Der Tag, an dem … : … wir ausländisch lernen

Lidia Joanna Geringer de Oedenberg – synchronisiert: Lidia Joanna Geringer von Oedenberg – hat eine Eingabe gemacht. Das Europäische Parlament, dem Madame de Oedenberg – deutsch: Frau von Oedenberg – zugehörig ist, hat diese Eingabe mehrheitlich unterzeichnet. Und nun wird diskutiert. Soll künftig das gesamte Fernsehprogramm der öffentlich-rechtlichen Sender untertitelt werden? Das hülfe den 83 Millionen Europäern, die unter einem vollständigen oder teilweisen Hörverlust leiden. Und weil Madame de Oedenberg, Untertitel siehe oben, zusätzlich das Erlernen von Fremdsprachen fördern möchte, kann künftig auch auf die Synchronisation ausländischer Filme verzichtet werden. Learning by looking sozusagen, die Praxis in Skandinavien oder in den Niederlanden zeigt, dass das durchaus funktioniert.

Es wird Proteste geben, for sure, Untertitel: für sicher. Der Interessenverband der Synchronschauspieler wird sich zu Wort melden, der Bundesverband deutscher Synchronproduzenten mutmaßlich auch. Keine Frage, die Puristen werden aufschreien, die Gralshüter des deutschen Wortes, die noch bei jedem Anglizismus kurz vor der Selbstentleibung stehen.

Und es wird natürlich Probleme geben. Zum Beispiel bei „Beshkempir“, dem ersten Spielfilm von Regisseur Aktan Abdikalikow aus Kirgistan. Es leuchtet ein, dass der Film Untertitel braucht, die Zahl der Kirgisischkundigen hierzulande dürfte sich in überschaubaren Grenzen halten. Und mit einem Film lernt man diese gewiss sehr schöne Sprache nicht. Das Problem: Was macht der kirgisischunkundige Analphabet? Wird der nicht auf unerträgliche Weise ausgeschlossen vom Programmangebot der öffentlich-rechtlichen Sender? Wie vereinbart sich dieser Ausschluss mit dem Ziel der Europäischen Union, allen Bürgern den gleichen Zugang zu Information, Bildung und Kulturgütern zu sichern?

Man muss allerdings zugeben, dass dies ein kleines Problem ist, Kulturgüter aus Kirgistan sind nicht so oft im öffentlich-rechtlichen Fernsehen zu sehen. Ein Blick ins Programm der nächsten Woche: Kirgistan kommt nicht vor, das nicht deutsche Spielfilmangebot kommt überwiegend aus dem englischsprachigen Raum und „In principio erano le mutande“, synchronisiert: „Am Anfang war die Unterhose“, aus Italien (Dienstag, ZDF), ist allein schon vom Titel her ein verzichtbares Vergnügen. Madame Lidia Joanna Geringer de Oedenbergs Eingabe, sehen Sie, das muss schon nicht mehr übersetzt werden, könnte erfolgreich sein. uem

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