Der Tag, an dem … : … Rentner Karussell fahren

Neben der Freude am Trinken und Mitsingen verbindet Japaner und Deutsche vor allem das Problem mit den viel zu vielen alten und viel zu wenigen jungen Menschen im jeweiligen Land. Aber es scheint, als sei man in dem Land, in dem es früher Tag wird als hier, auch schneller mit Ideen, wie auf die eiförmige Bevölkerungspyramide zu reagieren sei.

Nachdem die Politik in Tokio unlängst japanische Firmen anwies, Mitarbeiter keinesfalls vor deren 65. Geburtstag zu pensionieren, handelt nun die Privatwirtschaft. Mit preisgünstigen Jahreskarten sollen Japans Senioren in die Achterbahn gelockt werden. Die Karten, die ab heute erworben werden können und ab März gelten, kosten nur noch ein Fünftel des regulären Preises, und wer sie hat, kann tagein tagaus Achterbahn fahren oder im Dumbo-Karussell abheben. Disneyland sei zwar ein Ort für die ganze Familie, aber die Rentner seien eine „wichtige Zielgruppe“, sagte ein Disneyland-Sprecher zur Begründung. Aber oberwichtig! Schließlich sind bereits heute 21 Prozent der Japaner älter als 65 Jahre. In 50 Jahren werden 40 Prozent dieses Alter erreicht haben. Da von denen vermutlich (noch) keiner unter den ersten fünf Ideen für einen perfekten Tag einen Besuch bei Disneyland nennen wird, ist die Preisattacke eine naheliegende Idee. Die Alten wären dann von der Straße, stünden den Werktätigen nicht länger im Weg herum, und wenn sie abends gut durchgekreiselt nach Hause kämen, legten sie sich erschöpft schlafen, ohne sich beim Nachbarn noch über dessen zu laute Musik zu beschweren.

Wenn sie denn nach Hause kommen! Genauso gut kann das Billigticket Teil eines verbrecherischen Plans sein, den verdienten Bürgern des Landes der aufgehenden Sonne vorzeitig das Licht auszuknipsen, um das Rentensystem zu entlasten. Dass bei Achterbahnfahrten bisweilen eine drei- bis vierfache Erdanziehungskraft auf den Körper wirkt, was besonders ältere Kreisläufe und Herzkranzgefäße nur ungern ertragen, das weiß doch jedes Kind. Womit der ursprüngliche Kunde des Disneylands noch mal kurz in den Mittelpunkt gerückt sei, bevor er wirklich keine Lust mehr hat, dort noch einen Fuß reinzusetzen. Wie viel Spaß hat wohl so ein Kind, das mit 120 km/h einen Looping dreht, bei dem mangelhaft befestigte Haarteile, Kau-, Seh- und Gehhilfen nur so durcheinanderfliegen?

Das Europaparlament schlug übrigens gestern vor, bei der Berechnung der Rente die Zahl der aufgezogenen Kinder zu berücksichtigen. Das ist auch eine Lösung fürs Rentenproblem. Aber irgendwie hat die japanische mehr Drive. ari

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