Zeitung Heute : Der Tisch zum Kleid

Jeans, T-Shirt, Anzug – und dazu den Schrank: Armani entwarf als Erster neben seiner Mode auch Möbel. Andere Designer tun es ihm inzwischen nach. Ein Bericht von der Mailänder Möbelmesse.

Ulf Lippitz

Giorgio Armani bei Möbel Höffner? Wer weiß, eines Tages… Von Esprit gibt’s dort jetzt schon Stühle und Regale zu kaufen. Ohne Armani wär’ das vielleicht nicht passiert. Denn der italienische Modezar kam schon im Jahr 2000 mit seiner Linie Armani Casa auf den Markt, mit ausladenden Sofas und streng geformten Sesseln.

Armani Casa ist längst nicht nur in Italien ein Renner. In München und Hamburg können sich modebewusste Möbelkunden Sofas für ein paar tausend Euro kaufen, ebenso in den USA und natürlich in den Expansionsmärkten Asiens. Was Armani geschafft hat, haben andere Marken erfolgreich kopiert: Ein Luxusausstatter wie Versace bietet Sofas, Sessel, Chaiselounges aus weißem Leder an – und einen schwarz-weißen Quadratsessel, der ausgerechnet Rommel heißt. Pünktlich zur Mailänder Möbelmesse, die morgen zu Ende geht, eröffnete Versace am Mittwoch ein eigenes Möbelgeschäft, ach was: einen kleinen Palast an der eleganten Via Borgospesso. Damit ist die Einrichtungshoheit Armanis in der Mailänder Innenstadt gebrochen.

Die für Strickkleider berühmt gewordene Luxusmarke Missoni führte 1983 eine „Home Collection“ ein, zwei Jahre später folgte das italienische Modehaus Etro. Beide beschränkten sich darauf, ihre sorgsam ausgewählten Stoffe auch für Kissen, Handtücher und Bettbezüge anzubieten. Das deutsche Bekleidungsunternehmen Joop verfiel 1999 auf eine ähnliche Strategie. Denn auch außerhalb Italiens arbeiten Modehäuser an Einrichtungs-Kollektionen. Die spanische Bekleidungskette Zara vertreibt Wohnaccessoires, die japanische Lifestyle-Marke Muji bietet Hemden, Hosen und Betten an – Hauptsache minimalistisch. In den USA übersetzt Ralph Lauren sein Kleider-Credo schon seit längerem auf die Einrichtung: bürgerliche Lässigkeit, gepaart mit traditionellem Schick. Als Synonym für einen britischen Landhausstil gilt Laura Ashley. Die Firma bietet seit den frühen 80er Jahren die zu den Kleidern passenden Möbel an.

„To BE or not to BE“: So beschrieb die angesehene amerikanische Modejournalistin Suzy Menkes in der „International Herald Tribune“ den Markentrend des 21. Jahrhunderts: BE, das bedeutet „Brand Extension“, die Erweiterung der Marke auf andere Bereiche. Armani gelang es als erstem, Haute-Couture-Schneider, Mode- und Einrichtungswelt zusammenzuführen. Er hatte einfach genug von seinen Innovationen, wie er in Interviews sagte, von den Männerjacketts, denen er das Innenfutter und damit die Schwere nahm, und mit denen er Richard Gere als „Ein Mann für gewisse Stunden“ zum Sexsymbol erhob. Spätestens nach dem Hollywood-Film aus den frühen 80er Jahren war zwar die Armanisierung im Kleiderschrank vollzogen, nur der Schrank selbst stammte im Zweifelsfall von Ikea. Also entwarf ihn der Meister des guten Geschmacks eben selbst.

„Mode und Möbel, das ist beides was Intimes“, sagt Angela Schönberger, Direktorin des Berliner Kunstgewerbemuseums und spezialisiert auf zeitgenössisches Design. „Jeder Mensch tritt in seinen Kleidern auf, umgibt sich mit Möbeln – und präsentiert sie nach außen.“ Hinter dem Entwurf aus einer Hand vermutet sie die Idee des Gesamtkunstwerks, die es bereits in früheren Epochen gab. Der Jugendstil-Architekt Henry van de Velde etwa entwarf Häuser, Möbel, Bezugsstoffe ebenso wie Reformkleider für Frauen, mit denen er diese aus dem Korsett befreite. Das Design aus einem Guss, sagt Schönberger, macht es den Menschen leichter. „Er ist der Mühe enthoben, eine geistige Leistung zu erbringen. Mit Armani weiß er, dass er auf der sicheren Seite ist. Und er kann sich mit dem Namen schmücken.“

Jetzt wollen auch Paradiesvögel wie Dolce & Gabbana ins Geschäft einsteigen. In Mailand stellten sie zusammen mit dem Einrichter Kartell Leuchten des Designers Ferruccio Laviani vor. Wenn die Kooperation auf der Messe Erfolg hat, schließen Beobachter ein größeres Engagement im Möbelsektor nicht aus. Schließlich symbolisieren zwei prunkvolle Stühle in Schwarz und Gold seit Jahren im Hauptquartier und in den Boutiquen die körperlich abwesenden, aber geistig präsenten Modeschöpfer. Sollten die Sitzgelegenheiten in Serie gehen, wäre die Nachfrage garantiert. Madonna würde dann nicht nur wie im neuen Video „4 Minutes“ in Dolce & Gabbana durch die Kulissen flitzen, sie könnte dann von Edel-Stuhl zu Edel-Stuhl hüpfen.

