Zeitung Heute : Der Tag, nachdem die Seuche kam

Die ersten Ostergäste haben abgesagt. Und schon werden im sächsischen Wermsdorf Vorwürfe gegen den Geflügelzüchter laut

Philipp Lichterbeck[Wermsdorf]

Das tödliche Virus bevorzugt die schönen Landschaften. Vor Monaten wurde es auf Rügen entdeckt, an zwei Schwänen. Nun, in Sachsen, im Wermsdorfer Forst bei Grimma, ist wieder ein Schwan tot. Und: H5N1 hat erstmals den Weg in einen Zuchtbetrieb gefunden. Wieder ist es dem Menschen ein Stück näher.

Es könnte wohl kaum idyllischer hier sein. Die Gänsezucht Wermsdorf ist auf einer Landzunge erbaut, zur einen Seite der dunkle Göttwitzsee, zur anderen der von Schilf gesäumte Horstsee, auf dem hunderte Schwäne, Enten und Haubentaucher schwimmen. Reiher überfliegen das Wasser, und in den Dörfern der Umgebung ragen Schornsteine mit Storchennestern auf. Vögel überall. Wahrscheinlich war es so ein Wildvogel, der die Tiere des Bauern Eskildsens angesteckt hat, heißt es am Donnerstagmittag; vier Epidemiologen erforschen das noch.

Wermsdorf ist nun kein Idyll mehr. Der kleine Ort, 3000 Menschen leben hier, ist zum medialen Mittelpunkt Deutschlands geworden. Auf einem Seeparkplatz mit Blick auf die Landzunge haben sich Übertragungswagen samt Satellitenantennen aufgereiht. Stative, Kameras, Kabel und Mikrofone werden umhergetragen. Frisch geputzte Neuwagen mit Großstadtkennzeichen stehen da. Sehen kann man freilich wenig.

Der Hof liegt hinter Bäumen, und vor den Bäumen stehen die Verbotsschilder. Nur von einer Anhöhe aus ist über die kahlen Rübenfelder die Größe des Zuchtbetriebs zu erahnen. Mehr als zwanzig lang gestreckte und fensterlose weiße Baracken liegen zwischen den Bäumen, mit runden Futtersilos, auf ihren Dächern Lüftungsanlagen. Das Gelände hat das Ausmaß mehrerer Fußballfelder, auch Freilandställe sind auszumachen.

Noch in der Nacht lag eine gespenstische Lichtkuppel über der gesamten Anlage, das Brummen von Motoren war zu hören. 8000 Puten und Hühner wurden gekeult – der Begriff stammt aus einer Zeit, als man die Tiere noch mit der Keule erschlug. Heute vergast man sie mit Kohlendioxid. Eine Spezialfirma besorgte das, dichtete die Ställe ab und leitete dann das Gas ein; auf Fotos ist ein riesiger grauer Tankwagen zu sehen, auf dem in Blau „CO 2 TV Kohlensäure Technik und Vertrieb“ geschrieben steht. Die Kadaver, rund 120 Tonnen, wurden dann noch des Nachts in eine Tierkörperverwertungsanlage gebracht, nach Lenz bei Riesa, wo sie so lange gekocht werden, bis sie zerfallen und zu Fett, Seife und Lippenstift verarbeitet werden.

Auch Lorenz Eskildsen hat beim Keulen geholfen. Er ist der Inhaber des Zuchtbetriebs, ein großer Mann mit Halbglatze und schmaler Brille, er hat die Firma in jahrelanger Arbeit aufgebaut. Eskildsen, 41 Jahre alt, kam vor 16 Jahren nach Sachsen, er stammt aus einer norddeutschen Züchterfamilie. Mehr als zwölf Millionen Euro hat er in Schlachtereien, Mast- und Zuchtbetrieb sowie Brütereien investiert. Eine halbe Millionen Gössel, das sind Gänseküken, schlüpften jährlich auf dem Gelände und wurden nach ganz Deutschland zur Aufzucht verschickt; in zwei weiteren ostdeutschen Gemeinden betreibt er ähnliche Zuchtbetriebe. Eskildsen hatte sich auf Freilandgänse und Bioputen spezialisiert, „in einigen Bereichen sei er sogar zum Marktführer in Deutschland“ aufgestiegen, heißt es in der Lokalpresse – die Behörden fahnden schon nach seinem Fleisch im Handel. Und Lorenz Eskildsen lässt sich nicht mehr blicken. Besorgt und traurig hatte er am Abend zuvor im Fernsehen gewirkt. Am Tag darauf taucht irgendwann das Zitat von ihm auf, er werde das schon schaffen. Seine Telefonnummern kursieren, aber er geht lange nicht ran.

