Zeitung Heute : Der Tagesspiegel

Der Tagesspiegel

Von Ulrike Granass

Ein schwarz-beiges Muster wellt sich über den Boden, die Decke, die Wand, über Tisch, Stuhl und Sessel. Wollig-weiche gestrickte Stoffbahnen verhüllen den Raum, der als räumliche Collage noch bis zum 4. Mai hinter einem Schaufenster in der Auguststraße 52 in Berlin Mitte zu sehen ist.

Das in feinsten Strick gekleidete Wohnzimmer ist das Kernstück der Diplomarbeit von Marion Eichmann, Studentin der Kunsthochschule Weißensee. Sechzehn Millionen und nochmal 324 800 Maschen zählt ihre Diplomarbeit, doch das Stricken möchte die Designerin nicht als die Hauptsache begriffen wissen: „Ich bin keine Stricktante“. Es gehe vielmehr um ein spielerisches Experimentieren mit Fläche, Raum, Strukturen und Farben. Das kontrastreiche schwarz-beige Wellenmuster wirke dreidimensional und spiegele die Räumlichkeit wider.

Auf das Stricken ist sie aus zwei Gründen gekommen: „Für meine Abeit wollte ich den Stoff auf jeden Fall selbst herstellen und außerdem assoziiere ich Stricken mit Mustern.“ Hinter den Maschen steckt natürlich auch ein Batzen Arbeit. Viereinhalb Monate lang habe sie oft fünfzehn Stunden am Tag hinter der Strickmaschine gestanden, erzählt die Künstlerin und fügt hinzu: „Oft ist mir dabei der Faden gerissen.“ Die 263 Kilometer Wollgarn stammen größtenteils aus dem unerschöpflichen Fundus der Strickwerkstatt ihrer Hochschule. In der Dokumentation der Arbeit ist jede der 120 verarbeiteten Sorten dargestellt und nummeriert. Verstrickt wurden in den Kleidern auch einige Exoten unter den Garnen, wie Angelschnur und Metallgarn.

Begonnen hat die Diplomarbeit mit bunt gestreifen Strickkleidern, die ebenfalls ausgestellt sind. „Das Kleid ist dann in den Raum hineingewachsen“, sagt die Diplomandin. Überdies finden sich Parallelen zwischen den Accessoires der Kleider und den Details der eingestrickten Gegenstände: Die Stulpen für die Arme gleichen den Stulpen um die Beine des Tisches und der Stühle. „Ich habe für die Kleider einen anderen Körper als den menschlichen gesucht“, erläutert die Künstlerin. Präsentiert sind bei weitem nicht alle bekleideten Gegenstände. „Anfangs wusste ich ja nicht, wie groß die Ausstellungsfläche wird, die ich finde.“ Dass der Ausstellungsraum in der Auguststraße liegen sollte, war ihr schnell klar, denn für sie ist es spannend, die Reaktionen der Passanten auf ihr Werk zu beobachten. „Viele fragen nach den Strickkleidern, die sind für mich jedoch unbezahlbar und werden nicht verkauft.“ Aufträge nimmt sie aber an.

Doch der Raum ist so interessant wie die Kleider. Auf dem kuscheligen Tisch stehen eine eingestrickte Tasse und ein eingestrickter Kelch. Daneben zeigt ein Apfel seine rote Haut. Er sei liegen geblieben, mitgebracht als Proviant, und bildet nun einen Farbtupfer unter den beige-schwarzen Wellen.

Am Sonntag, 21. April, will die Designerin selbst einen Teil ihrer Raumcollage bilden, mit einem Kleid im gleichen Muster.

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