Zeitung Heute : Der Tagesspiegel

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Unter den bekannten Architekten der Welt ist Jorn Utzon der unbekannteste. Jeder kennt sein Meisterwerk, das Opernhaus von Sydney, zumindest von Abbildungen. Von dem Architekten, der es entworfen hat, ist nur der geläufig. Schon ein zweites Bauwerk Utzons zu nennen, fällt selbst Kennern der Architekturgschichte schwer. Der heute 83-jährige Däne hat durchaus weitere Bauten geschaffen – es sind allerdings nicht sehr viele, und keines reicht an das Jahrhundertbauwerk des Sydneyer Opernhauses heran. Die Erfolgsgeschichte dieses sowohl dank seiner unvergesslichen Form als auch dank seiner herrlichen Lage zur Ikone des 20. Jahrhunderts gewordenen Gebäudes überdeckt, mit welchen Schwierigkeiten und Zerwürfnissen der Bau erkauft war; so sehr, dass Utzon, nachdem er Sydney 1966 beinahe fluchtartig verlassen hat, den Ort seines späteren Triumphes nie mehr betreten und sich stattdessen in jene Anonymität zurückgezogen hat, aus der er mit dem Gewinn des weltweit ausgeschriebenen Wettbewerbs von 1958 kometengleich aufgestiegen war. Jetzt ist die überhaupt erste Monografie zum Werk Utzons erschienen, die einem Oeuvreverzeichnis zumindest nahe kommt – vor allem aber die erste, der der zurückgezogen lebende Architekt seine Unterstützung angedeihen ließ. Die Begeisterung für skandinavische und speziell dänische Architektur, die in diesem Jahr mit dem 100. Geburtstag Arne Jacobsens neue Nahrung erhält, wie überhaupt das Interesse an einer aus den Formen der Natur genährte und auf Nachhaltigkeit setzende Bauweise dürfte den Wagemut des Kieler Verlages Nieswand belohnen. Leicht macht es einem Jorn Utzon ja nicht. Sein Werk greift Anregungen aus vielen Ländern und Kulturen auf, fast immer scheint er auf der Suche zu sein – und hat dann für Sydney diesen genialen, immer wieder kolportierten Einfall mit den aufgestellten Orangenschalen, der den noch arg spiegelsymmetrischen Wettbewerbsentwurf beiseite wischt. Damit begannen allerdings die technischen, finanziellen und schließlich lokalpolitischen Probleme, die Utzon 1966 seine Position als Chefarchitekt kosteten. Verwirklicht wurde ein abgewandelter, gleichwohl begeisternder Entwurf, dessen für Australien wichtigste Eigenschaft darin liegen mag – wie Utzon sagt –, „unabhängig von allem“ zu sein: eine ideale Projektionsfläche für eine nation in the making. Auch solchen Aspekten widmet der in Cardiff lehrende Architekturhistoriker Richard Weston breiten Raum. Sein monumentales Buch ist das Portrait eines großen Eigenbrötlers, der mit einem einzigen Entwurf in die Geschichte der Architektur eintrat. BS

Richard Weston: Utzon. Inspiration, Vision, Architektur. Nieswand Verlag, Kiel 2002. 432 Seiten, 800 Abbildungen, 148 Euro.

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