Der Tag, an dem … : … wir lustige Holzhackerbuam heranziehen

Weil man ja nicht ständig alles im Auge behalten kann, ist uns ein wenig durch die Lappen gegangen, dass das Jugendamt des Landkreises Gießen bereits im vergangenen Sommer einen jugendlichen Gewalttäter, 16 Jahre alt, für neun Monate zur Besserung nach Sibirien geschickt hat. Der rüde Knabe ist im Dorf Sedelnikowo untergebracht, wobei im Russischen die Endung „-nikowo“ frei übersetzt in etwa bedeutet: „niemand kommt wochenlang“. Für all die, die gerade kein Bild von Sedelnikowo vor Augen haben, nur so viel: Nizza ist es nicht gerade!

Dem Vernehmen nach wurde der unwirtliche Ort nicht etwa wegen seiner preiswerten Unterbringungsmöglichkeiten (150 Euro pro Tag) ausgesucht, sondern wegen der besonders „reizarmen Umgebung“, wie es der zuständige Jugenddezernent des Landkreises Gießen nennt. Das scheint plausibel, wobei, wenn man nur auf diesen Aspekt Wert legt, es die Wetterau oder Offenbach ganz bestimmt auch getan hätten.

Für den im Jugendamt des Landkreises Gießen entwickelten Resozialisierungsgedanken ist das Wetter in der Wetterau allerdings bei weitem zu schön. In Sedelnikowo hat es dagegen schon mal Minus 55 Grad. Das Dorf wurde auch deshalb ausgewählt, damit der Junge „unter extremen Wetterbedingungen und durch harte körperliche Arbeit lernt, seine Aggressionen zu kontrollieren“. Angeblich hackt er dort viel Holz und hat erfolgreich und ganz passabel gelaunt sein eigenes Plumpsklo ausgehoben. Wie er so drauf ist, wenn es wieder wärmer wird – nun, das weiß kein Mensch.

Ganz ehrlich, so fortschrittlich hätte unsereiner Hessen gar nicht erwartet – Jugendliche zum Holzhacken zum Russen zu schicken, darauf muss man erst mal kommen. Hat Roland Koch davon nix gewusst ? Warum hätte er sonst damit hinterm Berg halten sollen? Oder plant er womöglich noch als entscheidenden Wahlkampfcoup einen Kurztrip nach Sibirien. Schöne Bilder wären das, er, Koch, putinmäßig mit freiem Oberkörper holzhackend, während unser Delinquent mit beiden Händen den Hackklotz hält, um mit ängstlicher Miene für Stabilität zu sorgen. Koch, lächelnd vor dem ersten Hieb: Seht her, wir können auch anders!

Irgendwann im Frühjahr kommt der Junge aus Sedelnikowo zurück nach Hessen, bestimmt reifer geworden, auch was seine Oberarmmuskulatur angeht. Wie es heißt, soll er dann behutsam wieder an die „Reiz- und Konsumwelt“ gewöhnt werden. Wahrscheinlich darf er sich erst mal im Baumarkt eine vernünftige Axt aussuchen. Vbn

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