Zeitung Heute : Der Tor-Mann

17. Juni 1953, der Tag des Protests. Mittendrin: Bauarbeiter Norbert Jaffke, 22, der die Rote Fahne vom Brandenburger Tor holt. Was passierte danach mit ihm? Jetzt war Jaffke wieder in Berlin.

Andreas Austilat

Hat sich der Aufstand gelohnt? Schwere Frage, da muss Norbert Jaffke erst einmal nachdenken.

Der Schriftsteller Stefan Heym hat die Aufständischen des 17. Juni damals in einem Zeitungsartikel „Faschistische Stoßtrüppler in Ringelsöckchen und Cowboyhemden“ genannt. Jaffke muss lachen. Ringelsöckchen, die trug er ja wirklich, „war so ziemlich das einzig Modische, was man sich leisten konnte.“ Aber Cowboyhemden? Das weist der ehemalige Bauarbeiter aus der Stalinallee, die heute längst wieder Frankfurter Allee heißt, zurück. Amerikanische Lebensart war ihm fremd. Rita Paul und Bully Buhlan, das waren seine Stars. Und wenn schon Glenn Miller, dann hörte er den Chattanooga Choo-Choo lieber in der deutschen Version: „Fahr mit dem Zug nach Kötzschenbroda.“

Nicht, dass Jaffke schlecht verdient hätte, der Überflieger mit Abitur und vier Semestern Statik an der Abendschule sei ja schon mit 22 Jahren Brigadier gewesen, Stellvertreter des Bauleiters, bekam über 600 Mark im Monat, beinahe doppelt so viel wie ein normaler Arbeiter. Aber Geld allein machte einen in der DDR 1953 noch lange nicht wohlhabend. Immer noch wurden Lebensmittelkarten ausgegeben, „ich glaube 34 Kleidermarken brauchte man für eine Hose, fürs ganze Jahr kriegte man aber nur 60 Marken.“ Und wenn Norbert Jaffke sein Leibgericht essen wollte, Kartoffelsalat mit Bouletten, dann musste man schon mal drei, vier Tage vorher anfangen, die Zutaten zu besorgen.

Weniger Geld in der Tüte

Die Parteiführung um Ulbricht wollte den Sozialismus gewissermaßen im Eiltempo erzwingen, schreiben Historiker wie Hubertus Knabe, wissenschaftlicher Direktor der Gedenkstätte Berlin-Hohenschönhausen. Rüstung und Schwerindustrie erhielten allererste Priorität, Konsumgüter wurden immer knapper. Gleichzeitig wurde die Enteignung von Bauern, Gewerbetreibenden und Freiberuflern forciert. Den Arbeitern würde eine erhöhte Arbeitsnorm auferlegt, künftig sollten sie zehn Prozent mehr leisten, um auf den gleichen Lohn zu kommen. Den Verdruss über diese Maßnahmen hörte man bis Moskau. Und dort wies man Ulbricht an, einzulenken. Der Staat wich zurück, Handel, Gewerbe, Landwirtschaft durften mit Erleichterungen rechnen, nur die Arbeiter nicht, an der Normerhöhung hielt die Partei fest. Und am 12. Juni hatten auch die Arbeiter in der Stalinallee weniger Geld in der Tüte.

50 Jahre später. Die Sonne brennt auf die Wilhelmstraße, es ist heiß, heiß und still. Die Geräusche des Pariser Platzes sind hinter uns zurückgeblieben, die Touristen auch, hierher kommt kaum ein Fußgänger, in diese Geschichtsmeile, wie es auf einer Schautafel am Straßenrand heißt. „Steht da auch was über uns“, Norbert Jaffke hat sich vorgebeugt, liest, „nein, nur etwas über Bismarck.“ Er zieht sich das blaue Jackett aus, hängt es sich mit der einen Hand über die Schulter. Mit der anderen zeigt er auf die rote Markise eines Steakhauses an der Ecke Behrenstraße, „da drüben, da war der Panzer.“ Ein russischer T 34, wie er heute noch vor dem sowjetischen Ehrenmal am 17. Juni steht, plötzlich schwenkte der ein, in die Wilhelmstraße, setzte sich rasselnd in Bewegung, direkt auf eine Gruppe Frauen zu. „Gesehen habe ich es nicht, eigentlich nur gehört, ein hässliches Geräusch“. Der Panzer hatte eine Frau überfahren, einfach so. Das war das erste Opfer, das Jaffke an diesem Tag wahrnahm, an diesem 17. Juni 1953. „Auch ein heißer Tag, fast wie heute.“