Die beiden einzigen Zufahrtswege zum Zuchtbetrieb sind abgeriegelt. Der Hof ist Sperrzone. Wer trotzdem versucht, sich auf einem der Wege zu nähern, wird von Polizisten zurückgewiesen: „Zufahrt nur für Feuerwehr, Katastrophenschutz und Tierarzt.“ Die Beamten wissen auch nichts Genaues. Sie sind aus Leipzig herbeordert worden. Auf einer anderen Zufahrt hat der Katastrophenschutz eine Desinfektionswanne aufgestellt. Daneben stehen ein orangefarbenes Zelt und ein großer roter Lkw. Sie leuchten bedrohlich in der ansonsten eher blassen Landschaft. Alle Fahrzeuge müssen durch eine keimtötende Chemikalienflüssigkeit rollen. Ein Mann in einem gelben Ganzkörperanzug mit Gasmaske, Schutzbrille und Gummistiefeln trägt mehrere Metallflaschen auf dem Rücken und eine Sprühkanone in der Hand. Drei seiner Kollegen, auch sie in leuchtendem Gelb, kommen vom Hof geschlendert. Er besprüht sie sorgfältig. Dann setzt er die Maske ab und trinkt einen Kaffee. Als man von einem Feuerwehrmann wissen will, was sich hinter den orangefarbenen Vorhängen verberge, die mitten auf dem Feld die Sicht versperren, antwortet er: „Sieht nicht aus wie ein Dixi-Klo, oder?“

Ein schwarzer BMW hält. Ein schlaksiger, dunkel gekleideter Mann mit ergrautem Schnauzer entsteigt. Es ist der Landrat des Muldentalkreises, Gerhard Gey von der CDU. An seinem Außenspiegel hat Gey ein grünes Band angebracht; es soll an die beiden im Irak entführten Sachsen erinnern, die aus seinem Landkreis stammen. Aber nun hat Gey ganz andere Sorgen. Die Koordination des Katastrophenschutzes liegt bei ihm, obwohl er, wie er sagt, „das Wort Katastrophe nur sehr ungern ausspreche“. Zum Gespräch bittet er in seinen Wagen.

Die eine Hälfte der Tiere, Puten und Hühner, sei in der Nacht „konsequent“ getötet worden, sagt er. Die andere Hälfte, die Gänse, würde im Laufe des Tages umgebracht, das dauere bis zum Abend. Man wisse bloß noch nicht, wie es gemacht werden soll. „Wir wissen noch nicht, ob wir eine Elektrowanne aus Thüringen bekommen, um die Tiere per Stromschlag zu töten, oder ob sie auch vergast werden müssen. Das dauert bei Gänsen sehr viel länger. Es sind Wasservögel, sie können die Luft anhalten.“

