Zeitung Heute : Der Tod des Fotografen

Er war ein Star seiner Branche: Jahrzehntelang reiste Wilfried Bauer mit der Kamera um die Welt – für „Geo“, „Stern“, „FAZ“-Magazin. Dann plötzlich galten die Fotos des Reporters als unmodern. Vor Wochen verbrannte er sein Archiv und sprang aus dem Fenster.

Jürgen Schreiber

Der Fotograf Florian Quandt wusste nicht, wer vor ihm lag, als er in der Hamburger Schmilinskystraße einen Selbstmörder knipste; grotesk verdrehte, nackte Beine lugten unter einer Decke hervor. Es ist das letzte Bild von seinem berühmten Kollegen Wilfried Bauer, der die eigene Wohnung in Brand steckte, ehe er sich aus dem vierten Stock in die Tiefe stürzte – Aufprallgeschwindigkeit 62 Stundenkilometer nach freiem Fall von 1,3 Sekunden. Oben schweißen die aus dem Fenster schlagenden Flammen giftiges Gelb in die Winternacht, unten stirbt der 61-Jährige vor dem Garagentor: „Einfahrt Tag und Nacht freihalten“.

Dürre Eichen rahmen die Unglücksstelle im Stadtteil St. Georg. Hinter Bauers notdürftig abgedecktem Körper hängt eine Reklame für „Kodak-Filme“ des Geschäfts „1000 Töpfe“. Die Kameras im Schaufenster wirken wie Symbole zum Tod des Reporters: Schlusssequenz einer Reise, die Wilfried Bauer um die Welt führte, oft und oft.

Kollege Quandt von der „Morgenpost“ war unweit des Tatorts mit dem „shooting“ für den Artikel „Wege aus der Krise“ beschäftigt, folgte einfach dem Blaulicht zu Bauers Endstation. Es sei ziemlich genau 22 Uhr gewesen. Professionell hält er drauf, während Helfer den in eine Plane gehüllten Toten auf der Bahre quer aus der Szene schieben. Ein Moment, dicht, gespenstisch, unfassbar, von jener intensiven Verlorenheit, wie er Bauer zugesagt haben müsste, einem der am häufigsten veröffentlichten Fotografen Deutschlands. Quandts Canon dokumentiert die technischen Daten: Zeit 1/100, Blende 2,8, 75mm Brennweite, Film ISO 3200.

Wer war dieser Wilfried Bauer, der so ein grauenvolles Ende für sich wählte? Von Konkurrenten beneidet, ging er Jahrzehnte für „Geo“, „Stern“, „FAZ“- und „Zeit“-Magazin auf Tour. Eine Vielzahl von Nachrufen bezeugt den Rang des „exzentrischen Genies“ („Süddeutsche“). Aber in der Trauer schwingt auch mit, es könnte mit der Branche zu tun haben, wenn schon ein Star sich nicht mehr anders zu helfen weiß, als durch das unübersehbare Zeichen seines Freitods. Tatsächlich war der Hochgelobte „in Deutschland aus der Mode geraten“ konstatiert der Freund und Autor Heiko Gebhardt bitter: „Den vom Zeitgeist verwirrten Fotoredakteuren war er nicht trashig genug.“ Christiane Gehner vom „Spiegel“ meint, die Verhältnisse seien schon so, „dass einer wie Bauer keine Perspektive mehr hat“. Die Bildredakteurin war bei diversen Blättern seine wichtigste Bezugsperson. Ihre Frage: „Wer hat Schuld? Er oder wir?“ Ihre Antwort: „Fifty, Fifty!“

1973 mischte sie sich an seiner Seite unter eine Studentendemo, Bauer schoss die Fotos seines ersten „Spiegel“-Titels, auf dem rote Fahnen wehen. 2004 organisierte sie ihrem Favoriten in Glückstadt noch eine Ausstellung von „HVV-Blumen“. So nannte er die Bilder, für die er mit der Tageskarte des Verkehrsverbundes unterwegs war. Der kompliziert gewirkte Bauer riss mit für ihn typischen Selbstzweifeln bereits gehängte Fotos wieder von der Wand, obwohl er sich für die Prints verschuldet hatte. Die Vernissage schrammte knapp am Debakel vorbei. Man muss sein Werk schätzen, ja lieben wie die „Spiegel“-Frau, um trotzdem in zärtlichen Sätzen von ihm zu schwärmen. Früher war sie ein bisschen in ihn verknallt, gesteht Gehner mit backfischhaftem Lächeln. Nach Glückstadt verlor sie Bauer aus den Augen, sieht man davon ab, dass sie per Rundruf Redaktionen mit der Bitte belagerte: „Gebt dem was zu tun!“