Norbert Jaffke war damals 22, ein wütender junger Mann. Aber das mit der Fahne, sagt er, „das war vielleicht ein Fehler, das hat die doch provoziert, man hätte sie nicht verbrennen sollen.“

So gegen elf Uhr war es mit ihm durchgegangen. Noch am Alexanderplatz hätte er sich das nicht ausmalen können, „aber wie wir Unter den Linden runterzogen, ich mich umdrehte und die vielen Menschen sah“, da überkam es ihn, so eine Euphorie, „ja, ich dachte, jetzt kippts.“ Jaffke glaubte an das Ende der DDR wie er sie bis dahin kannte, das Ende des Einparteiensystems, der Mangelwirtschaft und der hohlen Parolen, mit denen man seine Baustelle schmückte. Und auch die Sowjets machten ihm keine Angst, als etwa um halb zehn zwei, drei offene Lastwagen, besetzt mit Soldaten, den Zug passiert hatten, „da haben die uns ja sogar zugewunken“, erinnert er sich. Die Menge aber wuchs an zum Strom, mitreißend und, so schien es, nicht mehr aufzuhalten.

Am Pariser Platz teilte sich der Strom, ein starker Arm schob sich die Wilhelmstraße runter, zum heutigen Finanzministerium hin, damals Haus der Ministerien an der Ecke Leipziger Straße. Der Rest drängte auf den Pariser Platz. An dessen Ende aber steht das Brandenburger Tor und oben drauf wehte die rote Fahne mit Hammer und Sichel. Rufe wurden laut, so etwas wie „holt ihn runter den Fetzen“. Ja, wie denn, dachte Jaffke noch, aber da hatten schon welche einen Weg gefunden, standen auf dem ersten Absatz. Und Jaffke schloss sich ihnen an. „Wir rissen die hölzernen Rüststangen von einer Baustelle“, er zeigt eine Stelle, wo heute die Dresdner Bank steht. Sie legten die Stangen an die Dachkante. Über diese Rundhölzer seien sie auf den niedrigeren Absatz an der Seite gelangt. Wildfremde stiegen einander auf die Schultern, neue Stangen wurden gereicht und eine kleine Gruppe schaffte es bis zum Fahnenmast. Das Tuch wurde eingeholt, runtergeworfen, von der Menge zerrissen und verbrannt. Bilder, wie wir sie heute nur noch aus der Tagesschau kennen, von den Krisenschauplätzen dieser Welt.

Jaffke stand immer noch oben, als die Fahne unten schon zerrissen wurde. Was denkt man in solch einem Moment? Denkt man, das ist jetzt Geschichte und du bist dabei? Nein, ihm sei eher ein wenig unbehaglich gewesen. „Wissen Sie, ich bin ja ein bisschen national eingestellt“, sagt der Mann, der es später zum Honoratioren bringen sollte, zum Ausbildungsleiter in der Landesversicherungsanstalt Baden-Württembergs und zum ehrenamtlichen Richter, ausgezeichnet unter anderem mit dem Bundesverdienstkreuz. Und auch, wenn er der Meinung war, es müsse ein Zeichen gesetzt werden, „dass wir nicht sowjetisch sein wollen“, nationale Symbole bedeuten ihm was, selbst wenn sie anderen gehören.

Schüsse fielen, Jaffke glaubt, dass sie aus der Richtung der heutigen DG-Bank kamen, Frank Gehrys Bau auf der Südseite des Pariser Platzes. Er kletterte runter vom Tor, umging den Platz über die Ruinengrundstücke auf der Nordseite und gelangte in die Wilhelmstraße. Und dort, wo der Panzer stand, wo er mit anderen schließlich vor dem Haus der Ministerien auf eine Schützenkette der kasernierten Volkspolizei stieß, dort dachte er wieder, jetzt kippt es.

