Der Tagesspiegel : Auf dem Boden der Tatsachen

1945: Berlin startet seine Karriere als Krisenherd. Im Ost- und Westteil entstehen wieder erste deutsche Zeitungen. Und in einem Haus etwas außerhalb bringt einer seine Mission voran. Ergebnis: "Der Tagesspiegel“ – mit bald 20.000 Ausgaben

Jürgen Engert

Durch die Straßen rollen Karren, darauf ein Sack oder ein Pappkarton, mit vielleicht 50 Kilo Gewicht, sie werden zum Friedhof geschoben. Särge gibt’s nicht und Bestatter auch nicht. Es wird viel gestorben im Berlin des Jahres 1945, im Mai, dem Übergang vom Krieg zum Nachkrieg, täglich 2000 Tote.

Alfred Döblin, Autor von „Berlin, Alexanderplatz“, emigriert 1933 nach dem Reichstagsbrand, besucht seine ruinierte Heimatstadt. Die französische Botschaft stellt ihm ein Auto für eine Rundfahrt. Am Steuer sitzt ein ehemaliger Berliner Taxichauffeur. Döblin: „Seit 1933 bin ich nie wieder hier gewesen.“ Taxifahrer: „Da ham Se ooch nüscht verpasst!“

Trümmer und Schutt, Häuserfassaden mit blinden Augen. Die Berliner: unbehaust. Wie viele Kubikmeter Steinhaufen haben die Bomben hinterlassen? 55 Millionen oder 100? Egal. Berlin hat eine neue Topographie. Berlin ist Spitze in der Zerstörungshierarchie der deutschen Städte. Selbst die Ausgemergelten vermerken das nicht ohne Stolz. Die Berliner Mentalität ist auch im Elend heilgeblieben. Weltruinenstadt, eine Touristenattraktion!

Juli 1945, Oberst Howley ist mit 500 Soldaten unterwegs nach Berlin. An der Elbe stoppen die Russen das amerikanische Voraus-Kommando. Sie berufen sich auf eine angebliche Vereinbarung und erlauben erst nach drastischer Reduzierung der Truppe die Weiterfahrt. Das dicke Ende kommt in Babelsberg. Die Amerikaner werden von Sowjetarmisten gefangen genommen. 33 Offiziere, 175 Gemeine und 50 Fahrzeuge; zehn Tage unter schärfster Bewachung.

Irrtum? Ausgeschlossen. Konsequenzen? Keine. Denn noch ist sie in Washington existent, die Vorstellung, die Anti-Hitler-Koalition ließe sich über das Kriegsende hinaus fortführen: mit einem Kontrollrat für Deutschland als Ganzes und mit einer alliierten Kommandantur für die Viermächtestadt Berlin.

Was Oberst Howley erlebt, ist der erste Indikator eines nicht wiedergutzumachenden Versäumnisses. Ein umfassendes Abkommen für den freien Verkehr von und nach Westberlin wurde nie abgeschlossen – obwohl die Amerikaner dafür ein Faustpfand gehabt hätten. 1945 sind sie in Sachsen und Thüringen, fast drei Viertel der für die Sowjetunion reservierten Zone haben sie okkupiert. Tausche für, tausche gegen…

Die Menschen erfahren nichts von dem, was die Herrschaften da oben betreiben, zumindest nichts sicheres. Es gibt keine Nachrichten. Es gibt nur Gerüchte und parteiische Verlautbarungen. Die lassen die Sowjetrussen seit Mai 1945 von ihren deutschen Genossen senden, durch den Berliner Rundfunk. Aus dem Haus in der Masurenallee, das sie sich vor dem Einzug der Westalliierten schnell unter den Nagel gerissen haben.

Propaganda wird auch gedruckt. Anödend in der „Täglichen Rundschau“ und wenig später, anspruchsvoller, in der „Berliner Zeitung“. Es folgen im sowjetischen Sektor „Die Neue Zeit“ der CDU und „Der Morgen“ der Liberaldemokraten. Produziert wird auf Maschinen, die aus dem alten Berliner Zeitungsviertel in Kreuzberg stammen. Ausgebaut und abgebaut und abtransportiert von West nach Ost. Etwa 70 Prozent der Berliner Industrieanlagen rollen in die Sowjetunion; manchmal mit Personal.

„Es war einmal ein Land, in dem gab es keine Zündhölzer“, schreibt Erich Kästner. „Und keine Sicherheitsnadeln. Und keine Stecknadeln. Und keine Nähnadeln. Und kein Garn zum Stopfen … Und kein Seifenpulver. Da wurden die Einwohner des Landes ziemlich traurig. Denn erstens fehlten ihnen alle diese kleinen Dinge, die das Leben bekanntlich versüßen und vergolden. Zweitens wussten sie, dass sie selber daran schuld waren. Und drittens kamen immer Leute aus anderen Ländern und erzählten ihnen, dass sie daran schuld wären. Und sie dürften es nie vergessen. Die Menschen in dem Land hätten nun furchtbar gern geweint. Aber Taschentücher hatten sie auch nicht…“

Kästners Beschreibung erklärt, warum in einer Zeit des totalen Mangels das Interesse auf die eigenen Bedürfnissen gerichtet ist. Da ist die Zeitung zuerst Klopapier, nicht Lektüre. Und die Journalistin, die am Rand des Dahlemer Feldes die Wächter vor dem Korn beäugt, auf dem Sprung, sich ein paar Ähren abzuschneiden, denkt an keine Reportage. Ihr knurrt der Magen. Da verheißt eine Weigerung der Sowjets nichts Gutes. Nach dem Einzug der Amerikaner, Briten und Franzosen liefern sie keine Lebensmittel und keine Kohle mehr ins westliche Berlin.