Der Künstler hatte Anlass, sich als Opfer der Verhältnisse zu fühlen. Gestern noch wollte ihn die Pariser Top-Agentur „Magnum“ in ihren erlauchten Kreis berufen, ein Ritterschlag, dem Bauer sich verweigerte. Nun sah er sich verraten durch eine Entwicklung, die Effekthascher mit entmutigender Selbstgewissheit nach oben gespült hatte. Er hingegen zauderte und zögerte, verweigerte sich der Beliebigkeit, beharrte auf seinem Stil, zunehmend auf sich selbst zurückgeworfen. Der Ruf „sensibler Einzelgänger“ und „Eigenbrötler“ zu sein, eilte ihm voraus. Für die coolen Chefredakteure kein Gütesiegel mehr, sondern Schwäche. Christiane Gehner ergänzt, die „schnelle Erkennbarkeit von Bildmotiven“ sei heute das einzige Qualitätskriterium – nicht die „expressive, subjektive, essayistische Bildsprache“, in der es Bauer zur Meisterschaft brachte: „formbildend für eine ganze Generation“. Seine Fotostrecken verlangen Sehende, keine vom Internet verdorbenen Umblätterer mit raschem Verbrauch und Gier nach dem visuellen Kick. Ob Hiroshima, Mailand, die Gärten von Sintra, die Ökowinzer vom Breisgau, egal, es war sensationell, was längst bekannte Ecken in Bauers Sucher an Geheimnissen preisgaben, sofern man sich darauf einließ. Die Viktoria auf Berlins Siegessäule entschwebt bei ihm gleich einem Rauschgoldengel ins hohe Blau des Himmels. „Seine Arbeiten muss man erlesen“, sagt Gehner. Dazu sei das Publikum nicht mehr bereit.

Bauer war kein Knipser, sondern Erforscher des Lichts. Er zauberte Ansichten hervor, verführerischen Träumen verwandt, so leicht, dass man das Schwere der Arbeit nicht ahnte. Fern jeder Tagesmode brachte er Porträts zustande, die als Psychogramme zu deuten waren. Seine Studien rückten Menschen mit extremem Weitwinkel auf die Pelle, indiskrete und doch zarte Berührungen, das Dunkle schwärzer, das Helle in milchigem Schein. Die Welt, wie Bauer sie sah, verwandelte sich zu Seelenlandschaften, die dem Inneren dieses Malers mit der Kamera entsprach. Seine Sicht der Dinge blieb im Gedächtnis haften.

Hinter der Macht seiner Bilder war der Zweifler nicht zu ahnen. Dieser andere Bauer, von Trübsinn und melancholischen Schüben heimgesucht, einer, der den schweren Blues hatte, schroff war aus Schwäche. Für seinen „Stern“-Weggefährten Claus Lutterbeck, (der in manchen Jahren mehr Zeit mit ihm als mit seiner Frau verbrachte), ist er „der Inbegriff des Außenseiters“, das Kuriosum eines in Wahrheit menschenscheuen Reporter-Fotografen, der „am liebsten unsichtbar gewesen wäre“. Heute Neapel, morgen Kanzleramt, bei der Vielfalt von Bauers Themen schien ein Hans-Dampf-in-allen-Gassen am Werk. Dabei hielt er dem Alltag nur mit einer Batterie Kameras bewaffnet stand; ohne Objektiv kam er mit ungelenker Hilflosigkeit nicht klar. Nur im Sucher konnte sich Bauer Situationen stellen. Er hatte die Bilder im Kopf, auf die er wie unter Autosuggestion wartete. Er hatte Zeit. Seine Augen griffen begierig nach Motiven, bis auch diese Obsession sein Leiden an sich selbst nicht mehr lindern konnte. Man schaudert bei der Vorstellung, dass der aus dem Fenster Springende für die Dauer eines Lidschlags das Bild des auf ihn zustürzenden Asphalts erfasste.

