Zeitung Heute : Der Taktvolle

Tony Sheridan brachte vor 50 Jahren die Beatles auf den Weg. Als sie sich trennten, waren die einen Stars – und der andere hatte fortan ein Problem

Hinterm Deich.
Hinterm Deich.Foto: picture alliance / dpa

Dann steht er auf und geht den Korridor entlang, draußen vor der Haustür wartet die Befreiung, sie ist gelb, sie ist ein Herrenfahrrad, und Tony Sheridan, der Mann, der größer als die Beatles war, wird jetzt damit aufbrechen. Er sagt, „ich bin ein bisschen immer mit einem Fuß in der Vergangenheit.“ Er ist gefesselt an sie, ein bisschen, und gerade hat er wieder von ihr erzählt.

Tony Sheridan hat von Paul McCartney und John Lennon und George Harrison und Ringo Starr erzählt, von der Reeperbahn in Hamburg und einer ihrer Seitenstraßen, die Große Freiheit heißt. Von berühmten Männern und berühmten Orten und von sich, von einer unvergessbaren Zeit, die vor 50 Jahren begann, und als er in der Gegenwart ankam, war er müde.

Tony Sheridan war damals dort der König, Paul McCartney soll bis heute immer „The Master“ oder „The Teacher“ sagen, wenn er auf ihn angesprochen wird. Und gleich wird dieser Mann auf sein Fahrrad steigen und durch eine Landschaft rollen, die die Seestermüher Elbmarsch heißt, Schleswig-Holstein. Das Größte hier ist der Deich, der den Blick auf die Elbe verstellt und auf die Schiffe, die nach Hamburg fahren oder nach Übersee. Er verstellt den Blick auf die weite Welt. Sheridan hat es sich so ausgesucht.

Seiner Erinnerung nach war es ein Stripteaselokal, das Studio X, ja, dort, auf der Großen Freiheit muss 1960 ihre erste Begegnung stattgefunden haben. Sheridan trat damals in den Pausen zwischen den Mädchen auf, er sang und spielte auf einer elektrisch verstärkten Gitarre, und irgendwann kamen diese Männer in das Lokal. Engländer wie er, genauso jung und ebenfalls Musiker. Am 17. August 1960 hatten sie ihren ersten Auftritt unter dem Bandnamen The Beatles ein paar Häuser weiter gehabt, in einem Musikklub namens Indra. Sheridan war zwei Monate vor ihnen nach Hamburg gekommen, außer in dem Striplokal spielte er regelmäßig in einem Klub mit dem Namen Kaiserkeller, auch an der Großen Freiheit. Sheridans Band hieß Jets, sie war die erste britische Band, die damals nach Hamburg gegangen war.

Sie traten vor jungen Deutschen auf, die nicht ganz verstanden, was da vor ihnen auf der Bühne passierte. Sie verstanden aber, dass es sich bei bei diesen Auftritten um etwas Besonderes handeln musste, vielleicht sogar um die Zukunft. Sie füllten den Kaiserkeller jede Nacht, und rasch organisierten Hamburgs Musikveranstalter Nachschub, bis zu 1000 britische Bands sollen sich zeitweise in St. Pauli aufgehalten haben.

Hamburg war ein Labor. Hier wurde aus Bands, die vom Skiffle kamen, einer Musik, in der Banjos und Waschbretter eine wichtige Rolle spielen, etwas, was man später den Hamburg Sound nennen würde, oder Beatmusik, oder Rock und Pop. Hier wurde aus den Beatles die größte Band der Welt. „Was Hamburg alles ins Rollen gebracht hat, ist unermesslich“, sagt Sheridan.

Sheridan und die Beatles machten sich miteinander bekannt. Sie schauten sich Sachen von ihm ab. Als sie vom etwas abgelegenen Indra in den näher an der nachts menschenvollen Reeperbahn postierten Kaiserkeller wechselten, war Sheridan schon vom Kaiserkeller ins neue und größere Top Ten gegangen. Direkt drauf auf die Reeperbahn. Sheridans Auftritte waren besser besucht, und immer wenn es ging, stellten sich auch die Beatles in ihren Kaiserkeller-Spielpausen vor die Bühne des Top Ten, und sie beobachteten. Irgendwann wohnten sie mit ihm unter einem Dach. Sie nahmen eine Schallplatte mit ihm auf, ihre erste, seine erste, als seine Begleitband. Sie begleiteten ihn auf der Bühne. Sie nahmen ihm seinen Schlagzeuger weg. Der Pionier Tony Sheridan war vielleicht der wichtigste Wegbereiter der Beatles, und als sie sich zwei Jahre später aus den Augen verloren, brauchten sie keinen mehr.

