannt. Heute legt sich der Vatikan da nicht mehr fest, und auch Dantes „Göttliche Komödie“ (die jetzt natürlich umgeschrieben werden muss), bietet keine Anhaltspunkte.

Es könnte also noch eine Weile dauern, bis die Gotteshäuser der Welt von den Mahnpredigten des neuen Zeitalters widerhallen: Kehret um, ihr Sünder, wird es dann heißen, verfallet nicht, ihr Fondsmanager, der schändlichen Heuschreckerei, wenn nicht Ungeziefer euch martern soll in der Hölle des ewigen Dschungel-Camps! Auch meidet, ihr Forscher, die gotteslästerliche Schöpferei, auf dass ihr nicht kochen möget in siedendem Genmais und lohendem Bioethanol! Wer aber sich schuldig macht sündiger Zumwinklerei und Ackermanie, dem sollen die Hände zu Gold erstarren, und jedes Mahl, das er speisen will, soll werden zu Gold! Auch vergehet Euch nicht an der Umwelt, denn es werden die Schuldigen aufgebunden an den Flügeln der Windkrafträder, auf dass ihre Leiber schmoren unter der sengenden Hitze des Ozonlochs! müh

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