Zeitung Heute : Der Tagesspiegel

Erst Betrogene, dann nützliche Idioten: Im Zweiten Weltkrieg setzten die USA die Navajo-Sprache als Geheimcode ein. Jetzt wurde der Indianerstamm von Präsident Bush geehrt, und Hollywood feiert sie als Helden – ein neuer Betrug. Im falschen Film

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Von Ruedi Leuthold

Das ist die Geschichte der beiden alten Navajo-Krieger John Brown Junior und Chester Nez, die vor einem Jahr von Präsident George W. Bush die höchste zivile Auszeichnung erhielten, die Amerika zu vergeben hat, eine Goldmedaille des Kongresses, 7,5 Zentimeter breit, ein knappes Pfund Feingold. Es ist auch eine Hollywood-Geschichte ohne Happy-End.

Chester Nez, der alte Indianer, ist 81. Er lebt in Albuquerque, New Mexico, nicht weit von der legendären Route 66. Er kehrte nach dem Ende des Zweiten Weltkriegs ins Reservat zurück, ohne jemandem auch nur ein Sterbenswörtchen von dem zu erzählen, was er, weit weg von den vier heiligen Bergen der Navajos, auf den Inseln des Südpazifiks erfahren hatte. Sieben Jahre lang hütete er nach sener Rückkehr die Schafe seiner Eltern, dann war er den Staub und die Armut leid, suchte sein Glück in der Stadt, war 27 Jahre Hausmeister im Veteran Hospital. Auch als er die Rente bekam, wollte er nicht zu seinem Volk zurück, blieb im Haus seines ältesten Sohnes Michael in Albuquerque, auch wenn dort niemand mehr die Sprache verstand, die seine Mutter ihn gelehrt hatte. Diese Sprache, in der das Wort Mutter die gleiche Bedeutung hat wie Erde. In der es 30 verschiedene Möglichkeiten gibt, den Wind zu benennen. In der die Wörter, wie im Chinesischen, ihre Bedeutung je nach Tonlage verändern. Die eine Grammatik kennt, die sich in keiner anderen Sprache auf der Welt wiederholt. Die Sprache, die sein Unglück war, die er dann jedoch lernte, als Waffe zu gebrauchen, und die ihn schließlich zum Nationalhelden machte.

Chester Nez wollte nicht, dass seinen Kindern das Gleiche widerfahre wie ihm, und deshalb sprach er nur Englisch mit ihnen und schickte sie in Schulen, in denen nur Englisch gesprochen wurde. Aber Michael, sein Sohn, der mit der Sprache der Weißen aufgewachsen ist und Kabel verdrahtet in einer Fabrik, erkrankte an Diabetes. Er fühlte, dass die Krankheit mit seiner eigenen Geschichte zu tun hatte, er reiste ins Reservat, um einen Medizinmann seines Volkes zu besuchen, das ihm fremd war, und der Medizinmann riet ihm zu tanzen. So wurde aus Michael Nez ein Fancy-Dancer, jedes Wochenende stürzt er sich in den Lendenschurz, stülpt sich Häuptlingsfedern über und tanzt im Wettbewerb mit anderen Eingeborenen einen Kriegstanz der Sioux. Es gibt auch welche, die damit auf Schaubühnen auftreten und Geld verdienen. Das tut Michael nicht. Aber seitdem er tanzt, fühlen sich Körper und Geist zufrieden, wie er sagt.

Der Todesmarsch

Das Volk der Navajo, das fast drei Jahrhunderte lang den Vormarsch der Spanier aufhielt im Südwesten der heutigen USA, dann von den Amerikanern unterworfen wurde, hat sich allerdings, sagt Chester Nez, nie mit Federn geschmückt; die Männer haben nie einen Lendenschurz benützt, und er selbst ist, wie alle Navajo-Kinder, nicht in einem Zelt, sondern in einem Hogan aufgewachsen, einem sechs- bis zehneckigen Bau aus Holz oder Stein, mit einem runden Dach, in dessen Mitte ein Loch klafft für den Abzug des Rauches, und dessen Eingang nach Osten gerichtet ist, dorthin, wo die Sonne aufgeht.