Die Euphorie des Vormittags verflog rasch. Es muss etwa um zwei gewesen sein, als er über Lautsprecher erfuhr, dass der Ausnahmezustand verkündet wurde. Jaffke rannte zum Potsdamer Platz, fand einen Verwundeten im Rinnstein, wollte ihn im Westen abgeben, „aber auch da hatten Schupos eine Sperrkette gebildet, die ließen niemanden mehr durch.“ Hinter ihm fuhren immer mehr Panzer auf. 600 sollen es allein in Berlin gewesen sein, schrieben später die Historiker. „Vorbei, dachte ich, jetzt kannst du nach Hause gehen.“ Und Jaffke ging – nicht nach Hause, sondern zurück auf seine Baustelle. Gegen halb fünf stand er wieder vor dem Block D Nord. Von hier waren sie am frühen Morgen aufgebrochen. Jetzt war niemand mehr da, jetzt war er allein.

Wir stehen am U-Bahnhof Weberwiese. „Schön geworden“, sagt Jaffke und betrachtet den Block, an dem er vor 50 Jahren mitgearbeit hatte. Die Wandfliesen der Außenverkleidung sind frisch restauriert, die Fliesen, derentwegen Jaffke heute noch die Frankfurter Allee das „größte Badezimmer Berlins“ nennt. Sein Block war damals noch im Rohbau. „Wir hatten ja nicht einmal einen Kran“, die Sechs- bis Neungeschosser wurden Ziegel für Ziegel hochgemauert.

Ob er das Haus mal von innen sehen wolle? Wir klingeln. Tatsächlich lässt man uns ein, eine Hochzeitsgesellschaft im fünften Stock. Der Bräutigam ist ein bisschen verwirrt, als da der 72-Jährige vor ihm steht und sagt: „Guten Tag, wissen Sie, ich habe dieses Haus gebaut.“ Doch dann erzählt der junge Mann, dass er „schon als kleiner Schniepel“ so Mitte der 80er mit der roten Fahne in der Hand durch diese Straße gezogen sei, schon damals den Wunsch hatte, „da willst du mal wohnen“. Dann entschuldigt er sich, er müsse sich wieder um seine Gäste kümmern.

Jaffke war am 16. Juni 1953 bereits zwei Jahre verheiratet, hatte einen kleinen Sohn. Und er hätte auch einen Grund zum Feiern gehabt, der 16. Juni ist sein Geburtstag. „Im Grunde ist das ja der Tag gewesen, an dem das Ganze losging.“ Das heißt, diskutiert habe man schon in den Tagen zuvor, die Lohnkürzungen hatten das Fass zum Überlaufen gebracht. An diesem 16. aber schickte man eine 20-köpfige Delegation zum Haus der Ministerien, darunter Norbert Jaffke. Die Delegation vereinigte sich mit anderen zur ersten ungenehmigten Demonstration der DDR-Geschichte. Ihre Forderung: Rücknahme der Normerhöhung.

Sie kamen zu dritt

Vor dem Haus der Ministerien, auf einem kleinen Platz an der Ecke Leipziger Straße, stand ein Tisch. Auf dem versuchte Industrieminister Fritz Selbmann sich im TumultGehör zu verschaffen, versprach eine Überprüfung der Normerhöhung, zu spät. Aus der Menge wurden Rufe wie „Freie Wahlen“ und „Generalstreik“ laut.

