• Der Tagesspiegel AM SONNTAG „Freitag um eins macht jeder seins“? Zwei Konfliktberaterinnen über das KW-Problem im Staatsdienst

Zeitung Heute : Der Tagesspiegel AM SONNTAG „Freitag um eins macht jeder seins“? Zwei Konfliktberaterinnen über das KW-Problem im Staatsdienst

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DiplomPsychologin Anette Harms-Böttcher (50) und Kommunikationstrainerin Gabriele Haben (47) bieten in ihrem Beratungsinstitut „Harms & Haben“ Schulungen und Coaching an. Zu ihrem Themenschwerpunkt Mobbing haben die beiden Trainerinnen die Bücher „Das Hamsterrad. Mobbing – Frauen steigen aus“ sowie „In eigener Sache – Selbstmanagement in Mobbingprozessen“ (beide Orlanda Verlag, Berlin, 10 Euro) veröffentlicht.

Heute einen Job im Öffentlichen Dienst zu ergattern, gleicht fast einem Sechser im Lotto. Wie begegnet man den Kollegen mit einer so genannten Kann-Wegfallen-Stelle (KW)?

HABEN: Im Öffentlichen Dienst treffen Menschen, die sich durch den KW-Vermerk ihrer Personalakte entwertet fühlen und oft eine resignative Haltung entwickelt haben, auf neue Kollegen, die sich beruflich im Aufwind wähnen. Da entstehen Neidgefühle.

HARMS-BÖTTCHER: Die das Glück hatten, einen Job zu ergattern, müssen sich diese Situation klar vor Augen zu halten. Doch viele verhalten sich ausgesprochen naiv. Sie glauben, ihr Glück müsse auch das Glück ihres gesamten Umfeldes bedeuten, die Kollegen müssten signalisieren: Wir freuen uns, dass du da bist. So ist es aber nicht. Wichtige Verhaltensregeln für den Neuen heißen deshalb: die Gruppenregeln beachten, Gewohnheiten nicht pauschal umkrempeln wollen, sich bei Konflikten erst einmal zurückhalten.

HABEN: Umgekehrt ist es auch wichtig für die Kollegen mit dem berüchtigten KW-Vermerk, sich mal in die Schuhe des Neuen zu stellen. Es geht darum sich klar zu machen, dass die Verantwortung für die unklare Situation im öffentlichen Dienst nicht bei den einzelnen Beschäftigten liegt und deshalb auf individueller Ebene nicht zu lösen.

Gibt es Konfliktsituationen, unter denen Staatsdiener besonders häufig leiden?

HARMS-BÖTTCHER: Im Öffentlichen Dienst treffen verbeamtete auf angestellte Mitarbeiter. Die Beamten neiden den Angestellten ihre vermeintliche Freiheit, die angestellten Mitarbeiter wiederum den Beamten den Pensionsanspruch.

HABEN: Außerdem bringt der Rest der Bevölkerung den im Öffentlichen Dienst Beschäftigen nicht sehr viel Respekt entgegen. Die Leistung wird in Frage gestellt nach dem Motto: Freitag um eins macht jeder seins.

Der öffentliche Dienst unterscheidet sich von der privaten Wirtschaft durch ein Dienstrecht. Empfehlen Sie gleichwohl, Konflikte erst einmal unter den Betroffenen direkt zu klären?

HARMS-BÖTTCHER: Aber ja! Es macht überhaupt keinen Sinn, sich sofort mit einer schriftlichen Beschwerde an den Vorgesetzten zu wenden, ohne abgeklärt zu haben, ob es sich nicht um ein leicht aus der Welt zu schaffendes Missverständnis handelt. Also nicht mit Kanonen auf Spatzen schießen! Zunächst einmal klären – möglicherweise auch vertraulich mit Ansprechpartnern wie Personalrat und Gleichstellungsbeauftragter – worin die atmosphärische Störung besteht, was Ursachen und Hintergründe sind und was man selbst beitragen kann und will, um sie zu bereinigen.

Das Gespräch führte Christine Schreiber.

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