Im Schatten des Hogan haben ihm die Alten erzählt, wie sein Volk von der amerikanischen Kavallerie besiegt und unterworfen wurde. Oberst Kit Carson brach im Jahr 1864 mit 1000 Mann ins Land der vier heiligen Berge ein, zerstörte Häuser, Maisfelder und Vorratskammern, tötete Schafe und Pferde. Dann zwang er das Volk der Dineh, der Menschen, in einem langen Todesmarsch 300 Meilen südwärts nach Fort Summer, südöstlich von Santa Fe. Dabei starben 2000 Menschen. 8000 Kinder, Frauen und Männer hungerten vier Jahre lang in der Gefangenschaft. Die Führer der Navajos versprachen, die Waffen niederzulegen, wenn sie zurückkehren durften. Der Friedensvertrag wurde unterschrieben. Die meisten ihrer Versprechen aber erfüllten die Weißen nie.

Das alles erfuhr Chester Nez im Hogan seiner Familie, 18 Meilen südlich der Stadt Gallup. Dann starb die Mutter, und der Vater schickte ihn in eine der Schulen, welche die Weißen an der Grenze des Reservats eingerichtet hatten. Dort wurden ihm die Haare geschnitten, die Lehrer sagten ihm, dass alles, was ihn seine Mutter gelehrt hatte über die göttliche Kraft der Sonne und die bösen Geister, die sich in Wölfe verwandelten, ein Werk des Teufels sei, und es wurde ihm verboten, seine Sprache zu sprechen. Wenn er es trotzdem tat, bekam er nichts zu essen. Oder er musste sich auf einen Stuhl stellen, während die andern aßen. Oder der Lehrer holte eine Zahnbürste und bürstete ihm die Zunge, die das heidnische Wort ausgesprochen hatte, mit einer braunen, bitteren Seife.

Welches war das erste Wort, das Sie auf Englisch lernten, Chester Nez?

Wahrscheinlich Katze. Oder Hund. Wir mussten immer von den Tieren erzählen.

Hassten Sie die Weißen, die Sie diese Worte lehrten?

Ja, sicher. Ich dachte schlecht von ihnen, vor allem, als ich älter wurde. Dieser Oberst Kit Carson – wenn ich denke, wie der die Leute zusammengetrieben hat zum langen Marsch, Kinder und alte Leute sterben ließ am Wegesrand. Und dieser Präsident Jackson, das war derjenige, der sagte, nur ein toter Indianer ist ein guter Indianer. Wenn ich zurückdenke, viele, viele Jahre zurück, dann ist es das Einzige, was ich bedauere: Wie sie uns misshandelt haben. Wie sie uns die Sprache nahmen. Und dann brauchten sie auf einmal die gleiche Sprache, um Nachrichten zu verschlüsseln im Krieg gegen die Japaner. Plötzlich mussten wir in den Krieg, um Navajo zu sprechen, und unsere Sprache bewahrte Tausende von amerikanischen Soldaten vor dem Tod.

Ja, sagt der alte Mann: So ist das Leben. Es kann nicht alles perfekt sein.

Michael, sein Sohn, grinst. Gestern kamen sie aus Los Angeles zurück. Sie sind schon in Tucson, Chicago, Washington gewesen. Morgen gehen sie nach New York, ein Empfang des Vizepräsidenten. Denn Chester Nez hat nicht nur eine Goldmedaille erhalten von Präsident Bush, 32000 Dollar wert, Hollywood hat auch einen Film gedreht über die Geheimwaffe der Amerikaner im Kampf gegen Japan, die vielschichtige Sprache der Navajos, den nie entschlüsselten Code der Marines. „Windtalkers“, heißt der Film, Regie John Woo, Hauptrolle Nicolas Cage. An diesem Donnerstag startet er in Deutschland. In den USA reisten Chester Nez und sein Sohn im ganzen Land umher, um die Werbetrommeln für ihren Film zu schlagen, und Michael ist sehr, sehr stolz auf seinen Vater.

Fürchten Sie den Tod, Chester Nez?

Nein. In meinem Alter weiß man, dass er kommt. Im Krieg dachte ich immer, morgen lebst du nicht mehr. Du hast so manchen Kumpel am Morgen aufstehen sehen, und am Abend war er weg. Ich war vier Jahre im Pazifik, und das kann ich nicht vergessen, die Bomben, die fielen, Schüsse, die Schreie, und ich wusste immer alles, wie viele Soldaten starben, wie viele verletzt wurden, ich musste es ja melden, den Generälen, dem Hauptquartier, wir wussten immer, was los war, aber es war ein Geheimnis, und mehr als 20 Jahre lang durften wir niemandem davon erzählen.

