Der Tag, an dem … : … Sonnenbrillen kleiner werden

Wer beim Ostereiersuchen in seinem Schrebergarten Gefahr lief, unter einer Schneelawine verschüttet zu werden, der fragt sich heute zu Recht und zur bekannten Melodie: Wird es wohl jemals wieder Sommer? Und wenn man die Antwort nicht den Meteorologen überlassen will, die den Frühling nahen sehen, sondern Indizien jenseits von Hochs und Tiefs sucht, dann muss die Prognose lauten: Es sieht nicht gut aus.

Zunächst schockiert das „Kuratorium Gutes Sehen“ mit Sitz in Berlin mit der Nachricht, dass Sonnenbrillen nach zwei XXL-Saisons mit mindestens faustgroßen Gläsern in diesem Jahr kleiner und schlanker werden. So schmal und schlicht sollen die neuen Modelle sein, dass Mann und Frau sich dasselbe die Nase hochschieben können. Schluss mit dem opulenten Stubenfliegen-Look!, wird postuliert, was aber nach eben einem Osterfest in Moonboots und Mantel nicht weniger transportiert als die Befürchtung der Industrie für Sehhilfentechnologie, dass es in diesem Sommer gar nicht erst genug Sonne geben wird, als dass irgendjemand die großflächig abblenden wollte. Von dem Kuratoriumshinweis, polarisierende Gläser seien besonders gut fürs Auge, bleiben dem entsetzten Indiziensammler auch nur die zwei Silben von „polar“ in Erinnerung und lassen Schlimmstes fürchten. Man könnte über diesen Brillenverdacht hinaus noch die Bauern der Umgebung fragen, die einem entweder sagen, der Winter sei bald vorbei, weil ihre Pferde das Winterfell verlieren, oder sie sagen, es bleibe noch lange kalt, weil ihre Pferde noch kein Winterfell verlieren. Oder – nicht weniger zum Gackern: Wenn der Hahn kräht auf dem Mist, ändert sich das Wetter, oder es bleibt wie es ist. Diesen Gleichmut hätte man gern. Stattdessen ist einem nach Heulen zumute, wenn es in den Nachrichten heißt, dass Strom und Gas teurer werden. Das macht ja erst Sinn, wenn die Menschen in ihren Stuben hocken, um ebendort viel Energie zu verbrauchen. Und das machen sie nur, wenn es draußen nass und kalt ist. Da hilft auch keine Zeitumstellung, die einem ja nur noch mehr schlechtes Wetter beschert. In diesem dann doch recht trüben Licht besehen muss man dem „Kuratorium Gutes Sehen“ vorwerfen, es mit seiner Trendansage nicht allzu gut zu meinen. Denn wann, wenn nicht in grauen Zeiten, soll man sich eine Brille aufsetzen, die den freudlosen Alltag bunt färbt. Und je härter die Zeiten, desto größer die Gläser. Oder andersrum gefragt: Wenn der Mensch, weil’s draußen regnet, stumpf vor sich hin brummend durch seine vier Wände kreiselt, ohne einen Platz zum ruhevollen Verweilen zu finden, ist er dann nicht der glubschäugigen Stubenfliege am ähnlichsten? ari

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