Zeitung Heute : Der Tagesspiegel

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Von Michael Freitag und

Katharina Slodczyk

Den Tag beginnt Ron Sommer im Büro mit einer Tasse Kaffee und dem Pressespiegel. Keiner weiß, wie es mit ihm weitergeht, entnimmt er den Zeitungen. Es ist kurz vor acht am Tag, der über seine Zukunft entscheiden wird. Fahrig ist er und blass. „Man merkt Sommer die Anspannung an“, sagt einer seiner Mitarbeiter.

Es wird zehn Stunden dauern, bis die Öffentlichkeit diese Einschätzung überprüfen kann. Bis Ron Sommer mit schnellen Schritten durch die Eingangshalle der Deutschen Telekom stürmt, ein Manuskript abliest und, nach genau zehn Minuten, verschwindet – ohne ein weiteres Wort. In den Stunden zwischen dem ersten Kaffee und dem letzten Statement muss einiges passiert sein.

Gleich am Morgen spricht Sommer mit seinen Vorstandskollegen Kai-Uwe Ricke und Jo Brauner. Brauner und Ricke gelten als Sommer-Vertraute. Brauner kennt Sommer noch aus gemeinsamen Zeiten bei Sony. Draußen, vor der Konzernzentrale der Telekom in Bonn, bauen die ersten Fernsehteams ihre Kameras auf. Gerd Tenzer, lange Jahre Technikvorstand, ist Sommers Gegenkandidat; auch er ist an diesem Morgen früh im Haus. Heute soll, muss der Aufsichtsrat der Deutschen Telekom AG das Machtwort sprechen und eine tagelange, quälende, Diskussion beenden. Ganz Deutschland spekuliert über Sommer. Mal heißt es, er geht, mal heißt es, er bleibt.

Am Nachmittag zuvor hatten sich die Vorstandsmitglieder getroffen. Auch Tenzer war da und sagte: Ja, er habe zugestimmt, als Sommer-Nachfolger zur Verfügung zu stehen. Großes Thema der Vorstandssitzung aber war eine andere Frage: Wie wird die Verteidigungsstrategie aussehen, mit der Sommer am Dienstag vor den Aufsichtsrat tritt? Ein Kernelement der Rede, da waren sich alle einig, müsse der Schuldenabbau sein. Sommer sprach nach der Vorstandssitzung noch mit einigen Aufsichtsratsmitgliedern und ließ sich gegen 20 Uhr nach Hause fahren, nach Köln-Lövenich, später als sonst.

Am nächsten Tag, am Dienstag, ist die Sommer-Truppe schon zwei Stunden in Gespräche vertieft, als gegen zehn Uhr die Aufsichtsräte ihre Treffen beginnen. Die eigentliche Sitzung fängt zwar erst um 15 Uhr an. Aber schon vorher beraten Arbeitgeber- und Arbeitnehmervertreter getrennt über ihre Strategie. Für die Öffentlichkeit freilich bleiben die Aufsichtsräte vorerst unsichtbar. Die Kamerateams vor der Telekom-Zentrale warten vergeblich. Die dunklen Wagen der entscheidenden Männer sind schon früh in die Parkgarage unter dem Gebäude gefahren. Und da es auch sonst so wenig zu sehen gibt, stürzen sich die Kameraleute um so gieriger auf die Demonstranten, die gegen 10 Uhr 30 vor dem Gebäude ihre Transparente entrollen. Zum Beispiel auf Martina Kleinemeier, 30, lockige, braune Haare und extra per Bus aus Dortmund mit rund 50 Kollegen nach Bonn gereist, um für ihren Chef zu demonstrieren. „Wir sind Kundenberaterinnen“, sagt sie. „Wir sitzen jeden Tag an der Front. Und dann müssen wir jeden Tag lesen, dass alles schlecht ist und Herr Sommer an allem schuld sein soll.“ Das mag sie nicht. Dafür aber mag der Mann von Deutsche Welle TV, wie „natürlich“ sie das gesagt hat – und lässt sie alles wiederholen.

Um 15 Uhr beginnt die Sondersitzung des Aufsichtsrats. Zu diesem Zeitpunkt heißt es noch, es gebe keine Mehrheit, um Ron Sommer abzuberufen. Doch, so merkt der Telekom-Chef schnell, es gibt auch keine ausreichende Unterstützung mehr für ihn. Vertreter der Anteilsseite kritisieren seine Schuldenpolitik. Der Staatssekretär im Bundesfinanzministerium, Helmut Zitzelsberger, macht noch einmal klar, dass der Bund kein Interesse mehr an Sommers Diensten hat. Die Arbeitgeber sind geschlossen gegen ihn. Darauf, so heißt es aus dem Aufsichtsrat, habe Sommer seinen Rücktritt erklärt. Seine Abschiedserklärung, die er später auf der Pressekonferenz verteilen lässt, trägt die Uhrzeit 15 Uhr 30.

Aber wer soll es nun werden? Gerd Tenzer alleine, das war bald klar, konnte nicht die Lösung sein. Ein anderer musste her. Gefunden wird er erst, als Sommer bereits den Raum verlassen hat. Arbeitgeberchef Dieter Hundt und der DGB-Vorsitzende Michael Sommer einigen sich auf einen 72 Jahre alten Mann. Und bringen dann ihre Lager hinter sich. Der Mann heißt Helmut Sihler und wird im Laufe des Abends noch seinen großen Auftritt bekommen.

Doch vor ihm ist ein letztes Mal Ron Sommer dran. 17 Uhr 49: Ron Sommer stürmt die rund 100 Meter durch die Eingangshalle in den Raum, in dem bereits Dutzende Kameras aufgebaut sind. Er trägt eine Erklärung vor: Die Sitzung des Aufsichtsrates sei noch nicht beendet, sagt Sommer, und es sei noch keine Entscheidung gefallen, wer das Unternehmen künftig als Vorsitzender des Vorstands führen werde. Aber: „Unabhängig von dieser Entscheidung – und unabhängig davon, wie sie ausfallen wird – habe ich den Aufsichtsrat gebeten, mich von meinen Aufgaben zu entbinden.“ Sommer spricht schnell. Und hastig rasselt er auch seine Erfolge herunter: dass die Telekom „in der Weltliga der Telekommunikation“ stehe, dass die „Deutsche Telekom auch in diesem Jahr wieder zweistellig wachsen“ werde. Dann ist Schluss, um 17 Uhr 59 verschwindet Sommer hinter derselben Tür in denselben Lift, aus dem er vor zehn Minuten getreten ist.

Eine Stunde später stellen sich drei grauhaarige Männer vor die Kameras, und ihre Mienen sind fast so dunkel wie ihre Anzüge: Aufsichtsratschef Hans-Dietrich Winkhaus, sein Stellvertreter, der Verdi-Gewerkschafter Rüdiger Schulze, und in der Mitte der, den hier alle reden hören wollen: Helmut Sihler, der Altmanager. Sihler ist zehn Jahre älter, als es der Konzern für Vorstandsmitglieder eigentlich vorsieht. Aber jetzt steht er auf dem Podium und schaut entschlossen durch seine gewaltige dunkelbraune Hornbrille. Zwei Aufgaben stellten sich ihm in den kommenden sechs Monaten, sagt er: Erstens, „einen endgültigen Nachfolger für Ron Sommer zu finden“ und zweitens, an der „nötigen Konsolidierung des Konzerns“ mitzuarbeiten. Blitzlichter scheinen ein letztes Mal auf. Von Ron Sommer ist keine Rede mehr.

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