Zeitung Heute : Der Tote und das Mädchen

Auf einmal lag ein Mensch vor ihr. Die Studentin Friederike Hausmann beugte sich zum sterbenden Benno Ohnesorg. Der Schuss vom 2. Juni beendete sein Leben – und veränderte ihres

Jörg Schindler

Sie hat keinen Schuss gehört. Und keine Pistole gesehen. Sie erinnert sich nur an ein großes Durcheinander. Sie weiß noch, dass vor ihr plötzlich jemand lag, der blutete. Sie dachte, es sei „nicht allzu dramatisch“. Dann bückte sie sich. Dann umfasste sie den Kopf des Fremden. Dann waren ihre Hände rot. Sie schaute sich um, da stand ein Polizist. Den herrschte sie an, er solle Hilfe holen. Dann gefror für einen Augenblick die Welt.

„Den Fotografen hab ich nicht mal wahrgenommen“, sagt Friederike Hausmann. Sie starrt jetzt wieder ins Leere, wie so oft, wenn sie versucht, sich zu erinnern. Dann schaut sie auf und lächelt. „Augenzeugen taugen überhaupt nichts.“ Sie sieht dem Mädchen von damals noch immer ähnlich. Der gleiche schmale Mund, die gleichen kantigen Brauen, derselbe ernste Blick. Nur die Haare trägt sie heute kürzer. Sie zögert oft, bevor sie antwortet. Sie hat nicht gewollt, dass die Welt sich dieses Bild von ihr macht. Aber die Welt vergaß zu fragen: Am 2. Juni 1967 drückte sie auf den Auslöser. Friederike Hausmann weiß, dass sie auf diesem Foto nur die Nebenfigur ist. Aber die andere, wichtigere, kann niemand mehr sprechen. Benno Ohnesorg ist tot. Sie lebt seit 40 Jahren weiter.

Der 2. Juni 1967 ist ein lauer Vorsommertag in Berlin. Aber die Stimmung in der geteilten Stadt ist frostig. Reza Pahlewi, der Schah von Persien, gibt sich mit seiner jungen Gattin Farah Diba die Ehre. Es ist kein Staatsbesuch, aber er wird als solcher inszeniert. Die Frontstadt Berlin ringt um ihre Stellung in der Welt, vom strahlenden Kaiserpaar soll deshalb etwas Glanz an der Spree zurückbleiben.

Die Studenten jedoch, die sich an diesem Abend gegen sieben vor der Deutschen Oper versammeln, sind nicht gekommen, um dem Schah und der Schönen zuzujubeln. Am Vorabend haben die meisten von ihnen im Audimax der Freien Universität Bahman Nirumand gelauscht. Und was der Exiliraner über die Diktatur in seiner Heimat und über deren gedeihliche Geschäfte mit der deutschen Industrie zu sagen hat, entsetzt seine Zuhörer. „Da hatte ich das Gefühl, ich kapiere endlich mal etwas in meinem Leben“, sagt Friederike Hausmann.

Einen Tag später steht sie nun gemeinsam mit hunderten Kommilitonen vor der Deutschen Oper in Charlottenburg. Das heißt, sie steht fast vor der Oper: Die Polizei hat das Gelände weiträumig abgeriegelt, Sperrzäune und Spanische Reiter halten die Demonstranten auf Abstand. Ins Sperrgebiet dürfen nur Polizisten und die bestellten Jubelperser mit ihren grün-weißen Fähnchen. Dem Schah und seinen Gastgebern soll Mozarts „Zauberflöte“ nicht durch einen unflätigen Empfang verleidet werden. Da erst dämmert es der jungen Geschichtsstudentin Friederike Hausmann, dass sie sich vergeblich in ein schickes Abendkleid gehüllt hat. „Ich habe mir eingebildet, wir könnten uns unerkannt unter die Opernbesucher mischen – unglaublich naiv, oder?“

Und so tun die Studenten das Einzige, was ihnen bleibt. „Schah, Schah, Scharlatan“ und „Freiheit für Persien“ rufen sie, als das Kaiserpaar gegen kurz vor acht in der Bismarckstraße vorfährt. Einige stülpen sich Papiertüten mit dem Konterfei des Paares über die Köpfe, andere werfen Eier und Tomaten. Keine einziges der Wurfgeschosse trifft das Ziel. „Im Grunde hätte die Polizei bloß abwarten müssen, bis es uns zu blöd wurde“, sagt Hausmann, „aber dann hat Duensing seine berühmte Leberwursttaktik angewandt.“

Erich Duensing, von Freund und Feind respektvoll „Knüppel-Erich“ genannt, ist in diesem unheilvollen Frühjahr 1967 der Polizeipräsident von Berlin. Er ist nicht als besonders zimperlich bekannt. Proteste, so sein volksnahes Credo, gelte es zu zerstören wie eine Leberwurst: „In der Mitte reinstechen und nach beiden Seiten ausdrücken“. Um 20 Uhr 07, der Schah und sein Anhang sind längst in der Oper, gibt Duensing seinen Beamten ein simples Kommando: „Knüppel frei!“ Die Demonstranten sind ihm Wurst.

Friederike Hausmann, die sich am Rande der Demonstration aufhält, erlebt das, was nun folgt, als „wahnsinnigen Schock“. Sie sieht, wie Polizisten zu Pferde prügelnd in die Menge reiten. Sie hört Schreie und Wimmern. Sie erkennt blutende Studenten, die auf der Suche nach einem Fluchtweg übereinandertrampeln. Sie spürt Panik in sich aufsteigen. Dann rennt sie los Richtung Süden. In die Krumme Straße.

