Zeitung Heute : Der Tagesspiegel

Wolfgang Prosinger

München

Vielleicht ist die Wahrheit ja ganz simpel. Vielleicht liegt sie einfach hier auf dieser Treppe. Zwei mächtige Löwen halten da Wache, rechts und links der Stufen. Wenn man sie ein bisschen näher betrachtet, wird die Vermutung zur Gewissheit: In diesen beiden Löwen ist die Antwort verborgen auf alle Fragen, die uns hierher getrieben haben. Und das gleich dreifach: Sie sind aus Stein gemeißelt, dem Wetter und den Stürmen zu trotzen, unzerstörbar beinahe, für die Ewigkeit gemacht. Zweitens: Sie beißen manchmal ganz gerne zu. Das sieht man ihren Mäulern an mit den grimmigen Zähnen. Und drittens, das ist wahrscheinlich das Wichtigste, handelt es sich unzweifelhaft um bayerische Löwen. Denn dieser Raubtier-bewehrte Treppenaufgang befindet sich mitten in München, Stadtteil Schwabing.

Die Löwen verändern übrigens fast jeden Tag ihr Aussehen. Mal sind ihre Gesichter Furcht erregende Fratzen, mal haben sie etwas Beruhigendes, nachgerade Zutrauliches. Jedenfalls schien das dem Autor dieses Artikels so, neun Jahre lang, jeden Morgen, als er ins Gymnasium ging. Die beiden steinernen Löwen als täglicher Willkommensgruß, seine Freunde, seine Feinde.

Oben, am Ende der Treppenstufen, unter den drei Torbögen des Portals, ist ein Schild. „Kgl. Max-Gymnasium“ ist darauf zu lesen. Kgl. heißt königlich. Das steht da immer noch, obwohl Bayern ja schon länger keine wirkliche Monarchie mehr ist. Aber es erinnert eben daran, dass diese Schule von einem König gegründet wurde, von Maximilian II., 1849. Aber eigentlich sagt kein Mensch „Max-Gymnasium“. Alle sagen einfach: „das Max“. Wie man „die Garbo“ sagte. Oder „die Monroe“. Denn „das Max“ ist eine Legende.

An dieser Stelle würde Siegfried Huber gewiss gerne mäßigend in den Artikel eingreifen und nicht müde werden zu versichern, dass „wir eine ganz normale Schule sind“. Schließlich möchte der Oberstudiendirektor wirklich nicht, dass sein „Max“ in den Ruf der Arroganz gerät. Also, wie gesagt, alles ganz normal hier, obwohl er durchaus „keine Angst vor dem Elitegedanken“ hat, alles normal, „das Max“ hat lediglich „einen gewissen n“.

Und was für einen. Es ist – natürlich – humanistisch, und es ist eines der bayerischen Vorzeigegymnasien. Schon der erste Schulleiter schrieb vor 150 Jahren einen bis heute gültigen Satz: „Von störrischen und unverbesserlich faulen Schülern wird das Max-Gymnasium gemieden, da es in dem Geruche steht, als müsse man an dieser Anstalt mehr als anderswo arbeiten.“ Was die schönsten Früchte trug. Darf sich „das Max“ doch einer Reihe prominentester Namen rühmen, die als Schüler hier im Münchner Norden Zucht, Ordnung und Altgriechisch lernten. Max Planck zum Beispiel und Werner Heisenberg, die Nobelpreisträger, Bernhard Vogel etwa oder Kardinal Ratzinger oder Franz-Josef Strauß, der im Abiturzeugnis in allen Fächern eine Eins stehen hatte, außer im Turnen. Da reichte es nur zu einer Zwei. Nicht ganz so erfolgreich verlief das Gastspiel eines Schülers im Jahr 1956. Es war Andreas Baader, und die gymnasiale Chronik vermerkt mit einer gewissen Genugtuung: Er erreichte das Klassenziel nicht. Und gehörte damit zu jenem Heer der Gescheiterten, zu jenen Zahl- und in der Regel auch Namenlosen, die es hier nicht geschafft haben. Denn „das Max“ hat es in sich.