Sheridan war in diesem Moment 22 Jahre alt, und je größer die Beatles von da an wurden, umso mehr nahm man ihn als Teil von deren Geschichte wahr. Als Zeitzeugen. Als Ausstellungsstück.

Tony Sheridan, heute 70, weißes Haar, dunkler Bart, randlose Brille, goldglänzender Ring im linken Ohr, sitzt an einem Augustnachmittag am Küchentisch seines Hauses in der Seestermüher Elbmarsch, und ihm ist nichts davon anzumerken. Keine Eitelkeit, keine Eifersucht, keine Trauer. Er nennt die Beatles bei ihren vollen Namen, er sagt Paul McCartney und John Lennon, das fällt auf, denn viele von denen, die damals in Hamburg dabei waren, tun das nicht. Die sagen Paul und John. Wenn Sheridan von ihnen spricht, dann klingt das nach Respekt, und es klingt nach Distanz.

Er wehrt sich auch dagegen, alte Fotos herzuzeigen, seine Frau muss sich schließlich über ihn hinwegsetzen, sie geht rauf in den ersten Stock und kommt mit dem gerahmten Bild eines sehr jungen Mannes wieder, der eine Gitarre in den Händen hält. Der junge Mann ist Sheridan. Der alte Sheridan schaut sich das Foto an, mit einem Ausdruck von Widerwillen im Gesicht. Seine Frau bringt es rasch wieder nach oben.

Was ist so schwer erträglich am Anblick eines jungen Mannes, über den die Zeitschrift „Leg auf und sieh fern“ im Jahr 1961 schrieb: „Voller mimischer Ausdruckskraft ist Tony Sheridan, wenn er ins Mikrofon säuselt und brüllt.“ Und: „Seine erste Platte bei uns, ,My Bonnie‘, zeigt, dass Tony eine Menge kann. Weiter so!“ Vielleicht ist es so, dass der Blick auf ihn sehr deutlich zeigt, dass die Vergangenheit nicht vergeht, auch wenn man sich längst von ihr befreit hat und eigentlich nichts mehr mit ihr zu tun. Dass sie an einem dranhängt wie eine Fußfessel. Erst recht, wenn sie so grandios ist wie seine. Sheridan spricht viel von diesen Befreiungen. Von der, die ihm das Musikmachen in London brachte und davor sein erstes Fahrrad, „die einzige Befreiung, die ich bis dahin kannte, war Fahrradfahren“, sagt er. Die dritte Befreiung war, „dass ich zum Feind übergetreten bin, sozusagen“. Nach Deutschland. Seine Mutter war damals entsetzt. Jedes Mal, das Fahrrad, London, Deutschland, war es ein Schritt weiter weg von dort, wo er herkommt. Von Norwich in Ost-England.

Sheridan spricht nicht davon, was Norwich so weglaufenswert gemacht hat, er spricht lieber von der schwierigen Kindheit John Lennons, von der Tragödie und dem, was geschieht, „wenn einem Kind die Liebe fehlt, oder ein Teil davon, dann kriegt es Wunden. Und Narben. Und die brechen auf.“ Zwei Mal sagt er das, und möglicherweise spricht er dabei auch von sich. Möglicherweise auch nicht.

Es gab in seinem Leben auch so etwas wie eine vierte Befreiung. Im Jahr 1967, die Beatles hatten im Jahr zuvor beschlossen, nicht mehr live aufzutreten, weil bei ihren Konzerten die Musik nicht mehr zu hören war, so laut waren die Zuschauer, war Sheridan immer noch in St. Pauli. Nichts hatte sich geändert. Die nächtelangen Auftritte, fünf, sechs, sieben Mal die Woche, die Aufputschmittel, die Gewalt auf den Straßen. Er könne bis heute Faustschläge vom bloßen Hören danach unterscheiden, welchem Körperteil sie gelten, sagt er. Heute ist er sich sicher, dass er diesen Ort nicht mehr lange überlebt hätte. Es kam dann von einen Tag auf den anderen das Angebot, nach Vietnam zu gehen. Als Truppenbetreuer. Er ging hin, genauso ahnungslos, wie er sieben Jahre zuvor nach Deutschland gegangen war.