Nichts also verfehlter, als den Kerl von fast 1,85 Meter für baumstark gehalten zu haben, mit Jungengesicht bis zuletzt. Bestseller-Autor Michael Jürgs erkannte ihn als einen „der sich versteckte hinter seiner Größe“. Die Elite der Reporter buchte ihn gern, sie verstanden die schmerzliche Schönheit auf dem Grund seiner Bilder. Bauer brütete über Einstellungen wie sie über Sätzen, erzählte optisch die Art von Storys, nach denen sie sich selbst sehnten. Seine Fotos adelten ihre Texte. Seit ihn die letzte Verzweiflung packte, verliert sich die Vita des millionenfach gedruckten Fotokünstlers in vagen Diagnosen einstiger Kollegen zwischen „depressiv“ und „schwermütig“. Es sind hilflose Floskeln gegenüber „Wilfried“, der fremd geblieben ist, ein Sucher nach der verlorenen Sache der Poesie. Selbst Journalisten, die sich sonst ihres Dramenblicks rühmen dürfen, durchschauten den Ingelheimer nicht. Dass die Eltern ein Fotogeschäft hatten, mehr gab ihr Partner nicht preis. Er lebte mit Freundin Ute nahe dem Hauptbahnhof. Keinen lud er ein.

Niemand weiß mehr genau zu sagen, wie sich unversehens Tragik in seine Existenz stahl. Vielleicht begann es mit dem 25. Juni 1999. Ein Freitag, die „Faz“ stellte mit Ausgabe 1008 ihr Magazin ein, das Mal um Mal einen Bauer in Höchstform gedruckt hatte. Unvergesslich sein Ballett schwereloser Artisten des „Cirque du Soleil“, überwältigend die Doppelseite mit Clown, der Hut wie ein Glorienschein, bengalisch beleuchtet.

Es war ein schleichender Prozess, Bauer verschwand still und leise von der Bildfläche, das Schicksal vieler Berühmter. Die Jahre kamen, in denen Reporterfreund Gebhardt hörte, „dass es ihm nicht gut geht“. Er versorgte ihn in der Schweiz beim nobel gemachten „SIE + ER“-Magazin mit Aufträgen. In Hamburg hieß es, Bauers „leise Sachen“ – „Deutsche Skizzen“ zum Beispiel, die er vor Jahren mit Gebhardt für den „Stern“ gemacht hatte – würden heute nicht mehr interessieren. Bei Lutterbeck beichtete Bauer: „Keine Sau druckt mich.“

Unter der Hand hatten sich die Arbeitsbedingungen verändert. Vier Wochen arbeitete er früher für ein gerühmtes Loire-Stück. Sechs Wochen durchmaß er mit der Kamera Pariser Parks. Neuerdings seien nur noch 14 oder gar nur drei Tage honoriert worden, klagte er. Zu wenig für einen Flaneur, der keinen Druck ertrug. Der Perfektionist blieb lieber auf eigene Kosten vor Ort, bis die seinen Ansprüchen genügende Reportage im Kasten war. Vom persönlichen Zuschnitt unfähig, sich gut zu verkaufen, lehnte er höchste Auszeichnungen wie den Dr.-Erich-Salomon-Preis ab. Ein Mangel, der sich in der Hochglanzbranche rächen musste. Dort dominieren Blender, in die leere Fülle ihrer Wundertüte verliebt. Im Nachhinein ist „FAZ“-Redakteur Franz Josef Görtz eingefallen, wie „der Wilfried sich um die Antwort drückte“, als er ihn vor einem Jahr fragte, was er so mache. Trotzdem hätte er Bauer „nie für suizidgefährdet gehalten“. Dem widersprach die körperliche Statur. Bis es dann an Görtz war, den Nachruf zu schreiben.

