Zeitung Heute : Der Tanz um den goldenen Ball

Stadion neu, Bahnhof neu, Straßen neu. Kaiserslautern ist die kleinste Gastgeberstadt der Fußball-WM – und sie macht sich arm

Sven Goldmann[Kaiserslautern]

Der höchste Berg in Kaiserslautern ist, nein, nicht der Betzenberg, sondern der Humberg, ganz im Süden der Stadt, am Rand des Pfälzer Waldes. Vor 100 Jahren haben sie dort oben einen Aussichtsturm gebaut. Er ist nicht besonders beliebt bei den Profis des ortsansässigen Fußballklubs, weil der Trainer sie so gern zum Laufen nach oben scheucht. Der Turm bietet einen Blick über die ganze Stadt: hinten das hohe, schmale Rathaus, daneben das Pfalztheater, weiter vorn die Altstadt. Und über allem thront das größte Bauwerk der Stadt. Massiv und unübersehbar. Ein rechteckiger Kasten mit einer Wiese in der Mitte.

Ähnlich beherrschend muss die Burg gewirkt haben, die Kaiser Barbarossa vor bald tausend Jahren in Kaiserslautern errichtet hatte. Die Burg der Moderne aber ist ein Fußballstadion, und sie schimmert nicht rot, sondern weißgrau in der Sonne. Sie steht für den Anspruch des Städtchens, im Sommer Gastgeber für die ganze Welt zu sein: Kaiserslautern ist mit 100 000 Einwohnern die kleinste Stadt, in der zwischen dem 9. Juni und dem 9. Juli die Fußball-Weltmeisterschaft ausgespielt wird; neben Millionenstädten wie Hamburg, München, Berlin.

Um diesem Anspruch zu genügen, hat der 1. FC Kaiserslautern sein enges, altmodisches Stadion zur High-Tech-Arena ausgebaut. Seit dieser Entscheidung besteht die Vereinsgeschichte aus sportlichen und finanziellen Katastrophen – und am Ende könnte am Samstag der Abstieg aus der Bundesliga stehen. 48 Millionen Euro hatte der Verein für den Ausbau veranschlagt. Daraus sind rund 75 Millionen geworden. Der Bauherr war überfordert. Also übernahm eine Betreibergesellschaft aus Vertretern des Landes Rheinland-Pfalz, der Stadt Kaiserslautern sowie der fünf beteiligten Banken das Stadion und alle Schulden. Seitdem spielt der Verein auf dem Betzenberg zur Miete. Immerhin: Die Bauarbeiten sind abgeschlossen. Die Welt kann kommen.

Peter Lenk hat über das neue WM-Stadion einmal geschrieben: „Das ist in Beton gegossener Größenwahn.“ Das hat einen schönen Ärger gegeben, denn Peter Lenk war damals Redakteur des Lokalblattes „Rheinpfalz“. 36 Jahre lang hat er über den 1. FC Kaiserslautern geschrieben und dabei vor allem eines gelernt: „Wenn Sie hier gegen den FCK sind, dann sind Sie ein Aussätziger.“ Seit zwei Jahren ist Peter Lenk auf Altersteilzeit. Er wird bald 60, sieht aber jünger aus mit seinem fröhlichen Lachen und dem Dreitagebart. Lenk war einer der wenigen, die zu Beginn des Jahrtausends öffentlich Stellung bezogen haben gegen den Ausbau des Stadions. Er ist bei Podiumsdiskussionen aufgetreten und hat Kommentare geschrieben: „Dieses Stadion ist für Kaiserslautern nicht eine, sondern zwei Nummern zu groß.“

Jetzt sitzt er in einem Café in der Altstadt, „wissen Sie, das ist eines der ältesten Gebäude der Stadt, früher war das ein königliches Hofcafé“. Die Menschen in Kaiserslautern erzählen gern von früher, von der Zeit, als Nähmaschinen-Pfaff, Opel und die Kammgarnspinnerei die größten Arbeitgeber der Stadt waren, als Fritz Walter den 1. FC Kaiserslautern zu Ehren führte und die Nationalelf zur Weltmeisterschaft. Fünf Kaiserslauterer standen in der Mannschaft, die 1954 das Wunder von Bern vollbrachte.

