Zeitung Heute : Der Tagesspiegel

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Von Peter Siebenmorgen

Als Michael Spreng, der Stoiber-Berater für gerade Sätze und gut inszenierte Medienauftritte, merkt, was er da gerade sagt, rudert er, der alte Profi, sogleich und ohne Umweg zurück: Nein, natürlich sei das in Wirklichkeit keine gute Woche gewesen – die schlimmen neuen Arbeitslosenzahlen, Babcock und so weiter, alles ganz fürchterlich für Deutschland. Weil Michael Spreng sein Grinsen allerdings nicht gar so schnell ausknipsen kann, wie er seine Sätze noch im Aussprechen redigiert, muss er die neusten Horrormeldungen irgendwie dann doch für erfreuliche Meldungen halten.

Sie sind nämlich gut für seinen Chef und Schützling Edmund Stoiber, den Spreng so gern als „ernsten Mann für ernste Zeiten“ wahrgenommen wissen möchte. Streng genommen können die Zeiten ja auch gar nicht bitter genug für den Kanzlerkandidaten sein – das beflügelt, meinen seine Wahlstrategen, die Chancen des Mannes aus der bayerischen Provinz.

Nachdem allerdings klargestellt ist, dass die vergangene Woche schlecht für Deutschland gewesen sei, dass da eigentlich gar keine echte Freude aufkommen kann, geht es weiter im Takt: Die nächsten Arbeitsmarktzahlen kommen schon in wenigen Wochen, dann wird alles noch viel schlimmer sein – Schröder, chancenlos, kann einpacken. Doch bevor der amtierende Kanzler einpackt, wird der Kandidat jetzt erst einmal auspacken: In wenigen Minuten wird er mit seinem Wirtschafts-Kompetenzler Lothar Späth in die Bundespressekonferenz einrücken, um den Medien zu erklären, wie er selbst als Kanzler nach dem 22. September der Wirtschaft wieder Beine machen will. Und weil Spreng pünktlich seinen Platz eingenommen haben muss, wenn jetzt gleich der Chef kommt, verabschiedet sich der freundliche Mann mit seiner schon oft zum Einsatz gekommenen Hermes-Krawatte am Kragen von den soeben in Stoibers Wahlglück eingewiesenen Journalisten. Da die ja eigentlich auch gekommen sind, um sich Stoibers Wundertüte, aus der die vielen neuen Jobs herauspurzeln sollen, näher zu betrachten, eilen auch diese nun in den Saal, der soeben von einem Mitarbeiter der bayerischen Staatsregierung mit allerlei Papier zu Stoibers „Offensive 2002“ ausstaffiert wird.

Regelrechtes Donnerwetter

Ein paar Tage zuvor hatte man in der „Bild“-Zeitung lesen können, dass der Stoiber-Späth-Plan 1,7 Million neue Arbeitsplätze schaffen werde. Das stand auch tatsächlich in dem von Lothar Späth und anderen formulierten Entwurf drin, auch wenn das jetzt energisch bestritten wird, in der Endfassung hält man sich lieber ziemlich bedeckt.

Hinter den Kulissen hat es sogar ein regelrechtes Donnerwetter gegeben, weil die verwegene Zahl den Weg in die Öffentlichkeit gefunden hat. Schnell mussten Erwin Huber, der Chef der bayerischen Staatskanzlei, und Otto Wiesheu, Bayerns Wirtschaftsminister, den Masterplan noch einmal durchsehen; wer weiß, was Späth da noch so alles, worauf man festgelegt werden könnte, reingeschrieben hat.

Damit Ausrutscher, wie jenes hohe Lob, das Stoibers Mann für Wirtschaftsfragen auf die Ideen der Hartz-Kommission anstimmte, sich nicht wiederholen, hat man Späth sicherheitshalber einen Presseabwehroffizier, der wiederum an Spreng, den Medienprofi, berichtet, attachiert. Sehr klug ist das, wahltaktisch: die Entleerung der Kompetenz um Konkretion; zu allgemein, finden allerdings die nachfragenden Reporter, die es dann doch genauer wissen wollen. Doch nein, in diese Falle wird der Kandidat partout nicht tappen. Denn er will sich später nicht an den eigenen Worten messen lassen. Also schluckt er sie runter, bevor sie gefährlich werden könnten.

Verbindlichkeit der Unverbindlichkeit – die Wähler und Berichterstatter sollen es ihm einfach mal glauben, dass es Deutschland unter ihm dann irgendwie besser gehen werde, meint Stoiber, der es doch sonst mit präzisen Zahlen und Statistiken hat. Was kann uns eigentlich noch passieren? In diesem Stil treten viele Unionsleute gegenwärtig überall auf. Selbst Angela Merkels Mitarbeiter erkundigen sich bereits, ob die Räumlichkeiten für Fraktionsmitarbeiter auch hübsch zu bewohnen sind.

Gewisses Ungemach, etwa die Proteststürme aus dem für CDU und CSU immer noch wichtigen katholischen Milieu wegen der Bestellung der allein erziehenden Mutter Katherina Reiche zur obersten Familienpolitikerin, ficht die großen Strategen erst gar nicht an: Die können sowieso nichts anderes wählen als Union, also muss man auf die keine Rücksicht mehr nehmen. So sieht das jedenfalls Spreng, der bewährte Boulevard-Journalist mit dem sicheren Instinkt für das, was die Massen wirklich bewegt. Bei einer internen Klausur von rund 30 Pressesprechern der Union in Bund und Ländern vor drei Wochen hat er Nachfragen entsprechend beschieden.

Die einstweilen eher noch wenigen, die alles etwas skeptischer sehen, die auch den neuesten Meinungsumfragen nicht nur frohe Botschaften entnehmen, halten lieber die Klappe. Denn sonst gibt es etwas auf den Deckel wegen mangelndem Siegeswillen und fehlender Solidarität. Stoiber und seine Prätorianergarde sind ziemlich gut geübt im Abrichten echter Mannsbilder zu kuschenden Hündchen. Und Angela Merkel, bei anderer Wahl der Mittel, steht dem nicht nach.

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