Nachdem das Undenkbare geschah, be- trachtet man Bauers Gesamtkunstwerk mit ganz anderen Augen. Christiane Gehner entdeckt „Todessehnsucht“ in den Bildern. Augenfällig bei den 2005 für „SIE + ER“ durchfotografierten Lorzentobelbrücken (bei Zug / Schweiz), von denen sich binnen 15 Jahren 47 Menschen zu Tode stürzten. In Bauers atemberaubenden Bildern ist der Sog, dem er sich bald selbst nicht mehr entziehen konnte: Stimmungsvoll wallt Nebel, der Vollmond schaut den Hoffnungslosen zu, am Geländer flackert das Gedenklicht für die Toten.

Dann gibt es da Bauers Erkundung von Georges Simenons brüchigen Provinzidyllen, beherrscht von der bösen Stille nach der Tat. Auf dem Umschlag des Romans „Die Selbstmörder“ ist eine letzte Rose von jener morbiden Sorte, wie Bauer sie bis zum Ende auf Friedhöfen suchte und mit hartem Kunstlicht anblitzte. Auf Gottesäckern drückte er sich oft herum, die merkwürdige Faszination fügt sich im Nachhinein zur Chronik eines angekündigten Todes. War die grandios ins Bild gesetzte Ästhetik von Verfall und Vergänglichkeit doch eine Reflexion über das eigene Ich? Muss man erwähnen, dass es in Simenons 218 Krimis nicht an Freitoden und Fensterstürzen mangelt und sich die Tochter des Schriftstellers mit einer Pistole ins Herz schoss?

Nicht nur dem Reporter Heiko Gebhardt hatte Bauer von demütigenden Redaktions-Besuchen berichtet, wo er mit Cordhose, Hosenträgern, rustikalem Schuhwerk wie ein Herold der 70er-Jahre erschien. Er kam vom anderen „Stern“, seine unverwechselbare Handschrift hatte der Illustrierten mit zur einstigen Klasse verholfen. Überall hatten statt ihm vertrauter Bezugspersonen jetzt Jüngere das Sagen, die den einigermaßen verschrobenen Wilfried nicht zu nehmen wussten. Manche Bildredakteure hätten ihn nicht mehr gekannt und gebeten, er solle mal eine Bewerbungsmappe mitbringen. Bauer war jederzeit bereit, darin eine Verschwörung des schlechten Geschmacks gegen sich zu wittern, Verschwörung jener Durchschnittlichkeit, gegen die sein künstlerischer Impetus gerichtet war. Und wahrlich kann man sich fragen, ob hingetuschte Naturbilder à la Bauer in die farbenprächtige Öde gängiger Lifestyle-Blätter und belangloser Aufgeregtheiten passten.

Es war der 6. Dezember. Heiko Gebhardt hört in der Früh seine Mailbox ab. Um ein Uhr in der Nacht hatte ihm Ute weinend die Nachricht aufgesprochen: „Wilfried ist auf schreckliche Weise umgekommen!“ Seinen letzten Tag bestimmte die wie ein Urteil empfangene Tatsache, wegen einer Sanierung die Eigentumswohnung räumen zu müssen. Kosten von bis zu 20 000 Euro standen im Raum. Geld hatte er nach den Worten seiner Partnerin nie, steckte alles in Fotosachen, brauchte Bilder, Bilder, um sich seiner Identität zu versichern. Auf den gemeinsamen 110 Quadratmetern stapelte sich die Ausbeute seines Fleißes bis unter die Decke. Die Behausung ähnelte einem Mausoleum, Außenstehenden kam es vor, als sei das Paar lebendig begraben in seiner Ausbeute. 300 Kartons mit Hausrat, Kontaktabzügen, Negativen und Dias waren schon gepackt, ohne dass die beiden Land gesehen hätten. Allem Anschein nach war es die Situation, die ihn über die „Umzugsdepression“ hinaus in ihrer Unausweichlichkeit bedrängte und entglitt. Bis zu den Knien watete die Feuerwehr beim Löschen noch in den Papierstößen – Bodensatz einer Besessenheit.