Und die Zukunft? Peter Lenk lacht. „Jeder weiß, dass wir der nächsten Generation einen riesigen Schuldenberg hinterlassen. Aber keiner will es wahrhaben.“

Was hat Kaiserslautern von der Fußball-WM? Sind fünf WM-Spiele das Risiko wert? Der Bahnhof wurde runderneuert, das Gelände der ehemaligen Landesgartenschau aufwändig hergerichtet, der Bau der Südtangente in Angriff genommen. Aber das meiste Geld ist auf dem Betze verbaut worden. Doch vor ein paar Wochen erst wurden Risse im Beton der neuen Osttribüne entdeckt. Ein Millionenschaden. Wer dafür aufkommt, wird vor Gericht geklärt.

Sportlich leidet der FCK schon jetzt unter seiner schönen, neuen Heimat. Es ist nicht mehr wie früher, als 30 000 Zuschauer den engen Betze in ein Tollhaus verwandelten und eingeschüchterte Schiedsrichter die Spielzeit so weit hinausdehnten, bis der FCK noch den Ausgleich schaffte oder das Siegtor. Heute verliert sich der Anhang unter dem schönen Runddach. Früher war das Publikum der zwölfte Mann der Lauterer. Jetzt trudeln sie zu elft dem Abstieg entgegen. Wenn es am letzen Bundesligaspieltag am Sonnabend in Wolfsburg keinen Sieg gibt, spielt der FCK in der kommenden Saison in der Zweiten Liga. Aber was fängt die Stadt dann an mit ihrem riesigen Stadion? Wenn nach der WM die Sitzplätze der Westtribüne in Stehplätze verwandelt werden, bietet es 55 000 Plätze, also für mehr als die Hälfte der Einwohner. Wollen die in der Zweiten Liga Mannschaften wie Burghausen, Paderborn oder Aue sehen? Peter Lenk schüttelt den Kopf.

Bernhard Deubig dagegen denkt gern in großen Maßstäben. „Im Sommer wird die ganze Welt für ein paar Wochen auf uns schauen“, sagt der Oberbürgermeister. Sein Zauberwort heißt Nachhaltigkeit. Es bezeichnet den Nutzen, den Kaiserslautern auf Dauer aus dem Weltereignis ziehen soll. Tourismus, Ansiedlung internationaler Unternehmen, neue Arbeitsplätze. Konkret wird er selten.

Der Oberbürgermeister ist ein fleißiger Mann, immer unterwegs, denn das kleine Kaiserslautern hat neun Partnerstädte auf der ganzen Welt. Deubig ist auch ein guter Redner, mit fester und ruhiger Stimme spricht er davon, wie er aus der Arbeiterstadt einen Technologie-Standort machen will. Kaiserslautern hat zwei Fraunhofer-Institute bekommen, ein Max-Planck-Institut wird folgen. Es gibt eine Technische Universität und eine Fachhochschule. Und das in der Westpfalz, von der die Meinung vorherrscht, hier würden sich Fuchs und Hase gute Nacht sagen. In Kaiserslautern sind die Telefonzellen noch gelb, und wer spätabends bei rotem Ampellicht eine Straße in der Fußgängerzone überquert, bekommt ein schlechtes Gewissen. Aber dem Oberbürgermeister gefällt das Label vom Silicon Woods im Pfälzer Wald, das PR-Strategen für Kaiserslautern entworfen haben.

Weniger gern hört er, wenn ihm entgegnet wird, dass die Sorgenkinder des lokalen Arbeitsmarktes nicht die Hochqualifizierten sind. Kaiserslautern hat elf Prozent Erwerbslose. Menschen, die früher bei Nähmaschinen-Pfaff gearbeitet haben, in der Kammgarnspinnerei, bei Opel. Bei Pfaff haben mal 7000 Menschen gearbeitet, heute sind es gut 500. Die Gestrandeten liegen in der Unterführung vor dem Karstadt-Gebäude in der Innenstadt. Sie werden keinen Job finden im Max-Planck-Institut.

Oberbürgermeister Deubig gehört der CDU an, aber sein wichtigster Mitstreiter kommt aus der SPD. Es ist Ministerpräsident Kurt Beck. Deubig und Beck haben das Projekt WM in Kaiserslautern gemeinsam geschultert. Beide verstehen sich so gut, dass in Kaiserslautern schon gespottet wird, bei der für die CDU desaströs verlaufenen Landtagswahl Ende März habe der Christdemokrat Deubig seine Stimme den Sozialdemokraten gegeben, aus lauter Dankbarkeit für die Hilfe bei der WM-Bewerbung. Ohne die von Beck bewilligten Landesmittel hätte die Stadt Kaiserslautern nicht rettend eingreifen können, als der FCK beinahe zugrunde gegangen wäre am Ausbau des Stadions.