„In Bayern“, sagt Direktor Huber, in seiner nüchternen, jeder Übertreibung abholden Art, „gibt es halt eine stärkere Betonung der Leistung.“ Deshalb haben die Ergebnisse der Pisa-Studie am Max-Gymnasium überhaupt niemanden überrascht. Platz eins im Bildungswettlauf der deutschen Bundesländer – wem anders als den Bayern könnte der gebühren? Und „das Max“ ist bildungspolitisch schließlich das Bayerischste vom Bayerischen. Wenn es überall so zuginge, weiß Gott, dann sähe die Schulwelt völlig anders aus. Da sind sie sich hier mehr als sicher.

Das Münchner Maximilians-Gymnasium also ein Modell für die Zukunft, ein Vorbild, eine Musterschule der Nation? Zu der unsere Pisa-kranken Augen aufblicken können. Was machen die da anders? Was lässt sich davon lernen? Lässt sich was lernen?

Sehen wir nach.

Auf einem der symbolträchtigen steinernen Löwen vor der Pforte zur höheren Bildung sitzt ein junger Mann und raucht. Dem unzerstörbaren Löwen macht das nichts aus – aber haben wir so etwas erwartet? Schließlich haben wir doch ziemlich präzise Vorstellungen von diesem Max-Gymnasium. Mag manche Erinnerung auch verblasst sein, eine ist über die Jahre doch stets sehr lebendig geblieben: dass hier am bayerischen „Max“ ein Hort der preußischsten Disziplin gewesen ist. Dass noch in den 60er Jahren des Klassenzimmers verwiesen wurde, wer es wagte, bei hochsommerlichen Temperaturen die Hemdsärmel hochzukrempeln. Und jetzt raucht da einfach einer. Und sitzt auf dem Löwen. Wahrscheinlich schnippt er gleich die Kippe achtlos auf die Stufen. Was ist mit dem Max-Gymnasium geschehen? Hat Anna Wetcke, die vor ein paar Tagen hier ihr Abitur machte und von der im Weiteren noch einmal die Rede sein muss, etwa Recht: „Das ist doch völlig locker hier, ungeheuer entspannt.“

Nun aber kommt, als wollte er das Gegenteil beweisen, ein anderer Schüler die Treppe herauf, und das tut auch Wilhelm Blum, Fachlehrer für Griechisch und Latein. Eilfertig neigt sich da der Schülerkopf zur Begrüßung, und gleich folgt die besorgte Nachfrage, ob es denn dem Herrn Dr. Blum heute wieder besser gehe, gestern sei der Lehrer ja ein wenig unpässlich gewesen. Direktor Huber, der so gerne alles normal an seiner Schule finden möchte, sagt, zumindest eins sei hier wirklich unnormal, angenehm unnormal: dass die Schüler so höflich sind. So etwas hat er in seinem Lehrerleben noch nicht erlebt.

Das mit der Höflichkeit ist kein Wunder. Kommen die Schülerinnen (die erst seit 1964 Zugang zum „Max“ haben) und Schüler doch fast allesamt aus Familien, von denen man zu sagen pflegt, dass es „bessere Familien“ seien. Akademiker-Familien zumeist aus der Schwabinger Universitätsnähe oder aus dem noblen Bogenhausen, liberal-konservatives Bildungsbürgertum, wer sonst will heute noch Griechisch lernen? „Das sehen Sie sogar an der Kleidung“, sagt Direktor Huber, „die sind nicht so konformistisch wie Schüler sonst, die tragen nicht alle die Hosen unter der Hüfte.“ Und auch nicht alle die gleichen Marken. Selbst der Turnschuh-Anteil liegt – anders als anderswo – deutlich unter 100 Prozent. Geschmack hat man eben an dieser Schule, hat ihn schon immer gehabt. Das zeigt nicht zuletzt auch die wunderbare Leichtigkeit der Architektur, diese Jugendstil-Beschwingtheit des Neubaus von 1912, die keinem einzigen Klassenzimmer den Tort von vier 90-Grad-Winkeln antut. Graffiti-Schmierereien an den hellen, ockergelben Hauswänden würden einen hier so sehr befremden wie ein Strandkorb im Gebirge. Drogenprobleme gibt es nicht, Gewalt an der Schule ebenso wenig. Eine Insel der Seligen.

