Der Tag, an dem … : … teuer besser ist

Achtung, Revolution. Es ist alles ganz anders als bisher gedacht, und was das für Konsequenzen hätte, wenn es welche gäbe, ist überhaupt nicht abzusehen.

US-Forscher fanden nämlich heraus, dass – bitte hinsetzen – teure Medikamente besser wirken als billige, wenn der Patient nur weiß, dass seine Pillen, Drops, Dragees die teureren sind. Und das – bitte hinlegen – selbst dann, wenn weder in dem teuren noch in dem billigen Präparat ein Wirkstoff enthalten ist. Kurz: Je Preis desto Wirkung kraft Einbildung.

Es wurden davor schon andere Einbildungen wissenschaftsnotorisch: Dass sehr große oder sehr kleine Pillen besser wirken als mittlere, bunte besser als weiße, bittere besser als süße, viele besser als wenige. Oder wie die Amerikaner formulieren: „Der Placeboeffekt ist eine der faszinierendsten und am wenigsten genutzten Kräfte im Universum.“ Also alles Essig mit Ratiopharm? Schluss mit: Gute Preise, gute Besserung? Können sich die neuen Easy-Apotheken mit ihrem vollkommen sinnlosen Billig-Konzept direkt zur Intensivstation begeben oder suchen sie noch Erste Hilfe in akuter Preismaximierung: Zahle drauf, lebe auf? Denn wie soll ein Arzt jemals wieder einem Patienten glaubhaft ein billiges Medikament verschreiben? Das kann doch gar nicht mehr helfen, das kann er gleich lassen. Hier kehrt sich die universale Faszination des Placeboeffekts geradezu in einen Fallstrick um. Denn wenn alle über den Preis gesunden wollen – mal ehrlich: Das kann doch keiner bezahlen! Also was tun? Medikamente mit Tarnpreisen auszeichnen, die den eigentlichen bei weitem übersteigen, und die ergaunerte Marge irgendwohin überweisen. An die Kassen, die Hersteller, das Ministerium, weg damit nach Liechtenstein. Ist das eigentlich jetzt das Ende unseres Gesundheitssystems?

Ein Wort noch zum Patienten, dem vermeintlichen, wie man wohl rückschließen darf. Was genau sind das für Leiden, die Menschen zum Arzt gehen lassen, und wenn der nur sagt: Schluck dies, ist teuer!, hält man sich für kuriert? Dahinter steckt Sehnsucht nach Autorität und nach Extravaganz, beides Anzeichen von Orientierungslosigkeit, vielleicht gar gepaart mit Depression, gegen die auch „Prozac“ nicht mehr hilft, war wohl zu billig für den Heilungsnachweis. Damit muss Schluss ein. Wirkung kraft Einbildung: Erkläre man sich selbst für gesund, feiere das mit Champagner, der ist teuer, spart aber den Weg zum Arzt. Und auch der muss umdenken. Bisher, so die US-Forscher, glaubten sogar Mediziner, dass manche Arzneimittel besser wirkten als andere, weil sie tatsächlich besser seien. Total naiv. Das müssen sie uns nun aber teuer bezahlen lassen. ari

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