Der Tag, an dem … : … Wiedergutmachung wieder ein Thema ist

Hört das denn nie auf? Nun verklagen israelische Kinder von Holocaustüberlebenden die Bundesregierung auf Übernahme ihrer Psychotherapiekosten. Und so mancher wird sich hierzulande fragen, ob man nicht endlich genug gezahlt habe für die Verbrechen der Nazizeit.

Es entspricht dem Zeitgeist, andere für die eigene Misere verantwortlich zu machen. Mancher Jugendliche kommt nicht aus der Pubertät heraus und sucht die Schuld bei den eigenen Eltern, wenn er sein Leben nicht auf die Reihe kriegt. Vor Monaten ergab eine Umfrage in England, dass sich eine große Mehrheit der Bürger irgendwie als „Opfer des Systems“ sieht. Und die Palästinenser machen Israel dafür verantwortlich, wenn sie sich gegenseitig die Köpfe einschlagen. Da ist es nur logisch, dass Nachfahren von Holocaust- Überlebenden sich an Deutschland halten, wenn sie psychologischer Hilfe bedürfen. Und anders als andere Selbstentschuldungsstrategen haben sie auch gute Argumente auf ihrer Seite: Es ist erwiesen, dass Nachfahren von Holocaust-Überlebenden aus ihrer Familiengeschichte eine größere seelische Verletzlichkeit mit ins Leben bringen, dass sie erhebliche Schwierigkeiten haben bei der Ablösung von ihren Eltern, sich schwerer tun, Beziehungen einzugehen und der Welt mit mehr Angst und Misstrauen gegenüberstehen. Das alles aber sind tendenzielle Häufigkeiten, keine ehernen Gesetze. Genauso gibt es nämlich Kinder von Überlebenden, die mit ihrer Familiengeschichte gut zurechtkommen oder sie gar als Schriftsteller oder Künstler kreativ verarbeiten.

Das Problem mit der Entschädigung ist ein praktisches: Es ist kaum festzustellen, aus welchem Grund ein Kind von Überlebenden psychiatrische Hilfe braucht. Da kommt eine kollektive Erziehung im Kibbutz genauso infrage wie Mobbing am Arbeitsplatz oder andere traumatische Erlebnisse. Wer wollte schon entscheiden, ob die Familiengeschichte in der Schoah zu 20, 30 oder 70 Prozent schuld an einer psychischen Störung ist? Eine so exakte Wissenschaft wird die Psychologie wohl nie werden.

Der israelische Psychologe Dan Bar- On hat festgestellt, dass Kinder der Täter vom Schweigen in ihren Familien und der Rolle ihrer Eltern im Holocaust ebenfalls traumatisiert wurden. Die Täterkinder können nichts dafür, dass das damalige Deutschland ihre Eltern als Mörder beschäftigte. Sollten sie also auch auf Entschädigung klagen? Eine absurde Vorstellung. Deswegen hat die israelische Schriftstellerin Lizzie Doron recht, deren Mutter mehrere KZs überlebte: „Ich finde, wir sollten diese Büchse der Pandora nicht öffnen.“ clw

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