Totenkopf am Pult

Es ist Zeit, dass endlich jemand widerspricht. Das tut Anna Wetcke, die Abiturientin und die Jura-Studentin in spe. Und sie tut es mit Verve. Weil das nun wirklich nicht die Schule ist, die sie neun Jahre lang kennen gelernt hat. Und ihre Mitschüler, das war doch keine Schafherde angepasster, stramm gescheitelter Jugendlicher. Natürlich hat es auch hier Konflikte gegeben, viele Konflikte, sagt sie, und Streit und Krach. Das wirkliche Leben ist auch am „Max“nicht vorbeigegangen: Lehrer, die Schüler ungerecht behandeln; Klassen, die Lehrer tyrannisieren. Wie überall eben. Eine Schule ist das mit Ecken und Kanten, und diese Lehrer, was für schräge Typen das waren, „ich meine das ganz im positiven Sinn“, also wirklich – von wegen heile Welt.

Dass das wirkliche Leben den Weg vorbei an den wachsamen Löwen ins Max-Gymnasium gefunden hat, ist allerdings nicht immer ganz selbstverständlich gewesen. Ein paar Minuten nur sind es von hier bis zur Schwabinger Leopoldstraße. Dort war die Aufmarschstrecke der Demonstranten gegen den Vietnam-Krieg, und die „Ho-ho-ho-Tschi-Minh“-Rufe müssten eigentlich auch bis in die Mauern des „Max“ gedrungen sein. Unsere Ohren aber haben sie damals nicht erreicht. Noch 1967 kam es in der ganzen Jahrgangsstufe keinem einzigen Abiturienten in den Sinn, den Kriegsdienst zu verweigern. Und noch im Jahr 1991 rühmt die Schulchronik die „besonnene Reaktion unserer Schülermitverwaltung während der Zeit des Golfkriegs: keine Teilnahme an Demonstrationen“ .

So war das, und so ist es zu Teilen auch heute noch. Ein Schülerleben am Max-Gymnasium: Das bedeutet Autorität, Disziplin, Leistung, Leistung, Leistung – am „Max“ wird um eine ganze Note strenger zensiert als an anderen Schulen, heißt es. Und über allem steht die unumstößliche Gewissheit der Lehrerschaft, dass Schule Bildung sein muss und, um Himmelswillen, nicht bloß Ausbildung. Hat nicht schon der große Humboldt, heimlicher Übervater aller Max-gymnasialen Gesinnung, vor den Zumutungen der modernen Welt gewarnt, die die Schulen immer mehr dazu zwinge, schnöde Fertigkeiten des realen Lebens zu vermitteln. Nein, sagt Humboldt, Bildung ist Ausbildung an möglichst wenig Gegenständen. Reduce to the Max!

Eine Schule, die solch luxuriösen pädagogischen Überzeugungen huldigt, nein, sie taugt wohl kaum zum Modell für eine bessere Pisa-Zukunft. Ganze 364 Schüler waren es im vergangenen Jahr noch am „Max“, die ihre 35 Lehrer beschäftigten. Zwar sind nun die Anmeldezahlen erstmals wieder gestiegen, aber der Trend ist nicht zu leugnen: Eine Massenbewegung zum Griechischlernen gibt es nicht einmal in Bayern. Dabei hat das Max-Gymnasium in der Vergangenheit schon Kompromisse gemacht, wo es nur Kompromisse machen konnte. Griechisch musste dem Englischen weichen und wurde auf den Rang einer dritten Fremdsprache abgeschoben, abwählbar nach drei Schuljahren. Der Altphilologen Herzen schmerzten, und sie waren kaum damit zu trösten, wenigstens die neun Jahre Lateinunterricht gerettet zu haben.