Der heiße Krieg ist zu Ende, der kalte beginnt. Die Schlüsselfunktionen im Magistrat und in den Bezirksämtern sind mit kommunistischen Vertrauensleuten besetzt worden. Die Losung Walter Ulbrichts wird umgesetzt: „Es muss demokratisch aussehen, aber wir müssen alles in der Hand haben.“

Vor der Potsdamer Konferenz vom 17. Juli bis zum 2. August 1945 hatte Churchill, mit Blick auf die Moskowiter, dem amerikanischen Präsidenten Truman telegrafiert: „Ein eiserner Vorhang ist vor ihrer Front niedergegangen. Was dahinter vorgeht, wissen wir nicht.“

Eine Teilung zwischen Deutschland-Ost und Deutschland-West mit diesem merkwürdigen Gebilde Berlin dazwischen, zeichnet sich ab. Noch glauben die Amerikaner, in absehbarer Zeit ihre Koffer packen zu können. Noch hegen die Westberliner keine Herzensfreundschaft zu den Yankees. Sie reden über beschlagnahmte Häuser, aus denen die Besitzer nur das Nötigste mitnehmen dürfen, ruck-zuck raus, dalli-dalli. General Eisenhower hat Fraternisierungsverbot verhängt: „Sprich mit Deutschen nur dienstlich! Tue nichts anderes als mit ihnen sprechen!“ Aber die Stadt hat einen enormen Überschuss an „Fräuleins“. Und GIs sind wohlhabend zu jener Zeit, wenn sie an der Zigarettenbörse auf dem Schwarzen Markt das Stäbchen für bis zu 20 Mark verhökern. Ein Pfund Bohnenkaffee wird auch gern genommen. Der Preis: Zwischen 500 und 800 Mark.

Je mehr es knirscht zwischen den Siegern-West und dem Sieger-Ost, desto mehr richtet sich das Augenmerk auf die Stadt. Hier wird Weltpolitik gemacht. Und das internationale Pressekorps rückt ein. Büros werden eröffnet. 1945 startet Berlin seine Karriere als Krisenherd. Ein Markenzeichen, das die Überlebensfähigkeit der westlichen Teilstadt sichert. Die Turbulenzen helfen dem Selbstbewusstsein derer, die dabei sind, in ihrer Misere zu verzweifeln. Ausgemergelte Gestalten, umweht vom Duft der großen, weiten Welt: „Wenn wa schon nüscht andres ham, dann nehm wa äbn ‘ne Krise!“

Der Untergang Berlins als Welthauptstadt der Presse im Jahr 1933 war auch eine Krise gewesen. Frei, frech, voller Ernst war die Presse gewesen, investigativ schon, als den Begriff noch keiner kannte. 77 politische Zeitungen und dazu 70 Blätter in den Bezirken. Vielfalt, getragen von den Großverlagen Ullstein, Mosse und Scherl. Davon übrig blieb, zu schlechter Letzt: „Der Panzerbär“, herausgegeben von Joseph Goebbels, ein Papierchen, das die Manneskraft stärken sollte beim Kämpfen.

1945 aber sitzt in Mahlow bei Berlin in einem Häuschen ein Mann. Aufsehen hatte er erregt, 1931, als Literat und Publizist. Mit dem Industrieroman „Union der festen Hand“, für den er den Kleist-Preis erhielt; und mit einer Artikelserie 1931 in der Vossischen Zeitung „Naturgeschichte des Nationalsozialismus“. Der Name des Mannes ist Hermann Dannenberg, sein Pseudonym Erik Reger. Einer vom Jahrgang 1893. Das „Sieg Heil“ hat der Nazigegner am Tempelhofer Damm überdauert. Unter Bedeckung in einem Lektorat im Druckhaus des Ullstein-Verlages, der nach der „Arisierung“ als Deutschlandverlag firmiert.

Es ist ein Kennzeichen der Nachkriegszeit, dass es keine Karrieremuster mehr gibt. Befähigung wird nicht mit Zeugnissen verbunden, sondern mit Ärmel aufkrempeln, Tatkraft, Einfallsreichtum, Rigorosität, ja, auch mit der. Erik Reger in Mahlow will nicht nur in Zeitungen schreiben, er will eine Zeitung, seine Zeitung machen, um von den Besatzern eine Lizenz zu bekommen, die, nebenbei, in Berlin und andernorts, gleichsam eine Erlaubnis zum Gelddrucken bedeutet. Dass er nicht in das Konzept der Sowjets passte, Reger wird’s nicht gewundert haben.