Ute war seine Liebe aus Heidelberg. Sie hatte ihm die Wohnung finanziert, von rund 300 000 Mark ist die Rede. Seit 25 Jahren hütete die Oberärztin unter großen persönlichen Opfern seinen Bilderberg. Mit dem Schatz einiger 10 000 Fotos konnte die Partnerin unmöglich fertig werden, gehortet in einer Ordnung, die allein sie kannte. „Geschäftspapiere in dem Sinne gab es nicht“, weiß Christiane Gehner, in rührender Weise hätte Ute Lieferscheine auf einer alten Schreibmaschine getippt. Dias brachte sie oft in der Plastiktüte zu Redakteuren.

Hinter Christiane Breustedt von „Geo International“ hängt der Magazin-Titel „Sanfte Weltmacht Buddhismus“ an der Wand. Sie verströmt positive Energien beim Aufblättern diverser Bauer-Geschichten, grandiose Bilderbögen unter einem Ansturm bleicher Farben. Die Expertin schwelgt über seine „nostalgisch-romantisierende Art, exzeptionell für die deutsche Medienlandschaft“. Sie schickte ihn los als „Poeten, Lyriker, Übersetzer schwingender Themen“. Er dankte es ihr mit „assoziativen Bildern“. Dafür nahm sie in Kauf, dass Wilfried stressig sein konnte. Oft kam er „mit Tonnen von Material zurück“. Kosten seien noch kein Problem gewesen, man konnte „Filme verballern bis ans Ende aller Tage“. Stund um Stund hätten sie Dias durchgesehen, „10, 12, 14 Karussells mit je 80 Fotos“. „Geo“ druckte anno ’80 Bauers berühmteste Reportage, eine Meditation über uralte Bäume, etwa die 900-jährige Bavaria-Buche bei Pondorf. Die besuchte er im Wechsel der Jahreszeiten wie eine Bekannte. Man kann annehmen, dass sie ihm, der keine festen Wurzeln hatte, als Ruhepunkt diente. Für „den Wilfried“ galt laut Breustedt: „Ich sehe was, was Du nicht siehst!“ Das größte Kompliment.

Was ist passiert, dass dem Ausnahmekönner der Tod weniger grausam vorkam als das, was er für sich noch erwartete? Dass er sein Testament im Handschuhfach des Autos deponierte, die Wohnung anzündete, um sein gesamtes Werk auszulöschen. In seiner sorgsam gehüteten (und doch bekannten Verlassenheit) quälten den Autodidakten Versagensängste, Bauer fühlte sich zuletzt bitter verkannt und nie genug geliebt. Sein Sprung vollendet in unübersehbarer Symbolik den erlittenen, beruflichen Absturz, eine lang in ihm angestaute Aggression, die sich gegen ihn selbst richtet. Suizidanten hinterlassen Rätsel, bürden Hinterbliebenen massive Schuldgefühle auf. Indem der Scheue sich öffentlich umbringt, straft er diejenigen, die ihn nicht (mehr) anerkannten. Schwer zu sagen, ob das, was ihn isolierte und schließlich überwältigte, aus ihm kam oder von außen.

Am 9. November ergeht der Hinweis, die Haussanierung beginnt! Alarmiert telefonierte Ute hinter ihm her. Wilfried knipste auf dem Ohlsdorfer Friedhof. Sie fuhr sofort hinaus: „Ich habe ganz schlechte Nachrichten.“ Bauer orakelt, ob er die nächsten Wochen überleben werde und zeigt ihr den Hain, in dem man sich namenlos bestatten lassen kann. „Danach hat er nicht mehr fotografiert, glaube ich!“

Bauers Partnerin führt das Gespräch im Treppenhaus der Unglücksadresse. Sie trägt einen weißen Schutzanzug mit Atemmaske. Nachbarn und Bauarbeiter drücken sich vorbei. Ihr Blick ist verloren und panisch, in tastenden Sätzen berichtet sie von dem nun fremden Ort. Dass sie in Bergen von Asche wühle. Dass sie versuche zu retten, was zu retten sei. Gleichzeitig eine Art Trauerarbeit. Das Feuer, Bauers Tod, ihr ist alles genommen. Sie trage die Kleider einer Freundin. Schon am Telefon drückte es einem das Herz ab bei ihrer Schilderung von Wilfrieds aussichtslosen Stimmungen: „Die Balance musste jeden Tag neu gewonnen werden.“ Immer wieder habe er „düstere und schreckliche Dinge geäußert“.