Auch anderswo wurde den neuen Zeiten Tribut gezollt. Die sagenumwobene Strenge des „Max“, dieses Lehrerregiment aus Furcht und Schrecken, wich mit den Jahren einem verbindlicheren, mitunter gar jovialen Umgangston. Und mit Direktor Huber ist zum ersten Mal in der Geschichte der Lehranstalt ein Neusprachler in die Bastion der Altphilologen eingezogen. Man stelle sich vor: ein Lehrer für Englisch, Französisch und Spanisch im ehrbaren, kirschholzgetäfelten Direktorenzimmer, dem Schmuckstück des Hauses! Und nun bekommt auch noch jedes Klassenzimmer einen Internet-Anschluss.

O tempora, o mores.

So ist heute selbstverständlich auch jene Szene nicht mehr denkbar, die sich uns Ehemaligen unauslöschlich in die Erinnerung brannte. Wie jener Griechischlehrer, das Original der Schule, wie ein weißhaariger Irrwisch vor der Klasse hin und her hüpfte und die erstaunlichsten Wortfetzen in den Klassenraum warf, mit denen er seinen pädagogischen Traum illustrierte: „Wissen Sie, wie ich am liebsten unterrichten würde? Ein Totenkopf, jawohl, ein Totenkopf… Nochmals: ein Totenkopf auf dem Pult. Und dann dozieren, dozieren, dozieren. Jawohl, dozieren und dazu ein Totenkopf.“

Es ist nie zur Verwirklichung dieses Traums gekommen, ein Totenkopf lag nie auf dem Pult. Aber er lag – sozusagen – immer in der Luft. So war das damals.

Und von diesem Damals lässt sich für heute wenig lernen. Aber es gibt auch ein anderes Damals. Und dem werden wir jetzt begegnen. Deshalb müssen wir dem Lehrer Wilhelm Blum wirklich dankbar sein, dass er seine Unpässlichkeit so schnell überwunden hat. Denn sonst hätte er uns gar nicht in seine 11. Klasse mitnehmen können, in der er Griechisch und Latein unterrichtet. Und da hätten wir etwas verpasst. So aber kommen wir in den Genuss, die biblische Bergpredigt im altgriechischen Original lesen und überdies eine erstaunliche Erfahrung machen zu dürfen: 24 Schüler sitzen im Raum, für das „Max“ ist das eine richtig große Klasse, und keiner schwätzt; selbst in den hinteren Reihen herrscht keinerlei Mitteilungsbedürfnis, obwohl doch frühester Morgen ist, erste Stunde, und eigentlich der gestrige Abend noch dringend der verbalen Aufarbeitung harrt. Nichts davon hier, alles ist still, hochkonzentriert, und Hände schnellen in die Höhe, als herrschte am Max-Gymnasium allgemeine Meldepflicht.

Zauber im Klassenzimmer

Der Grund dafür ist eben jener Wilhelm Blum. Er steht vor seiner Klasse mit der souveränen Geste des Wissenden, der vor allem eins weiß: Nur wer begeistert ist, wird Begeisterung wecken. Kein Totenkopf am Pult. Sondern Leidenschaft und Temperament. Es sind nicht mehr sehr viele Jahre, die ihn von der Pensionsgrenze trennen, und doch scheint es, als tobe sich da ein Engagement aus Lehrerjünglingsjahren aus. Von wegen Burn-out-Syndrom. Mit Siebenmeilenstiefeln stürmt er durch die Sprach- und Kulturgeschichte, ein Scherz hier, ein strenger Blick da, flugs springt er zum Hebräischen, zum Lateinischen und wieder zurück ins Griechische, greift tief hinein in die Wunder der Etymologie und Philosophie und gibt alles in allem ein wandelndes Lexikon der Altertumswissenschaften. Ein kleiner Zauber beginnt nun in diesem schmucklosen Klassenzimmer zu wirken. Und plötzlich scheint es, als wäre die ganze Weisheit der Welt in dieser Schulstunde versammelt, als wäre sie heute und hier am Max-Gymnasium erfahrbar. Der Alltag ist jetzt weit, weit entfernt, und alles ist auf der früheren Schule auf einmal ganz wie früher.

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