Der Tag, an dem … : … wir wirklich mal können

Über die Union hat Peter Struck, unser Lieblingspfeifenrauchendermotorradfahrenderspdfraktionsvorsitzender, unlängst gesagt, sie könne ihn mal. Unstrittig ist, was die Union ihn mal könne. Der Ausspruch ist eine Adaption des Ausrufs dessen von Berlichingen, wie ihn Geheimrat Goethe zitierte und auf diese Weise weltberühmt machte. Die Union ihrerseits empfand das Struck’sche Angebot, ihn mal zu können, als Höhepunkt, sie zeigte sich empört. Das war, wie wir heute wissen, stark übertrieben. Der Struck’sche Vorschlag war nämlich nicht ganz so ernst gemeint, in Wahrheit hat Struck nicht im Traum daran gedacht, dass die Union ihn mal könne. Er hätte sich eine praktische Umsetzung gewiss verbeten. Anders verhält es sich mit Klaus Zumwinkel, dem Ex-Post-Chef und amtierenden Spitzensteuerhinterziehungsverdächtigen. Über den hat Peter Struck gesagt, er könne ihn wirklich mal.

Der Unterschied liegt in der Steigerung, liegt im „wirklich“. Wenn erst der Zumwinkel den Struck mal wirklich kann, was hat sich die Union eigentlich aufgeregt? Sie hätte den Struck ja nur unwirklich gekonnt, also gar nicht, sie hätte wahrscheinlich nicht mal gedurft, wenn sie gewollt hätte.

Der Altmeister der politischen Steigerungsbeleidigung heißt Herbert Wehner, auch der einst unser Lieblingspfeifenrauchenderabernichtmotorradfahrenderspdfraktionsvorsitzender. An dessen spezielle Fähigkeit reicht der Struck noch nicht heran. Einmal ging der Wehner den Fernsehmann Ernst- Dieter Lueg mit den Worten an: „Was Sie damals gesagt haben, war schon Quatsch. Was Sie heute sagen, ist noch viel quätscher.“ Das geht schon deshalb über Struck hinaus, weil es wortschöpferisch wirkte. Der Höhepunkt des Wehner’schen Schaffens aber war erreicht, als er den Bundestagsabgeordneten Jürgen Wohlrabe umbenannte und ihn „Übelkrähe“ schalt. Eine Meisterleistung! Eine seltene und formvollendete doppelte Steigerung. Da hatte die Union wirklich mal Grund, sich zu empören.

Sehr subtil, weil erst auf den zweiten Blick als politische Steigerungsbeleidigung auszumachen, Wehners Charakterisierung des einstigen Außenministers Hans-Dietrich Genscher: „Der mit den Ohren!“ Damit war alles gesagt und mit Blick auf Genscher war der Superlativ sofort sichtbar.

Solche Spitzenleistungen der Rhetorik sind heute kaum noch zu hören. In der Union ist niemand zu erkennen, der dazu fähig wäre. Bei der Linken auch nicht. Bei der FDP? Na gut, war ein Witz. Und Peter Struck? Der hat wenigstens den einen Satz. Der nächste Kandidat, der ihn mal kann, kann ihn wahrscheinlich mal echt wirklich.uem

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