Eigentlich wollte Gey heute Urlaub machen, seine Tochter ist mit seinem Enkel aus München zu Besuch. Nun muss er beschwichtigen und unablässig werben für die Region, in der sich, weil die Landschaft so schön ist, seit der Wende ein bescheidener Wander- und Radtourismus entwickelt hat. Es gibt zahlreiche Gasthöfe, auf den Seen dümpeln Tretboote in Schwanenform, die Hubertusburg über Wermsdorf ist eine ansehnliche Barockfeste. Der Tourismus sei doch vom Ganzen gar nicht betroffen, hofft Gey. Die Touristen schauen sich ja keine Hühnerställe an. Aber im nahen Gasthof zum Döllnitzsee sind sie stinksauer: „Gäste haben jetzt kurz vor Ostern storniert, weil wir in der Drei-Kilometer-Sperrzone liegen“, sagt die Kellnerin. Einige sind speziell wütend auf Eskildsen, der „hierher gekommen ist und jetzt durch Unachtsamkeit eine ganze Region in Verruf“ bringe. „Es geht wirtschaftlich doch ohnehin schon schlecht genug. Und jetzt kommt dieser Herr und lässt seine Gänse frei laufen“, ereifert sich eine Frau, die jedoch verkennt, dass die freilaufenden Gänse gar nicht vom H5N1-Virus befallen waren.

Und auch den Nachbarort von Wermsdorf, Mutzschen, hat die Katastrophe schon erreicht. Hier steht die Geflügelschlachterei des Unternehmens Velisco seit zwei Tagen still. Viel Geflügel, das sie hier verarbeitet haben, kam von Eskildsens Hof. 200 Angestellte haben nun frei, andere sind schon an die Fabriken des Unternehmens in Westdeutschland ausgeliehen. Fünf Arbeiter werkeln auf dem Hof, sie sollen hier alles desinfizieren.

Am späten Vormittag rollt eine grünweiße Kolonne von Polizeifahrzeugen vorbei. Sie soll die drei Kilometer große Sperrzone besser überwachen, die rund um den Geflügelhof eingerichtet worden ist. Die Polizei ist überall. Schon in der Nacht standen sie kurz nach der Autobahnabfahrt zu acht und fragten, ob man Eier, Lebendgeflügel oder Geflügelprodukte bei sich führe. Sogar in den Kofferraum wollten sie schauen, erst dann durften die Wagen weiterfahren.

Wenn er auf die Polizei „und das ganze Brimborium“ zu sprechen kommt, wird Jürgen Schönberg laut. Er ist ganz in Grün gekleidet, auf seinem T-Shirt steht „Direktvermarktung in Sachsen“. Der kompakt gebaute 60-Jährige hat dicke Ringe unter den Augen und ist fahrig, er steht vor seinem Stall in dem Dorf Liptitz, ein anderer Nachbarort. Früher war er mal Schlosser, aber 1997 hat er sich dann auf die Eierproduktion spezialisiert, nachdem er arbeitslos geworden war. Er hat einen Kredit aufgenommen und es zu 4500 Hühnern gebracht, die Freilandeier legen. Die verkaufte er auf den Wochenmärkten in Leipzig. Aber jetzt liegt auch sein Hof knapp in der Sperrzone, in der keine Geflügelprodukte transportiert werden dürfen, obwohl, wie er fast schreit, „meine Hühner kerngesund sind“. „Ich sitze auf heißen Kohlen“, ruft er. „Ich warte, bis andere über meine Existenz entscheiden. Wenn sie meine Hühner auch keulen wollen, bitteschön! Dann kann ich wieder von vorne anfangen. Aber wenn mein Ruf ruiniert ist und keiner mehr bei mir kauft, dann nehme ich mir den Strick, dann ertrinke ich in Schulden.“

Am Nachmittag fällt der Beschluss im Krisenzentrum: Das gesamte weitere Geflügel in der Drei-Kilometer-Sperrzone soll getötet werden. Noch einmal 14 000 Tiere. Kleinere Bestände von Privatpersonen. Auch Schönbergs Tiere sind dabei. Um 18 Uhr 07 fährt der Lastwagen mit den Gasflaschen auf den Hof. Vier Stück. Steigrohrleitung. Von ihm gebe es zu Ostern keine Eier, sagt Schönberg bitter. Auf dieses Geschäft hatte er so gehofft.

Hintergründe und Expertisen zu aktuellen Diskussionen: Tagesspiegel Causa, das Debattenmagazin des Tagesspiegels.

Hier geht es zu Tagesspiegel Causa!

0 Kommentare

Neuester Kommentar