Zeitung Heute : Der Tagesspiegel

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Es ist nicht genau bekannt, was Rudi Völler, der Teamchef der deutschen Fußball-Nationalmannschaft, im Moment in seiner knappen Freizeit anstellt. Vielleicht surft er gelegentlich durchs Internet, um sich über die Geschehnisse außerhalb des Trainingsquartiers zu informieren. Möglich, dass er dann die Seite der rheinischen Boulevardzeitung „Express“ anklickt, um zu erfahren, was bei ihm zu Hause in Leverkusen los ist, und dass er dabei auf die Umfrage gestoßen ist, die von den Lesern wissen will, wie denn die deutsche Mannschaft bei der Weltmeisterschaft in Japan und Südkorea abschneiden werde. Im Moment fällt die Zustimmung für Völler und seine Mannschaft ganz passabel aus. 60 Prozent der Befragten glauben, dass Deutschland Weltmeister wird. Man muss diese Zahl nicht besonders ernst nehmen. Repräsentativ ist die „Express“-Umfrage mit Sicherheit nicht. Bei der ARD zum Beispiel trauen der deutschen Nationalmannschaft nur 9,8 Prozent zu, dass sie zum vierten Mal nach 1954, 74 und 90 den WM-Titel gewinnt. 12,3 Prozent jedoch fürchten, dass sie nicht einmal die Vorrunde übersteht. Diese Zahlen geben schon eher die wirkliche Gemütslage des deutschen Fußballvolkes wieder. Zum ersten Mal seit dem überraschenden Triumph 1954 in der Schweiz zählt die deutsche Nationalmannschaft bei einer Weltmeisterschaft nicht zu den Favoriten. Natürlich sollte das Team die Vorrunde überstehen, das Achtelfinale wäre in Ordnung, das Viertelfinale ein Erfolg - und alles darüber hinaus eine große Überraschung. 1994 und 98 war das noch anders. Berti Vogts schaffte es mit seiner Mannschaft immerhin zweimal unter die besten acht. Das Ausscheiden gegen Bulgarien (1994) und Kroatien (1998) jeweils im Viertelfinale löste jedoch in Deutschland so etwas wie den fußballerischen Notstand aus. Am Ende trat Vogts entnervt zurück, und die Fußballfans hofften, dass es bald wieder besser werden würde. Wurde es aber nicht. Rudi Völler hat es einfacher: Wo es keine Erwartungen gibt, können auch keine enttäuscht werden. Umso erstaunlicher ist, dass der Teamchef und viele Spieler sich recht optimistisch äußern. „Bis auf wenige Ausnahmen ist jeder davon überzeugt, dass hier was möglich ist“, sagt Völler. Die offizielle Sprachregelung für die deutschen Nationalspieler lautet ohnehin schon seit Monaten: Wenn wir die Vorrunde überstehen, ist alles möglich. Alles? Der Titel? Oder zumindest das Endspiel? „Ich halte das durchaus für möglich“, sagt Bundestrainer Michael Skibbe. „Wir sind absolut konkurrenzfähig.“ Selbst Völler kommt das inzwischen „wie eine abgesprochene Phrase“ vor, an ihrer Richtigkeit zweifelt er dennoch nicht. Es scheint fast so, als könnten sich die Deutschen nicht damit abfinden, dass sie in der Welt des Fußballs nicht mehr zu den ganz Großen gehören. Natürlich ahnen sie, dass sie keine realistische Chance auf den Titel haben, aber dann wollen sie wenigstens weiterhin zu den Favoriten gezählt werden. Das war schließlich immer so, und ein Teil der deutschen Stärke resultierte ja auch daraus, dass die anderen immer ein wenig Angst vor uns hatten. Das aber ist offenkundig vorbei. Der frühere Bundesligaprofi Yashuhiko Okudera, der für das japanische Fernsehen die Spiele der Deutschen kommentieren wird, glaubt, dass es die Mannschaft von Völler sehr schwer haben wird. Vielleicht sei das Achtelfinale drin, sagt er, mehr aber wohl nicht. Den Einzug ins Achtelfinale traut Okudera auch der japanischen Elf zu. So weit ist es schon gekommen. Stefan Hermanns

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