Er hatte Hamburg von England aus für eine stille Butzenscheibenstadt gehalten. Vietnam hielt er von Hamburg aus für was auch immer. Er fand dort noch mehr Gewalt, „ich hatte Angst ohne Ende“, sagt er, aber auch eine Art Bestätigung, die er aus Hamburg nicht kannte. „Das Publikum dort, wir kamen gut an bei den Leuten, aber begriffen haben die nichts. Nicht die Sprache, nicht das Gefühl, die kannten Ted Herold und Peter Kraus, das war die Rock ’n’ Roll-Welt in Deutschland damals. Und in Vietnam wurden wir akzeptiert von echten Amis, von Leuten, die diese ganzen Traditionen kannten, den Blues und so, die ihre Masken fallen lassen haben, das war gut.“ Zwei Jahre lang ist er dort geblieben. Als er zurückkam nach Hamburg, war sein Haar weiß geworden.

Er ging wieder weg, nach London und Los Angeles, nahm dort eine Schallplatte auf mit der Band des toten Elvis Presley, lebte in einem Haus, in dem auch James Dean einmal gelebt hatte, bevor der berühmt geworden war, hörte von einer Rockband mit dem Namen AC/DC, deren Gründer Angus und Malcolm Young die Brüder seines ehemaligen Saxofonisten waren und denen er Jahre zuvor beim Gitarrespielenlernen geholfen hatte. Er ging zurück nach Deutschland. John Lennon wurde erschossen. Sheridan machte Tourneen durch Europa, zwischen 1986 und 1989 auch sechs durch die DDR. Er erinnert sich noch gut an die Besonderheiten, an Merseburg, „wo die Luft schon nach Chemie roch“, an Perleberg, „Bier ham wer nich, und außerdem wird in der Garderobe nicht geraucht!“, und an den „netten Mann von der Stasi“, der ihn im Wartburg zu den Auftritten fuhr.

Das alles klingt nach einem reichen Leben, mit hinterlassenen Spuren in den Leben der anderen, ein typisches Lehrerschicksal, in das aber bei jedem Erzählen eine große Tragik hineinbuchstabiert wird. Die Tragik, nicht so groß wie die Beatles geworden zu sein. Die einen verkauften eineinhalb Milliarden Schallplatten und CDs, der andere war in Perleberg.

Aber vielleicht ist Perleberg gar nicht so schlecht. Und Puebla in Mexiko, wo er gerade gewesen ist, und Kasachstan, das er im Frühjahr für drei Konzerte besuchte. Und dieses Leben hier, hinterm Deich, in dem es seiner Meinung nach nur wenig Erzählenswertes gibt, über das er aber die Kontrolle hat. Er macht Musik, und er kann davon leben, und der Vergleich mit den Beatles ist sowieso absurd. Woran es gelegen hat, dass er ihrem Erfolg nicht zumindest ein bisschen näherkam? „Mir fehlt dieser Ehrgeiz“, sagt Sheridan, aber das beschäftigt ihn auch längst nicht mehr. Im Moment ist er dabei, sich die wirklich großen Fragen zu stellen. „Wieso rast die Erde um die Sonne“, zum Beispiel, „in dieser Wahnsinnsgeschwindigkeit, einmal rundrum im Jahr, ohne dass wir das merken?“

Es ist so weit, er muss jetzt raus, Fahrrad fahren. Seine tägliche Selbstbefreiung veranstalten, den Kampf gegen seine Musealisierung. Er wird ihn am Ende gewiss verlieren. Einer seiner alten Gitarrenverstärker steht schon, signiert und mit Widmung versehen, in einer Vitrine der Herstellerfirma in Japan. Aber auf dem Fahrrad wird er den Kampf für ein paar Momente gewinnen. Indem er ihn vergisst.

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