Der Tag, an dem … : … Parteien verwirren

Wo mal gute Ordnung war, ist allmählich totale Verwirrung. Kennt sich in der Parteienwelt noch wer aus? Ein Test. Ordnen Sie folgende Handlungen einer Partei – SPD, CDU, CSU, Grüne – zu:

1. Ehemalige Abgeordnete wird Sprecherin der Tabak-Lobby.

2. Abgeordnete spielt in jungen Jahren in „Die Stoßburg: Wenn nachts die Keuschheitsgürtel klappern“ mit und wird später Parlamentarische Staatssekretärin beim Bundesministerium für Wirtschaft und Technologie.

3. Landesverband schlägt Beate Uhse für Bundesverdienstkreuz vor.

4. Ortsverein verbietet weiblichem Parteimitglied Kandidatur zur Kommunalwahl, weil sie auf der Internetseite ihrer Boutique halbnackt zu sehen ist.

Die Auflösung, wie sie nahe liegend, plausibel und natürlich ist, wie sie jeder wüsste, müsste lauten:

1. CSU. Weil Bayern = gelockertes Bierzelt-Rauchverbot, quasi Bundesland gewordene Zigarettenwerbung.

2. Grüne. Weil total locker und ironisch und im Wirtschaftsministerium auch nur, um Kriegstechnologiehandel trockenzulegen.

3. SPD. Etwas biederer Versuch, locker zu sein. Und außerdem wollte anno dunnemals der Flensburger Tennisclub Beate Uhse wegen „allgemeiner Bedenken“ nicht als Mitglied akzeptieren, und durch den Vorschlag kann man dem salzwassersteifen Club der Bonzensportler gleich noch auf sozialdemokratische Art den Schläger an den Hinterkopf knallen.

4. CDU. Weil es sich nicht schickt, weil man das nicht tut, eine Frage der Moral ist das, was gibt es da zu reden!

So gehörte es sich. Aber in Wirklichkeit ist es so: 1. Grüne, 2. CSU, 3. CDU, 4. SPD, Verwirrung komplett.

Da wettert eine Partei jahrelang gegen Raucher und dann wird eine der ihren Tabakwerberin! Und die christsoziale Blondine Dagmar Wöhrl war, bevor sie 2005 ins Ministerium kam, auch noch Miss Bundestag. Und der CDU-Landesverband Schleswig-Holstein wollte 1989 den Orden für Sexshopqueen Uhse. Und die SPD aus demselben Land vermiest der Boutiquenbesitzerin Birgit Auras die Politkarriere wegen Halbnacktfotos. Die 50-Jährige wollte am 25. März ins Kommunalparlament von Neustadt einziehen, was sie jetzt aufgab, weil der Ortsverein sie vor die Wahl stellte, entweder zu kandidieren oder besagte Fotos auf der Website stehenzulassen. Auras’ übervoller Solidaritätsmailkasten gibt ihr Recht. Nicht aufgeben! Sie sind eine mutige Frau! So schreiben Menschen von überall. Und überhaupt: Kleider verkaufen, indem man sich nackt zeigt! Wie hätte Birgit Auras damit doch in diese Zeit des Nichts-Habens, aber Alles-Versprechens gepasst. Oder nicht? Es ist so verwirrend. ari

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