Der Tag, an dem … : … Lügen kurze Bärte haben

In der Liebe und im Wahlkampf ist bekanntlich alles erlaubt. Ein bisschen Flunkern zumindest hat noch nie geschadet, das weiß nicht nur die SPD, das gilt auch im vorbilddemokratischen Amerika, wo sich derzeit Barack Obama und Hillary Clinton mit halbgaren Halbwahrheiten beharken, dass die Lügendetektoren nur so fiepen.

Sinn der Übung ist das Aufmöbeln der eigenen Biografie: Clinton flunkerte sich kurzerhand eine feuergestählte Guerilla-Identität zusammen, stolz berichtete sie von Abenteuern in den Schützengräben Ex-Jugoslawiens, wo sie nur knapp dem Kugelhagel von Heckenschützen entronnen sein wollte. Auf den Videobildern, die ein Fernsehsender flugs hervorkramte, sah das leider ein bisschen anders aus: Da verteilte Clinton bloß Küsschen an bosnische Kinder und sang vor UN-Soldaten erbaulichen Folkrock mit Sheryl Crow. Ähnlich entlarvt stand kurz darauf Barack Obama da. Er hatte sich zum maßgeblichen Autor eines progressiven Einwanderungsgesetzes erklärt – dessen wahre Urheber süffisant anmerkten, Obama müsse die Heldentat wohl in Heimarbeit erledigt haben; sein Stuhl jedenfalls sei bei den entsprechenden Senatssitzungen leer geblieben.

In Deutschland flunkert man bisher bescheidener: Gerne erinnern wir uns an die Jugendbekenntnisse des Friedrich Merz, der sich einst damit brüstete, als junger Motorradrocker mit langer Hippiemähne das Sauerland unsicher gemacht zu haben. Ein Schulfreund beteuerte postwendend, er habe Merz eher mit Mofa und Mittelscheitel in Erinnerung.

Was aber nicht ist, kann ja noch werden: Wer weiß, ob nicht auch hierzulande die Nasen länger werden, sobald in der SPD der große Kandidatenkampf zwischen Steinmeier und Beck ausbricht. Dem Außenminister Steinmeier käme dann natürlich sein Amtsbonus zugute: Er könnte uns ausmalen, wie er mit schlammverkrusteten Brillengläsern über den Hindukusch robbte, die Diplomatentasche zwischen den Zähnen, um die Sicherheit Deutschlands zu verteidigen. Für Beck dagegen wird es schwierig: In Rheinland-Pfalz wurden jetzt schon eine ganze Weile keine Heckenschützen mehr gesichtet. Höchstens der Pfälzer Helmut Kohl ließe sich im Rückblick zum übermächtigen Gegner aufbauen: Beck könnte behaupten, es sei nicht Angela Merkel gewesen, sondern er selbst, der Kohl einst vom Sockel gestoßen habe, mit vollem körperlichen Einsatz dem Kohl’schen Widerstande trotzend, ein Sumo-Ringen pfälzischer Kolosse. Das wäre natürlich gelogen. Aber erlebt hätte man’s gerne. müh

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