Zeitung Heute : Der Tod ist nicht das Ende

Zoran Djindjic ist tot, ermordet in der Innenstadt von Belgrad. Wer die Reformpolitik des serbischen Premiers weiterführen kann, ist unklar. Das Land darf seinen Demokratisierungsprozess aber auf keinen Fall abbrechen. Denn was in Serbien geschieht, bestimmt den Balkan.

Gemma Pörzgen[Belgrad]

MORD AM SERBISCHEN MINISTERPRÄSIDENTEN

Es war warm in Belgrad, ein Frühlingstag. Als würde seit dem Amtsantritt des neuen Präsidenten von Serbien-Montenegro, Svetozar Marovic, am vergangenen Freitag ein neuer Wind wehen. Gleich zu Beginn seiner Amtszeit hatte der sich zu einer Zusammenarbeit Belgrads mit dem Kriegsverbrechertribunal in Den Haag bekannt. Um seinen Vorgänger Vojislav Kostunica war es schon vor dessen Abgang als jugoslawischer Präsident still geworden, und es schien, als wäre die Strategie von Serbiens Premier Zoran Djindjic aufgegangen, sich seines wichtigsten Gegners zu entledigen und die politische Szene in Belgrad allein zu beherrschen.

Doch dann fielen am Mittwochnachmittag die Schüsse vor dem serbischen Regierungsgebäude, mitten in der belebten Innenstadt. Zoran Djindjic wurde in den Bauch und in den Rücken getroffen. Ein Notarztwagen brachte ihn sofort in das nahe gelegene Krankenhaus, wo die Ärzte mit einer Operation um sein Leben kämpften. Augenzeugen vor Ort berichteten von zwei Festnahmen. Die Belgrader Innenstadt wurde umgehend von schwer bewaffneten Sicherheitskräften abgesperrt. Der unabhängige Fernsehsender B92 unterbrach sofort sein Programm und berichtete live vom Tatort, während im staatlichen Fernsehen bis zu den Nachrichten die Soaps weiterliefen, als sei nichts geschehen. Die unabhängigen Agenturen Beta und der Internet-Dienst von B92 waren plötzlich im Internet nicht mehr zu empfangen. Es war, als täte sich plötzlich wieder der Abgrund der Milosevic-Ära auf, in der politische Morde auf der Tagesordnung standen.

Es war das zweite Attentat auf Djindjic. Erst am 21. Februar hatte ein Lastwagen auf der Belgrader Autobahn versucht, den Wagen des Premiers von der Straße zu drängen. Damals hatte Djindjic die Tat zunächst mit einem Scherz abgetan und von einem „unverantwortlichen Fahrer“ gesprochen, „der auf der Autobahn fahren übte.“ Die Regierung schien den Vorfall damals herunterspielen zu wollen. Erst wenige Tage später sagte Djindjic öffentlich, er wäre schockiert, wenn es sich tatsächlich um einen Mordversuch gehandelt haben sollte. „Manche Leute denken, sie können noch immer die gleichen Dinge tun wie unter der Herrschaft von Milosevic.“ Beim Sturz des Milosevic-Regimes hatte sich der frühere Belgrader Bürgermeister Djindjic als Manager des friedlichen Machtwechsels profiliert und in der ganzen Welt großes Ansehen erworben. Während der Nato-Angriffe auf Jugoslawien wurde Djindjic oft live in den „Tagesthemen“ zugeschaltet, um im besten Soziologendeutsch die Sicht der Opposition zu erläutern.

In den Jahren seiner Regierungszeit genoss er wegen seiner viel gelobten Reformpolitik die uneingeschränkte Unterstützung aus den westlichen Hauptstädten, vor allem aus Berlin. Erst in den letzten Wochen schien er dieses Vertrauen ernsthaft aufs Spiel zu setzen, als er sich mit Forderungen hervorwagte, der Status des Kosovo müsse jetzt diskutiert werden. Als wolle er nun auch im nationalistischen Lager Punkte sammeln, forderte er die Rückkehr von serbischen Sicherheitskräften in das von den UN verwaltete Kosovo.

Über die Hintergründe des Mordes wurde in den Belgrader Medien zunächst vorsichtig spekuliert, dass es sich bei den Drahtziehern um Personen aus der Belgrader Unterwelt handeln könnte. Feinde hatte Djindjic in vielen Lagern. Keines der vielen Attentate der Milosevic-Zeit wurde bis heute aufgeklärt.

„Wenn irgendjemand denkt, dass diese Gesetze und diese Reformen gestoppt werden können, indem man mich eliminiert, dann ist das ein riesiger Irrtum“, hatte Djindjic nach dem fehlgeschlagenen Anschlag vom Februar gesagt. Und doch fehlt der politischen Landschaft Serbiens jetzt ein herausragender Politiker, der Djindjics Arbeit nahtlos fortsetzen könnte. Zu viele Reformprojekte sind an seine Persönlichkeit gebunden, und in den vergangenen Jahren hat seine dominierende Rolle mit dazu beigetragen, dass es in Serbien-Montenegro an frischen Gesichtern und neuen Persönlichkeiten in der Politik fehlt.

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