Aber Reger, der Sucher, wird fündig – und zwar bei Peter de Mendelssohn, seit 1944 zugehörig der britisch-amerikanischen Abteilung „Psychological Warfare“. Der Emigrant, Journalist von Haus aus, unter anderem beim „Berliner Tageblatt“, der renommiertesten Zeitung Berlins, hält Ausschau nach Geeigneten für eine Lizenz. Reger ist für ihn kein bloßer Name, Reger ist für ihn ein Charakter. Kauzig, schroff, dominant, nicht unbedingt liebenswürdig. Dafür unabhängig und überzeugungstreu – und nicht die Spur von braun, was das Wichtigste ist. Umerzogen werden sollen die Deutschen. Hin zur Demokratie.

Doch einer allein darf grundsätzlich keine Lizenz bekommen. Also treten als Mitherausgeber an Regers Seite: Der Papiergroßhändler Heinrich von Schweinichen, Walther Karsch, ein enger Mitarbeiter Carl von Ossietzkys bei der „Weltbühne“, Feuilletonist von hohem Grade, und Edwin Redslob, Kunsthistoriker, „Reichskunstwart“ in der Weimarer Republik und zudem Urheber des rührenden Versuchs, die demokratischen Farben Schwarz-Rot-Gold, entgegen dem Schwarz-Weiß-Rot, zu popularisieren: durch das Anstreichen von Schranken auf Bahnübergängen. Redslob wird später der erste Rektor der Freien Universität sein. Von ihm stammt der Leitspruch im Kopf der Zeitung: „rerum cognoscere causas“, den Grund der Dinge erkennen. Mit dem Titel tut man sich schwer. Die Amerikaner liebäugeln mit „Zukunft“, Reger setzt „Tagesspiegel“ durch.

Die Herausgeber sind eine gemischte Truppe, eines Sinnes sind sie nicht. Aber Erik Reger beansprucht das Kommando und er bekommt es auch. Kein Schaukeln zwischen Ost und West, kein Dritter Weg. Der Westen, das ist für ihn die Verkörperung von Werten, die eine Gemeinschaft ausbilden. Und zu der haben die Deutschen zu gehören. Reger ist ein Missionar, seine Botschaft will er von Berlin aus in Deutschland verbreiten. Einmal Metropole, immer Metropole. Mancher ahnt es, keiner weiß es zu diesem Zeitpunkt: das Dementi durch die normative Kraft des Faktischen.

Das erste Domizil des „Tagesspiegel“ ist, zusammen mit anderen Blättern, das Druckhaus Tempelhof des früheren Ullstein-Verlages; im Krieg beschädigt, dennoch weitgehend intakt. Nach der Zerstörung des Berliner Zeitungsviertels an der Kochstraße beginnt unter dem Dach des Baus aus dem Jahr 1926 mit seinem 13-stöckigen Turm der Puls der Zeitungsstadt Berlin wieder zu schlagen. Das spüren die Berliner und auch die Brandenburger, Sachsen, Thüringer, Mecklenburger, Sachsen-Anhaltiner. Es gehört zu den Merkwürdigkeiten dieser Übergangszeit, dass der „Tagesspiegel“, wie andere westliche Publikationen, zunächst noch in der russischen Zone vertrieben werden darf.

Berlin 1945: Noch ist hier das geistige Zentrum. Noch wird um Konzepte für die „Erneuerung Deutschlands“ gerungen. Grenzübergreifend. Reger zielt auf die Intellektuellen. Bei vielen stößt er auf Ablehnung. Sie träumen von einem Sozialismus mit menschlichem Antlitz. Und wenn die Wirklichkeit nicht zur Vorstellung passt, dann wird sie passend gemacht. Die rote Nelke als blaue Blume.

Die strikte Option Regers für den Westen im Allgemeinen und Amerika im Besonderen stößt auch bei Berliner Politikern auf Ablehnung. Christdemokraten wie Jakob Kaiser, Ferdinand Friedensburg, Andreas Hermes, Nationalkonservative, glauben, Deutschland könnte seine Einheit bewahren durch Brückenschläge zwischen Ost und West. Für solche Kompromisse ist Reger nicht zu haben. Das ist vermutlich auch der Hintergrund für das Ausscheiden Heinrich von Schweinichens aus dem Herausgeberkollegium. Die amerikanischen Kontrolloffiziere entziehen dem Anschubfinanzierer die Lizenz. Mir nichts, dir nichts, wahrscheinlich auf Betreiben Regers. Beweise dafür existieren aber nicht. Die Akten sind lückenhaft. So genau wollen die Zeitungsgenossen sie auch nicht kennen, diese Geschichten in der Geschichte. Schließlich zählt, was hinten rauskommt. Und das ist ein Produkt, unverwechselbar. Eine Art Berliner Siegessäule.

Jürgen Engert war Gründungsdirektor des ARD-Hauptstadtstudios und viele Jahre Chefredakteur Fernsehen des Senders Freies Berlin. Von 1980 bis 1999 moderierte er das Magazin „Kontraste“.

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