Zeitung Heute : Der Tagesspiegel

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Von Claudia Aldenhoven

Er ist schon eine echte Nervensäge. Der Hypochonder kennt nur ein Thema: Krankheiten. Dennoch: Belächeln darf man so ein Problem nicht. Aus medizinischer Sicht gilt Hypochondrie als behandlungswürdige Störung. Zunächst muss sie richtig erkannt werden. Das Dilemma beginnt in der Allgemeinpraxis. Während der vermeintlich Kranke über seine Symptome spricht, stellt der Arzt die Diagnose: Sie sind gesund. So reden Patient und Arzt aneinander vorbei.

Zwar erhoffen sich Hypochonder tatsächlich die Bestätigung, dass ihnen nichts fehlt. Doch werten sie die Diagnose nur als Anzeichen, dass sie an einer noch unbekannten Krankheit leiden. Oder sie bezweifeln das Ergebnis: Das Labor kann sich ja geirrt haben. In der Folge sucht der Patient eine ganze Reihe von Ärzten auf - ein „Doctor Shopping“, das sich über viele Jahre hinziehen kann. Überweisungen zu Psychiatern oder Psychotherapeuten, die ihren Leiden ein Ende setzen könnten, kommen für sie erst mal nicht in Frage, glauben sie doch fest an eine organische Ursache. In extremen Fällen riskieren Hypochonder sogar operative Eingriffe, nur um endlich einen Hinweis auf ihre Erkrankung zu bekommen.

Auch Ärzte sind betroffen

Den wohl bekanntesten Hypochonder der Weltliteratur erschuf Molière in seiner Komödie: Argon, der eingebildete Kranke. Der aber ist weniger Opfer eines falschen Körpergefühls als vielmehr seiner kurpfuschenden und geldgierigen Ärzte. Am Ende findet Argon einen Weg aus der Misere. Er wird selber Arzt. Denn: „Keine Krankheit wird so vermessen sein, sich an einen Arzt selbst heranzumachen“.

Hier aber irrt die Komödie, zumindest was eingebildete Krankheiten betrifft. Besonders angehende Mediziner, Schwestern oder Krankenpfleger nehmen genau die Symptome einer Krankheit wahr, mit der sie sich beschäftigen. Dieses als „Morbus clinicus“ bekannte Leiden verschont auch den interessierten Laien nicht. Schon vor fast 20 Jahren wies der Kommunikationswissenschaftler Horst Merscheim nach, dass Gesundheitssendungen am Tag nach ihrer Ausstrahlung zu wahren Epidemien in den Allgemeinpraxen führen. Die Einbildungen sind allerdings meist nicht von Dauer. Erst wenn die Furcht vor Krankheit länger als sechs Monate anhält, sollte sie behandelt werden.

Sind die Eltern schuld?

Über die Verbreitung der Hypochondrie gibt es nur ungenaue Angaben. Bis zu 20 Prozent aller Menschen entwickeln vorübergehende hypochondrische Ängste. Laut einer WHO-Studie weisen in Deutschland 5,4 Prozent der Patienten die Symptome auf. Und: Hypochondrie verursacht Kosten - in den USA etwa zehn Prozent der Ausgaben für das Gesundheitswesen.

Die Ursachen für eine hypochondrische Störung liegen meist in der Kindheit. Wer als Kind überängstliche Eltern hatte, die jedes Halskratzen wie eine Mandelentzündung behandelten, neigt später genauso wie sie zu übertriebener Angst. Auch traumatische Ereignisse wie der Tod enger Verwandter – mit der Beobachtung ihrer ersten Symptome, des Krankenhausaufenthalts und des sich daran anschließenden Todes – , förder´n die Krankheitsangst. Auslöser sind klassische Stressfaktoren: Überforderung am Arbeitsplatz, Arbeitslosigkeit oder Probleme mit dem Partner. Schließlich können auch Schuldgefühle hypochondrische Befürchtungen auslösen: Oft bestrafen Moralisten ihr Fremdgehen mit der Angst vor einer schlimmen Geschlechtskrankheit.

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