Der Tag, an dem … : … Schönreden auch nicht viel hilft

Axel Vornbäumen

Dem US-Sozialpsychologen Leon Festinger verdanken wir die Theorie von der kognitiven Dissonanz. Sehr grob zusammengefasst geht es dabei darum, dass das Leben nur selten so glatt verläuft wie wir uns das wünschen, man andererseits aber recht passabel durch den Alltag kommt, wenn man sich die Dinge nur ordentlich schönredet. Vergleiche helfen dabei viel; so manche Fünf in Mathe konnte früher schon in weit milderes Licht getaucht werden, weil es den Banknachbarn ja noch viel schlimmer reingerissen hatte. So geht das also schon in jungen Jahren. Jahrzehnte später dann salbt meist noch der Blick auf die Todesanzeigen das eigene Gemüt: Da steht’s, die anderen hat’s dahingerafft! Man selber aber sitzt noch am Küchentisch wie eine Eins.

Auch der Verfasser dieser Zeilen, vor Jahren mal von eitrigen Mandeln befreit, schreibt den beschleunigten Genesungsprozess seinerzeit im Wesentlichen der gespannten Beobachtung des Bettnachbarn zu, bei dessen jammervollen Versuchen, den Hustenreiz zu unterdrücken – aus Angst, ein gerade eingesetztes Stück Speiseröhre würde andernfalls gleich mit hinausexpediert. Der Aufenthalt wurde so weit kurzweiliger, ja, spannender als zuvor befürchtet – obwohl die Röhre letztlich hielt.

Im Leben und mit den Frauen, beim Fußball und in der Politik wird viel Dissonantes schöngeredet, wenn auch selten in solch kognitiver Verdichtung wie einst von Sergej Kirjakow. Der Kicker, befragt, wie er sich fühle nach einem Spiel, dessen Ausgang hier leider nicht mehr zuverlässig memoriert werden kann, antwortete nur knapp: „Scheiße, aber gut“. Wahrscheinlich hatte er ein Tor geschossen, zum Sieg aber wird es dann doch wohl nicht ganz gereicht haben. Wie das Leben manchmal so spielt. Wo „Scheiße, aber gut“ als Erklärungsmuster versagte, kam früher oft Oma ins Spiel mit ihren schicksalsergebenen Worten: „Junge, wer weiß, wofür es gut ist!“ Das wusste auf Anhieb in der Tat oft niemand, schon gar nicht, wenn eine Sache mal wieder viel zu schnell zu Ende war.

Wenn da ein Tag kommt, an dem etwas zu Ende geht, dann ist es mit der Kunst des Schönredens oft eben doch nicht so weit her. Niki Lauda, der Rennfahrer, hat am Schluss gesagt, er könne schließlich nicht sein ganzes Leben lang im Kreis rumfahren. Das leuchtet ja noch ein. Wer fängt schon jeden Tag von vorne an, wenn Neues nicht mehr zu erwarten ist. Ein „Tag, an dem …“ aber, das ist kein Kreis. Wofür es gut ist, wie man sich fühlt, wenn er nicht mehr ungeschrieben vor einem liegt, das weiß wahrscheinlich nicht mal Kirjakow. Vbn

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