Bauers Lehrmeister Robert Häusser lebt in Mannheim, ein weltberühmter Fotograf von nun 81, sein Name fällt in einem Atemzug mit Avedon, Cartier-Bresson, Salgado. Dem Gewinner des mit 65 000 Euro dotierten Hasselblad Awards, („Nobelpreis der Fotografie“) stehen wild die Haare vom Kopf. Bauer wohnte von 1964 bis ’68 bei ihm unterm Dach. Wilfrieds Freitod habe ihn „entsetzt, bestürzt, aber nicht überrascht“. Er lernte ihn als „total zugeriegelten“ Menschen kennen, konstatierte „seelische Probleme“, über die nicht zu sprechen war. Der Selbstmordgedanke habe „in ihm dringesteckt“. Einmal sei er nach der Pause nicht mehr ins Atelier gekommen, stattdessen rief seine Mutter an: „Ach Gott, Herr Häusser, ich bin grad noch dazukomme, wie er sich aufhängen wollte!“ Wilfried habe gesagt, „wenn ich net so gut werd’ wie der Häusser, kann ich mich gleich umbringe“. Der Senior blättert mit schmalen Fingern in dicken Alben. Tochter Ina sitzt dabei, Bauer holte seine „Muse“ selbst nachts um zwei zur Foto-Session aus dem Bett. Man nahm ihn in die Familie auf, sah dem Assistenten nach, dass er den Chef die 25-Kilo-Ausrüstung schleppen ließ, sah ihm nach, wenn er mit einem „Lecken Sie mich doch am Arsch“ die Tür ins Schloss schmiss, dass der Schreiner kommen musste. Beim Meister guckte er ab, was sein Markenzeichen wurde, Schüsse mit extremem Weitwinkel. Er fotografierte wie ein Filmer, nannte es „batschen“, „durchbatschen“. Sie gingen oft zu Ausstellungen. Bauers Liebling sei Mark Rothko gewesen, der brachte sich übrigens auch um. „Der Wilfried ist in allem konsequent gewesen, und wenn’s um seinen Tod ging.“ 1974 hatte sein Aufstieg mit einer grandiosen schwarz-weiß-Melancholie begonnen – der Reportage eines Schülerselbstmords, Titel: „Die Leiden des jungen K.“

Vor der Tat hatte er mit Ute „Kulturzeit“ angesehen, später sprachen sie über Hannah Arendt. Ein von ihr im Rückblick „fast heiter, ganz normal“ empfundener Tag mit Einkäufen, „SZ“ lesen, Rotwein trinken. Über allem lag freilich die Drohung, die Wohnung räumen zu müssen. In der schnell hereinbrechenden Dezembernacht vom 5. auf den 6. habe Bauer das Zimmer verlassen. Bei der Rückkehr kurz darauf schrie er „Raus hier, raus hier!“ Sie habe gesehen, „dass die Sache ernst ist“. Gegen seine Entschlossenheit blieb nichts als ihr Flehen, er solle sie noch eine Hose anziehen lassen.

Die Ermittlungen ergaben, Bauer schüttete Terpentin aus, entzündete es, kaum innehaltend in der Raserei. Schon steht er im Fenster, Gluthitze wabert hinter ihm, vorne schlägt ihm Kälte entgegen. Die Freundin rennt in Socken zum Polizeirevier 11, sieht ihn im Fensterrahmen, man könnte meinen, er habe ein Kennern bekanntes Foto nachgestellt, Häussers intensives Selbstporträt im Fensterkreuz.

Dann verwandelt sich der Unglückliche in einen Schatten. Anlieger hören einen „furchtbaren Knall“. Über dem Toten schlagen die Flammen aus dem Haus, die Feuerwehrleiter wächst dem Brandherd entgegen. Im Dröhnen von Wasserpumpen schweigen die Schaulustigen, unter ihnen im Nieselregen zitternd Ute. Bei ihrer Ankunft im Polizeirevier kam die Nachricht: „Ein Mensch ist tot.“

Wilfried Bauer liegt auf dem Friedhof Ohlsdorf bei Kapelle 13 begraben. Anonym, ohne Grabstein, ohne Engel, die er wie kein anderer fotografierte.

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