Zwei Tage später, am 18. Juni, wurde Norbert Jaffke verhaftet. Zu dritt hätten sie am Morgen vor seiner Wohnung gestanden, ihn mitgenommen. Es begann eine mehrtägige Odyssee mit immer neuen Verhören. Manchmal waren die Umstände entwürdigend, wenn er sich etwa bis auf die Unterhose ausziehen musste, die er dann mit einer Hand festhalten musste, weil sie ihm den Gummi zerrissen hatten. Doch Gewalt sei ihm nicht angetan worden. Anders etwa als bei den Verhaftungen einen Tag zuvor, von denen Fritz Schenk, damals ebenfalls 22 und persönlicher Referent von Bruno Leuschner im Haus der Ministerien, berichtet. Schenk erinnert sich an die Schreie jener, die in den Keller getrieben wurden, „und anderntags hatten die Reinigungskräfte allerhand zu tun, die Blutspuren zu beseitigen.“

Jaffke hatte Glück. Nach vier Monaten war der mehrfach belobigte Arbeiter wieder draußen. Andere kriegten bis zu 15 Jahre, büßten sogar mit ihrem Leben. Warum die Milde in seinem Fall? Jaffke weiß es nicht, glaubt, dass die „Freiheitlichen Juristen“, eine Organisation im Westen, zu seiner Freilassung beigetragen haben.

Auf seine Baustelle kehrte er nicht zurück. Stattdessen wurde er in die Kniprodestraße versetzt. Als ein Gewerkschafter von ihm Berichte über Kollegen einforderte, witterte er eine Falle. Im September 1954 sind die Jaffkes geflohen, eine Flucht, die seine Frau nicht wollte. „Ich bin 52 Jahre glücklich verheiratet, aber das stand lange Jahre zwischen uns.“ Helga Jaffke tat sich schwer mit der Eingliederung im Schwabenland.

Noch einmal die Frage: Hat sich der Aufstand gelohnt? „Natürlich“, sagt er jetzt. Auch wenn viele danach den Mut verloren hätten, die Opposition für Jahrzehnte zum Schweigen gebracht wurde, „wir haben ein Zeichen gesetzt, gezeigt, dass man sich nicht alles gefallen lässt.“ Für einen Moment sei er sogar sicher gewesen, die Sowjets würden einlenken. „Als dann die Panzer kamen, das war ein ganz bitterer Moment.“ Und auch vom Westen war er erst einmal enttäuscht, vor allem, als die Amerikaner ihn noch im Aufnahmelager als Spion anwerben, wieder zurückschicken wollten.

Anfang der 60er Jahre beteiligt sich Jaffke an der Gründung des „Bundes der Mitteldeutschen“, die Organisation kümmert sich um die Eingliederung der 4,5 Millionen Flüchtlinge, die die DDR im Laufe ihrer 40-jährigen Geschichte verließen. Schließlich übernimmt er die Präsidentschaft des Bundes. Zeitweise übt er den Vorsitz des Ausschusses für Deutschlandpolitik beim Deutschen Bundestag aus, engagiert sich im Häftlingsfreikauf, hat sogar mal selbst zu tun mit Friedrich Vogel, dem Anwalt, der das Geschäft für die DDR-Seite betreibt. Seine Frau wünscht sich, dass endlich Ruhe einkehrt, ihr Mann sich auf seine Arbeit beschränkt. „Aber ich musste doch was tun“, Jaffke weiß, dass er gut weggekommen ist und andere sehr viel schlechter. Er glaubt, er habe etwas abzutragen.

Er weiß auch, dass ihn viele all die Jahre für einen Kalten Krieger hielten. Im Osten sowieso. Und im Westen, da erlahmte das öffentliche Interesse bald. Immerhin, in diesem Jahr ist es wieder mal groß. Am kommenden Dienstag wird er sogar im Fernsehen auftreten, bei „Kerner“.

Es hat ihn getroffen, als sein Feiertag abgeschafft wurde. „Ein Skandal“, kann er sich immer noch erregen. Nicht Ungarn, nicht die Tschechoslowakei, nicht Polen, sie seien doch die ersten gewesen, die aufgestanden sind. Der Vorwurf des Kalten Kriegers, der trifft ihn nicht. „Jeder handelt doch vor seinem persönlichen Hintergrund.“ Und dieser Tag, dieser 17. Juni, sei nun einmal der zweitwichtigste in seinem Leben gewesen. Der zweitwichtigste? Seine Hochzeit, die war ihm noch wichtiger.

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