Grundsolide Möbel dagegen bietet Esprit an, im Gegensatz zu Armani und Versace allerdings im Lizenzverfahren: Esprit verkauft seinen Namen an unterschiedliche Firmen, streicht die Lizenzgebühren ein und kümmert sich nicht um den Vertrieb. Der norddeutsche Möbelbauer Steinhoff produziert beispielsweise Möbel, die Düsseldorfer Firma Sompex Lampen und Leuchtstoffe – und die landen dann überall auf der Welt in großen und kleinen Möbelhäusern. Esprit ist zwar die handwerkliche Qualität wichtig, aber nicht die durchgängig erkennbare Handschrift.

In Italien gibt niemand die Kontrolle über Entwurf und Gewinn ab. „Cross-Design ist dort einfach schon länger üblich“, sagt Ursula Geismann vom Verband der Deutschen Möbelindustrie (VDM). „In Deutschland kommt diese Welle noch auf uns zu. Irgendwann wird es auch Bogner oder Gerry Weber Home geben. „Die deutschen Modeschöpfer müssen sich beeilen. Weltweit boomt die Nachfrage nach schicken Möbeln, über die eine ganze sinnliche Erfahrung verkauft wird. Die Gesellschaft für Konsumforschung (GfK) stellte in einer Statistik vom vergangenen Jahr fest, dass die „Bereitschaft zur Anschaffung langlebiger Konsumgüter“ auf einem Höchststand sei. Auch eine Studie des Allensbach-Instituts stellte letztes Jahr fest, dass die Bereitschaft der Verbraucher gestiegen ist, wieder in Qualität zu investieren.

Der Möbelmarkt gilt als lukratives Erwerbsfeld, auch weil es dort an etablierten Marken, die ein gehobenes Lebensgefühl verkaufen, eher mangelt. „Die Menschen sehen in den Marken einen Vertrauensanker, der bestimmte Qualitäten verspricht“, meint Ursula Geismann. „Und Modefirmen haben eine längere Markenerfahrung.“ Auch deshalb vermelden Investoren immer wieder spektakuläre Einrichtungs-Verträge mit bekannten Designerhäusern. Armani, Versace, Bulgari, Missoni, sie alle haben bereits Hotelkomplexe mit viel Geld eingerichtet. Im Moment baut der spanische Schuh-Hersteller Camper ein Designhotel in Berlin an der Rosenthaler Straße. Vermutlich wird es darin so hip und schick zugehen, wie die klobigen Schuhe mit den Gummi-Sohlen es uns weismachen sollen.

Der edle Name allein bürgt allerdings nicht automatisch für Innovation, glaubt Andreas Murkudis. Der Berliner arbeitete früher im Museum der Dinge, kuratierte dort schöne Alltagsgegenstände, seit 2001 verkauft er sie in einem Hinterhofgeschäft in der Münzstraße. Sein Sortiment: „Sachen, die ich schön finde“. Dazu gehören Jacken von Raf Simmons genauso wie die edlen Holz-Möbel von E15. Sein Laden in Mitte gilt als eine Art geschmäcklerisches Epizentrum der Hauptstadt. Die Möbellinien von Armani und Co. schätzt er als rein „kommerzielle Entscheidungen“ ein. „Ich glaube nicht, dass Häuser wie Armani eine Kompetenz in diesen Dingen besitzen.“ Angela Schönberger schätzt die Kollektionen ähnlich ein. „Da steht die Ökonomie stärker im Vordergrund“, sagt die Museumsdirektorin.

In die Welt der Museen und Galerien hat es Marken wie Versace oder Ralph Lauren mit ihren Möbeln bisher noch nicht verschlagen. Aber der Trend der großen Häuser wird weiter in Richtung ästhetisches Gesamtkonzept gehen. Selbst Hennes & Mauritz denkt über eine Home Collection nach. Das wäre nun wirklich der Beginn eines neuen Lifestyle-Konzerns. Armani-Fan Murkudis sieht die Entwicklung skeptisch. „Ich finde diesen Weg – alles designen zu wollen – falsch“, sagt er. „Irgendwann wird sich der Trend umkehren und die Marke vernichten.“ Vielleicht in dem Moment, in dem Giorgio Armani wirklich bei Möbel Höffner verkauft.

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