Zeitung Heute : Der Tegeler Seebär

„Manne“ Mühl ist der Mann vom Bootsverleih. Ein Alteingesessener, der nirgendwo sonst leben möchte

Rainer W. During

„Manne“ weiß alles und kennt hier jeden. Der Mann hat seit seiner Geburt Tegeler Seeluft geschnuppert. Man könnte ihn Seebär nennen, der Umgang mit Booten ist sein Leben. Das liegt in der Familie. 1936 kam Manfred Mühl in der Beneckendorfstraße zur Welt. Sein Großvater, allgemein „Onkel Ernst“ genannt, war vor rund 100 Jahren Schwimmmeister in der Badeanstalt an der Strandpromenade. Eine Cousine seines Vaters gründete 1900 die Bootsvermietung am Eiswerkhafen. Die betreibt Manne seit 1961.

Auch Vater Erich war dem See verbunden: Bootsbauer und Betreiber eines Schiffes, das zwischen dem Festland und der Insel Hasselwerder fuhr. Dort befand sich früher ein Sommerbad. Das heutige Freibad am gegenüberliegenden Seeufer, findet Manne, sei an der falschen Stelle angesiedelt worden. „Das liegt ab 17 Uhr im Schatten.“

Manfred Mühl ist gelernter Tischler und Bootsbauer. Seine Ruderboote aus Polyester hat er selbst gefertigt, als Form diente eine Holzboot. Insgesamt 33 Wasserfahrzeuge umfasst seine Flotte, zu der auch eine Armada von Tretboten gehört. Der Star ist ein überlebensgroßer Schwan. Fünf bis sechs Euro kostet das Vergnügen für Ruderer. Pedaletreter zahlen acht bis zehn Euro. 1986 hat Mühl sein Geschäft erweitert. Vom Bausparvertrag kaufte er den Minigolfplatz gleich nebenan am Fuß der Sechserbrücke, die ihren Namen den fünf Pfennig Brückenzoll verdankt, die früher erhoben wurden. Manne schlug zwei Fliegen mit einer Klappe: Jetzt hat er im Winter auch einen Lagerplatz für seine Boote. Der 69-Jährige macht am Kiosk außerdem den Verkäufer. Da gibt’s Kaffee, Limo, Bier, Eis und heiße Würstchen.

Dass die Pläne zur Umgestaltung der Greenwichpromenade vorerst auf Eis gelegt wurden, bedauert er. In anderen Uferbezirken tue sich mehr. Dabei müsse die Promenade dringend attraktiver werden in Zeiten, in denen die Ausflügler jeden Euro zweimal umdrehen.

Im Urlaub zieht es Manfred Mühl auch ans Wasser – allerdings anderswo. Auf Teneriffa oder Barbados. Auf der Karibikinsel besucht er dann ehemalige Sportkameraden: Mühl war in jungen Jahren Mitglied der deutschen Judo-Nationalmannschaft. Auswandern wie die Kollegen? Niemals. „Am Tegeler See bin ich geboren, und hier will ich beerdigt werden“, sagt er. Er hofft, dass Pläne, seinen kleinen Hafen zuzuschütten, nie verwirklicht werden. Wenn Manne in Ruhestand geht, könnte sein Bootsverleih weiterleben. Ein Bekannter ist bereit, das Geschäft zu übernehmen.

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