Waren Sie stolz, mit den Weißen in den Krieg zu ziehen?

Wir hatten ja eigentlich keine Wahl. Wir waren jung und aufgeregt, und wir dachten, es ist eine außergewöhnliche Situation. Wir verteidigten die Freiheit und waren bereit, mit den Weißen zusammen den Feind nach Hause zu schicken. Aber natürlich ahnten wir nicht, was wirklich auf uns zukam.

Wurden Sie verletzt?

Bevor wir gingen, beteten unsere Leute drei Tage und drei Nächte lang auf die indianische Art. Männer, Frauen, Kinder tanzten, brachten alles, was Mutter Erde uns gegeben hat, der Medizinmann verbrannte Kräuter, streute Mais und Bohnen in alle Himmelsrichtungen, um den Schutz der Geister zu erflehen. Das half uns. Vom ersten Kontingent, 29 Code-Talker, starben nur zehn, im Kampf.

NBC hat sich angemeldet, sagt Michael, der Sohn, du weißt schon, Vater, Kameras, das große Licht, und du wirst wieder erzählen, wie du ein Held wurdest, ein Held, ein Held deines und des amerikanischen Volkes.

1968 war es, da meldete das Radio, das Geheimnis der Navajo-Code-Talkers sei aufgehoben, und erst da erzählte ich zu Hause, was wir im Krieg wirklich getan hatten, und nie waren unsere Alten so stolz wie damals, als sie erfuhren, dass wir mit unserer Sprache den Weißen nützlich waren.

Wollten Sie nie ins Reservat zurück?

Nie! So viel Armut. Die kochen noch immer mit Holz. Und Arbeit gibt es auch nicht. Da hocken die Leute nur herum und erzählen den ganzen Tag von früher.

Aber ich, sagt Michael, werde noch lernen, Navajo zu sprechen, glaube mir.

Ein bisschen ist dies auch die Geschichte von Michael, dem Sohn von Chester Nez, und von Ruth, der Tochter von John Brown Junior, die beide auf ihre Art um das Erbe einer besiegten Kultur kämpfen.

Um John Brown Junior zu finden, muss man die Stadt verlassen und weit hinein fahren ins mythische Land der Navajos zwischen den vier heiligen Bergen. Das Gebiet des Navajo-Reservats ist ungefähr so groß wie die Schweiz, belegt Teile der Staaten Arizona, New Mexico, Utah und Colorado. Man fährt unter einem weiten Himmel, man streift eine trockene, von spärlichem Gebüsch und Salbeisträuchern bewachsene Steppe, man sieht am Horizont, wie Tische hingestellt, die Berge. 8000 bis 12000 Navajos überlebten den langen Marsch mit Kit Carson, heute leben 130000 Menschen innerhalb der Grenzen des Reservats, die Arbeitslosenziffer ist doppelt so hoch wie außerhalb.

Immer, wenn sie bedroht wurden, zogen sich die Navajos zurück in die unzugänglichen Schluchten des Canyon de Chelly, dorthin, wo die Spinnenfrau, verborgen in einem hohen Felsturm, die Frauen das Weben lehrte.

Der Canyon de Chelly mit seinem roten Felsen ist heute ein Naturpark und eine Touristenattraktion, aber unten, auf dem sandigen Grund der tiefen Kerbe, verbringen immer noch ein paar Navajo-Familien den Sommer. Hier hat jeder Stein, jede in den Fels gehauene Treppe einen n und eine Geschichte. Hier hat das Volk, das sich Dineh nennt, weggezogen aus den Tundren Alaskas, das gelobte Land gefunden. Hier ist John Brown Junior aufgewachsen. Hier hüten Carl und Louise, seine Geschwister, die Schafe und das alte Wissen. Trau keinem, der reich ist. So einer kümmert sich nicht um seine Verwandten. Sprich deinen eigenen Namen nicht zu häufig aus. Sonst trocknen dir die Ohren weg. Starre nicht den Mond an. Er könnte dir folgen.

