Der Tag, an dem … : … guter Geschmack zählt

In einem sehr netten Interview hat dieser Tage die „Süddeutsche Zeitung“ den Darmstädter Gastronomen Erwin Messmer zu Wort kommen lassen, einen Mann, der vor sieben Jahren mit mäßigem Erfolg seinen Gästen gekochte Mehlwürmer auftischte oder auch schon mal Maden auf Mangoschaum. Trotz eines gewissen Ekels konnten sich viele Kunden zumindest für eine kurze Zeit der Faszination des Angebots nicht entziehen. Auf mittlere Sicht setzte sich allerdings ein gewisser Konservatismus in der Esskultur durch. Es mehrten sich alsbald die Stimmen, die Messmer rieten, erst einmal wieder seine Töpfe vernünftig sauber zu machen.

Man nennt solche Artikel im Journalismus gerne Beistellgeschichten, sie verhalten sich wie die Salatbeilage zum Hauptgang, dem eigentlichen Thema also. Und in der Tat würde sich vermutlich kein Mensch mehr für Messmers Maden interessieren, wären sie nicht gerade andernorts, nun ja, in aller Munde, allerdings ungekocht und ohne Mangoschaum. Im RTL-Dschungelcamp werden derzeit mal wieder allerlei B-, C-, und D-Prominente, auch im weitesten Sinn ziemlich Unbekannte also, bis zur Unkenntlichkeit mit den Tierchen dekoriert, auf dass sich ihr Bekanntheitsgrad wenigstens ein bisschen erhöhe. Arme Würmer allesamt. Ansonsten ist es beim Blick aufs Dschungelcamp beinahe so wie in Messmers Kneipe. Auch diesmal wieder können sich die Kunden trotz eines gewissen Ekels der Faszination des Angebots nicht entziehen. Einzig der Ruf nach sauberen Töpfen erstirbt vielen auf den Lippen, recht ratlos darüber, wo genau die Grenze des guten Geschmacks denn die Grenze der Meinungsfreiheit kreuzt.

In Frankfurt hat sich der Leiter der Anna-Schmidt-Schule gegen die Pläne der hessischen SPD-Spitzenkandidatin Andrea Ypsilanti gewandt, das verkürzte Abitur zurückzunehmen und bis zur zehnten Klasse die Einheitsgesamtschule einzuführen. Damit hier nix in den falschen Hals gerät: Mit Maden oder Mehlwürmern hat das nichts zu tun, allenfalls mit anderweitigen Fragen des guten Geschmacks. Es gibt nämlich eine Beistellgeschichte. Andrea Ypsilantis zwölfjähriger Sohn geht auf die Anna-Schmidt-Schule. Es ist sehr gut, wenn sich Schuldirektoren in bildungspolitische Debatten einmischen, aber wahrscheinlich hat der Leiter der Anna-Schmidt-Schule nicht bedacht, dass sein Wort gerade deshalb ein besonderes Gewicht erhält, weil Ypsilantis Sohn auf seine Schule geht. Aus der Beistellgeschichte ist das Hauptthema geworden, von der Meinungsfreiheit ist das selbstredend gedeckt, nur geschmacklich geht da allerhand durcheinander. Im Wahlkampf gehts manchmal zu wie im Dschungelcamp. Vbn

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