Der Telekom-Prozess : Lieber ins Kasino

Moritz Döbler

Wenn der Weg das Ziel ist, dann hat für enttäuschte Telekom- Aktionäre eine gute Zeit begonnen. Zwar können sie nicht damit rechnen, dass sie in dem historisch einmaligen Zivilprozess Recht bekommen. Und sie müssen viel Geduld haben. Aber das Verfahren bietet so oder so etwas späte Genugtuung für die Millionen von Kleinanlegern, die freudig auf die vermeintlich bombensichere Volksaktie setzten und am Ende ihr Erspartes los waren.

Vordergründig geht es nur um den Börsenprospekt der dritten Tranche des Börsengangs im Jahr 2000 und die Frage, ob der Bonner Konzern darin seine Immobilien richtig bewertet und die Risiken der Expansionspläne ausreichend dargestellt hat. Doch eigentlich steht die Aktie an sich vor Gericht. Der Börsengang des behäbigen Staatskonzerns sollte ein Startschuss sein, um die alte Bundesrepublik in die Neuzeit zu katapultieren. So wie die 68er dem Muff unter den Talaren den Kampf ansagten, ging es in den Jahren um die Jahrtausendwende dem gewachsenen Wirtschaftsgefüge an den Kragen. Jeder kleine Angestellte sollte unternehmerisch denken, die Zukunft lag in Internetshops, nicht in der alten Industrie, Marketing war alles, Mitbestimmung altmodisch und Ron Sommer eine Lichtgestalt.

Der schlimmste Irrtum aber war: Jeder kann reich werden. Der gesunde Menschenverstand schien außer Kraft gesetzt. Denn man hätte ahnen können, dass einem Staatsmonopolisten eine krisenhafte Entwicklung bevorsteht, wenn man sein Geschäft für den Wettbewerb öffnet. Man hätte wissen müssen, dass ein Preiskampf einsetzt, der die Gewinne schmälert und zehntausende Jobs kostet.

Hätte, könnte, wäre – hinterher redet es sich leicht. Aber es lohnt sich, daraus Lehren zu ziehen. Die allerwichtigste ist, dass es nichts geschenkt gibt, nicht mal den Kugelschreiber vom Anlageberater. Aktien haben nur deswegen im langfristigen Vergleich bessere Renditen als Staatsanleihen, Festgeld oder Sparbücher, weil mit ihnen ein Risiko verbunden ist. Das nennt man im Börsenjargon Risikoprämie – und sie kann negativ sein, wie gerade auch zahlreiche deutsche Banken erfahren müssen, die sich mit US- Kreditverbriefungen verzockt haben.

Wer sich auf den Markt einlässt, kann auf viele kluge Börsenregeln zurückgreifen. Dass man zum Beispiel auf das Geld verzichten können muss, das man investiert. Und man sollte an das Geschäftsmodell glauben, auf das man setzt. Wer eine Autoaktie kauft, muss dem Unternehmen seiner Wahl überzeugende Antworten auf die zunehmenden Klimaschutzbestimmungen zutrauen. Wer so denkt, glaubt an einen Zusammenhang zwischen der realen Wirtschaft und Kursentwicklungen. Wer dagegen sein Heil davon abhängig macht, wo eine Linie eine Kurve trifft, könnte auch sein Horoskop heranziehen oder ins Kasino gehen. Man muss sich nicht nur mit Zahlen beschäftigen, sondern auch mit Ideen.

Ein Beispiel dafür bietet Air Berlin. Wer vor zwei Jahren zu zwölf Euro zeichnete und heute noch dabei ist, hat fast ein Drittel verloren (auch wenn es gerade mal wieder kräftig aufwärtsgeht). Denn die Frage nach dem Geschäftsmodell ist nicht endgültig beantwortet: ob das Unternehmen in der Lage sein wird, nach dba und LTU auch noch die Condor zu integrieren und ob es tatsächlich eine strategische Lücke zwischen Billigfliegern und Liniengesellschaften gibt.

Oder das Beispiel Deutsche Bahn. Dass die SPD hier den Begriff Volksaktie benutzt, belegt allenfalls ihre Ablehnung des Börsengangs. Denn unter Volksaktien versteht sie nicht attraktive Aktien fürs Volk, sondern sie will Großinvestoren die Mitsprache entziehen. Heuschrecken sollen draußen bleiben. Sollte die Bahn tatsächlich an die Börse gehen, müsste der Kleinanleger das Geschäftsmodell der Bahn hinterfragen: Tut Wettbewerb auf der Schiene – und in der Luft – der Bahn gut? Kümmert sich der Staat als grundgesetzlich verbriefter Mehrheitsaktionär um die Interessen der Anleger oder um die Bedürfnisse der Kunden? Egal, wer sich in die Fußstapfen von Manfred Krug und Johannes B. Kerner begibt, um für die B-Aktie zu werben – Kleinanleger sollten wohl die Finger davon lassen. Denn da gibt es Besseres fürs Geld.

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