Es gibt keine Elektrizität im engen Tal, das Trinkwasser muss mit dem Pickup herbeigebracht werden. Seit drei Jahren hat es nicht mehr geregnet im Canyon – und Johnny ist weg. Der Mann, der weiß, wie man Everchanging Woman, die Mächtige, um Regen bitten könnte. Ja, sagt Carl, der Bruder, und zeigt die vertrockneten Apfelbäume, die Höhlen, in denen früher der Mais gelagert wurde, Johnny weiß, wie man die Geister besänftigt. Als Johnny aus dem Krieg zurückkam, da war er krank. Nicht nur die Malaria hatte ihn gepackt. Im Kopf stimmte es nicht. Da holten wir den Medizinmann, versammelten die ganze Familie und hielten die Zeremonie Der-Weg-zum-Feind ab. Das heilte ihn. Und danach verließ er das Land nicht mehr. Blieb einer von uns. Lernte die Gesänge der Medizinmänner. War im Rat des Reservats. Aber heute hütet er seine Schafe in Cristal. Wenn er überhaupt zu Hause ist. Fragt am besten seine Tochter Ruth. Die weiß, wo er steckt. Denn Johnny ist berühmt geworden, habt ihr es nicht gehört? Unser Johnny ist ein Code-Talker, der Präsident hat ihm eine Medaille gegeben.

Wir finden John Brown Junior schließlich bei der einzigen Tankstelle in der Ortschaft Navajo, an einem Sonntagmorgen um acht Uhr. Ruth, seine Tochter warnt uns, er sei ein bisschen müde. Vier Stunden lang habe ihn gestern eine Fernsehgesellschaft beansprucht.

Eine halbe Stunde!, sagt John Brown Junior, und setzt sich langsam in den Schatten eines Baumes. Reicht das?

Wieso, Mr. Brown, tragen Sie einen Christennamen?

Mein Vater war der erste Polizist im Reservat. Und da hat ihm jemand aus der Indianerverwaltung gesagt: Du heißt jetzt John Brown. Dann heiratete er meine Mutter. Das war eine Hochzeit, die von den Clans vereinbart wurde. Meine Familie zahlte für die Frau. Und die Mutter taufte mich John Brown Junior. Als sich meine Eltern trennten, schickten sie mich in die Schule der Weißen. Die Großmutter weinte. Sohn, sagte sie, in dieser Schule musst du den Worten der Weißen folgen. Daran dachte ich die ganz Zeit, als ich dort war und es verboten war, meine Sprache zu sprechen. Sie sagte auch, diese weißen Leute essen nicht wie wir. Die haben etwas, was sie Gabel und Löffel nennen, um damit zu essen. Und ich vergesse nie, wie sie mich mahnte: Sag diesen Leuten nie, du seist reich, sag das nie.

Geheimes Alphabet

Wart ihr reich?

Nein, im Gegenteil. Ein paar Schafe und Pferde. Das waren harte Zeiten. Die Familie überlebte mit ihrem Maisfeld, mit Bohnen und Kartoffeln. Jobs gab es nicht, es herrschte Depression. Und in der Schule sagten sie uns, alle unsere Zeremonien, die uns schützten vor dem Bösen, seien nichts wert. Sie brachten uns stattdessen gleich zwei neue Religionen bei, die katholische und die protestantische. Ich verstand nie, was sie predigten. Und ich dachte immer, die Christen sagen nicht die Wahrheit. Einem Pastor half ich, Übersetzungen zu machen. Da sollte ich schreiben, dass er gebrauchte Kleider verteilt hatte an die Leute. Dabei wusste ich doch, dass er sie verkauft hatte, 15 Cents das Leibchen. Da sagte ich, nein, damit will ich nichts zu tun haben.

Hat das heilige Volk der Navajos – Everchanging Woman, die Totengeister – hat das heilige Volk der Navajos noch die gleiche Macht wie früher?

Ich habe nicht Zeit, Ihnen mein ganzes Leben zu erzählen. Fragen Sie mich besser, wie unser Code funktionierte, als wir im Pazifik gegen die Japaner kämpften.

Bitte, Mr. Brown!