Schon jetzt beschweren sich die Einwohner anderer Kommunen darüber, dass die Landesregierung seit Jahren alles Geld in Kaiserslautern investiere. „Noch fließt das Geld, weil es sich die Landesregierung nicht leisten kann, wenn hier zur WM nicht alles in Ordnung ist“, sagt Peter Lenk. Aber es werde in Projekte investiert, von denen kurzfristig der WM- Standort, nicht aber langfristig die Kommune profitieren werde. Lehrer berichten von unhaltbaren Zuständen an den Schulen. Zum Beispiel Peter Lenks Sohn, Referendar an einer Kaiserslauterer Hauptschule. „Vor ein paar Wochen hat er mir erzählt: ,Papa, ich habe an meiner Schule einen Volleyball und zwei Basketbälle.‘ Jetzt kauft er von seinem Referendarsgehalt neue Bälle. So weit ist es schon gekommen.“

Das Geld wird im Stadtrat verwaltet. CDU und SPD verfügen zusammen über 38 von 52 Sitzen. Die beiden Volksparteien koalieren nicht miteinander, aber in ihrem Engagement für den Betze sind sie sich einig. Lokaltermin bei der Opposition. Gilda Klein- Kocksch, die grüne Fraktionsvorsitzende, hat gesagt: „Wir treffen uns am Parkplatz hinter dem Rathaus.“ Das ist leicht gesagt, denn das Rathaus ist ein quadratischer Bau, und es ist nicht so einfach zu erkennen, wo hinten ist und wo vorne. Parkplätze gibt es an allen vier Seiten.

Man findet sich am Ende doch. Drei von vier grünen Ratsmitgliedern sind da. Nicht dass sie falsch verstanden werde, sagt Frau Klein-Kocksch, sie alle hätten überhaupt nichts gegen Fußball, im Gegenteil, ihr Ehemann und sie seien seit Jahren als Dauerkartenbesitzer Stammgäste im Stadion. Sie erzählt, wie es früher war, vor dem Ausbau: „Wir hatten unsere Plätze auf der Südtribüne, wir kamen immer kurz vor dem Spiel und hatten die Plätze 9 und 10, aber als wir ankamen, war die Bank schon voll. Also sind wir zusammengerückt, und wenn noch einer mehr rein wollte, dann haben wir dem Ordner ein Bier in die Hand gedrückt, das ging dann schon.“ Ihre Augen leuchten. Fußball ist etwas anderes als Lokalpolitik. „Das ist es ja, was die Leute nicht verstehen“, sagt sie. „Man kann auch als Fußballfan gegen die WM in Kaiserslautern sein.“

Als die Frage des Stadionausbaus im Stadtrat diskutiert wurde, haben die Grünen gesagt: Na klar, kauft neue Eckfahnen! Streicht die Tribüne! Pflanzt frischen Rasen an! Natürlich hat man sie ausgelacht. Heute lacht keiner mehr. Schließlich wird die neue Stadion-GmbH allein durch den Mieter FCK finanziert, der 3,2 Millionen Euro im Jahr zahlt. Was passiert, wenn der Verein am Samstag absteigt? Wird er bei sinkenden Fernseheinnahmen und unattraktiveren Gegnern seinen Pflichten nachkommen können? Wer zahlt dann?

Die Opposition wird weiter Fragen stellen, aber das mit der WM sei ja nun nicht mehr zu verhindern, und auch die Grünen wollen nicht, dass Kaiserslautern sich vor den Augen der Welt blamiert. Natürlich wollen sie bei den WM-Spielen zuschauen, „jedes Mitglied im Stadtrat hat Anspruch auf zwei Tickets, die müssen natürlich voll bezahlt werden“, sagt Gilda Klein-Kocksch. Am liebsten würde sie Trinidad & Tobago gegen Paraguay sehen, „da gibt es eine Riesenparty im Stadion“. So wie früher auf dem Betze, mit der berühmten Pferdewurst, die es so nur beim Kaiserslauterer Metzger Härting gibt. Es wird beim Wunsch bleiben, denn das Catering für die WM übernimmt ein Münchner Feinkostunternehmen, und das hat keine Pferdewurst im Angebot.

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