Also, die hatten Probleme dort unten im Pazifik, weil die Japaner immer wussten, auf welcher Insel der nächste Angriff geplant war. Die entschlüsselten einfach jeden Code. Da erinnerte man sich im Hauptquartier, dass im Ersten Weltkrieg indianische Code-Talker eingesetzt worden waren. Aber das waren Komantschen gewesen. Und unterdessen gab es sogar Deutsche, die die Sprache der Komantschen sprachen. Aber unsere Sprache verstanden nur etwa zwei Dutzend Fremde, und darunter war kein Deutscher und kein Japaner. Deshalb kam die Marine zu uns, suchte sich zuerst 30 junge Männer aus, und wir erarbeiteten einen Code. Für den Buchstaben A nahmen wir das Wort ant, Ameise. Statt des englischen Wortes benutzten wir aber das Navajo-Wort: wol-la-chee. Der Buchstabe B war shush, das Navajo-Wort für Bär. Moasi stand für C wie cat, Katze. Um es dem Gegner nicht allzu einfach zu machen, merkten wir uns für jeden Buchstaben mehrere Alternativen. A konnte auch be-la-sana (Apfel) heißen oder tse-nill (Axt). Dazu kamen über 200 Code-Wörter für militärische Bezeichnungen. Besh-lo, Eisenfisch, war der Ausdruck für ein Unterseeboot, dah-he-tih-hi, Kolibri, bedeutete Kampfflugzeug. Mit diesem ganzen Alphabet schafften wir es, eine dreizeilige englische Nachricht in 20 Sekunden zu übermitteln. Eine Chiffriermaschine brauchte dazu über eine halbe Stunde. Deshalb waren am Schluss über 400 Navajos als Code-Talkers im Einsatz. Reicht das jetzt?

Hollywoods Fälschung

Gefällt Ihnen der Film „Windtalkers“ von John Woo, Mr. Brown?

Ich habe alle Nachrichten verstanden, die im Film gesendet werden.

Gibt der Film die Situation der Code-Talkers korrekt wieder?

John Brown Junior starrt jetzt durch seine Sonnenbrille über das Geländer der Tankstelle und schweigt. Es ist seine Tochter Ruth, eine kräftige, untersetzte Frau, die jetzt spricht. Die alten Männer, sagt sie, fühlen sich ein bisschen betrogen von Hollywood.

Warum?

Eigentlich ist es ja ein Film über einen weißen Unteroffizier, der von Nicolas Cage gespielt wird. Der hat die Hauptrolle, und die Code-Talkers haben nur Nebenrollen. Aber jetzt werden sie im ganzen Land herumgeflogen, um Reklame zu machen für den Film. Dafür erhalten sie keinen einzigen Cent. Dabei hat sich der Regisseur nicht einmal die Mühe gegeben, die Navajo-Kultur richtig darzustellen, sondern er benutzt das alte Stereotyp des Indianers: Feder, Lendenschurz, Tipi. Die Navajos benutzen aber keine Federn, keinen Lendenschurz und keine Tipis.

Trotzdem gibt es heute Navajos, die mit Federn und Lendenschurz herumtanzen.

Ja, sagt Ruth, und das ist eine Katastrophe. Die Jungen wissen nicht mehr, wer sie sind. Die extreme Armut ist überwunden. In der Schule müssen die Kinder, neben dem Englischen, auch die eigene Sprache sprechen, ob sie wollen oder nicht. Aber das Fernsehen ist stärker. Die Jugendlichen tanzen Rap, einige nehmen Drogen, es gibt Jugendgangs im Reservat. Wenn mein Vater stirbt, verschwindet eine ganze Welt, und sie verschwindet für immer. Deshalb finde ich es auch richtig, wenn ihr ihm Geld gebt für das Interview. Damit er auch was von diesen Anstrengungen hat, und nicht alle bloß von ihm profitieren.

Okay, Ruth, aber noch zwei Fragen. In welchen Himmel, Mr. Brown, werden Sie einmal gehen, in einen christlichen oder einen indianischen?

Jetzt lacht der alte Mann, es schüttelt ihn leise, und dann sagt er: Das ist mir völlig egal. Die Hauptsache ist, dass ich dort meinen Frieden habe.

Mr. Brown! Der Film von John Woo geht von der Annahme aus, dass die Code-Talkers der Navajos von weißen Soldaten beschützt wurden und dass die den Auftrag hatten, euch zu töten, wenn Gefahr bestand, dass ihr in japanische Hände fällen könntet. Ja, es gab solche Schutztruppen, und es war Krieg, da war alles möglich. Ist das genug?

Es ist genug, danke.

Dann habe ich noch ein Anliegen. Schreibt bitte meinen Namen richtig, denn ich habe drüben in Cristal einen Nachbarn, der ebenfalls John Brown heißt. Mein Name ist John Brown Junior, Code-Talker.

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