Im Pulk der fliehenden Studenten befindet sich zu diesem Zeitpunkt auch ein schmaler, ernster Mann, dessen Sache die Politik eigentlich nicht ist. Der scheue 26-Jährige studiert Germanistik und schreibt in seiner Freizeit Gedichte. Sie sind inspiriert von Vergil, sein Lieblingssatz lautet: „Auch die Dinge haben Tränen.“ Er ist seit fünf Wochen verheiratet, im November erwartet seine Frau einen Sohn. Was Bahman Nirumand am Vortag in der Uni geschildert hat, findet der junge Mann so empörend, dass er sich kurzfristig entschließt, an der Demonstration gegen den Schah teilzunehmen. Der Mann heißt Benno Ohnesorg. „Ein fröhlicher Name“, wird die „FAZ“ später schreiben.

Als Friederike Hausmann im Parkhof des Hauses Krumme Straße 66/67 ankommt, registriert sie zunächst nicht, dass sie wie die anderen in der Falle sitzt. Der Durchgang nach hinten ist durch einen Zaun versperrt. Und noch bevor die Studenten darüberklettern können, kommt die Polizei. Wieder hört sie Schreie. Und dann, plötzlich, liegt dieser junge Mann im feinen Hemd vor ihr. Friederike Hausmann kennt Benno Ohnesorg nicht. Und sie wird keine Gelegenheit mehr bekommen, ihn kennenzulernen. Getroffen von einer Polizeikugel, stirbt der Student wenig später im Krankenhaus. Das letzte Bild, das von ihm existiert, zeigt ihn reglos auf dem Asphalt liegend, unter dem Kopf eine Stofftasche mit dunklen Flecken – über ihn gebeugt eine Frau, die man flüchtig für eine Opernbesucherin halten könnte.

Friederike Hausmann ist in dieser Nacht noch weiter gerannt. Man hat sie einfach stehen lassen in dem Hof, also ist sie wie betäubt nach draußen gegangen, hat allen ihre blutigen Hände gezeigt und irgendetwas dabei gestammelt, dann lief sie und lief sie, weil sie nicht wusste, wohin mit ihrer Wut. „Ich glaube“, sagt sie, „ich bin damals bis zum Ku’damm gerannt.“ Fragt man sie heute, ob sie in jenen Tagen politisiert worden sei, sagt sie: „Nein, radikalisiert.“

Sie war nicht die Einzige. Durch den Tod von Benno Ohnesorg erlebte die Studentenbewegung in Berlin und ganz West-Deutschland einen ungeheuren Schub. Die Außerparlamentarische Opposition, die von Rudi Dutschke ausgerufen worden war, schien tatsächlich massenhaft Gestalt anzunehmen und lehrte die Große Koalition in Bonn das Fürchten. Überall gingen nun plötzlich Studenten auf die Straße und forderten mit Go-ins, Sit-ins oder Happenings die Autoritäten heraus. Und nicht mal die „Bild“-Zeitung war in der Lage, mit ihren Hetztiraden die „Rabauken“ und „Jung-Roten“ zu stoppen.

Auf den 1000-jährigen Muff reagierte die Jugend, plötzlich entfesselt, mit einer linken Gegenöffentlichkeit. Alles wurde mit einem Mal Bewegung: die Frauen, die Kinderläden, die Dritte Welt. Man brach Regeln und manchmal auch eine Tür auf. Für einen kurzen Moment schien es, als könnte das ganze Land wie in einem gewaltigen Frühjahrsputz entstaubt werden. Und der Staat? Wusste sich nicht anders zu helfen, als sich vor lauter Angst vor seinen Bürgern hochzurüsten. Das machte die Wut der Jungen nur größer.

Sie steigerte sich noch, als Monate nach Ohnesorgs Tod der Todesschütze, Kriminalobermeister Karl-Heinz Kurras, vom Berliner Landgericht freigesprochen wurde. In einem denkwürdigen Prozess hatte der Waffennarr Kurras eine wundersame Version der Geschehnisse vom 2. Juni 1967 zum Besten gegeben. Er sei, so Kurras, in dem Hinterhof von „zwei jungen Männern mit blitzenden Messer“ bedroht und hernach „brutal niedergeschlagen“ worden. Vorher schon habe er aus seiner Dienstpistole einen Warnschuss abgegeben, danach habe sich „durch das Zerren und Ziehen der verhängnisvolle zweite Schuss gelöst“, der aus anderthalb Meter Entfernung in Ohnesorgs Hinterkopf einschlug. Seltsam nur: Keiner der 83 Zeugen sah die Messer, niemand sah Kurras am Boden liegen – ein zweites Projektil wurde nie gefunden. Gleichwohl sprachen die Richter Kurras frei: Es sei „nicht widerlegbar, dass er sich in einer lebensbedrohlichen Lage glaubte“.

Friederike Hausmann reagierte auf ihre Weise: Sie trat dem „Sozialistischen Deutschen Studentenbund“ bei, dann der „Liga gegen den Imperialismus“. Sie ging auf Vietnamdemonstrationen und zu Vietnamtagungen. Sie hockte sich in Arbeitskreise und Dritte-Welt-Komitees. Sie verurteilte den Kapitalismus. Sie war Teil einer Bewegung.

„Man war halt überall dabei“, sagt sie heute. Sie sagt es etwas lustlos, weil sich ihre Sicht auf die Dinge im Lauf der Jahrzehnte etwas rundgeschliffen hat. Damals glaubte sie, man könne etwas ändern. Heute ist sie sich nicht mehr so sicher. „Das Problem ist: Gegen etwas zu sein, ist ganz leicht. Wenn es dann aber darum geht, was konkret werden soll, wird es halt schwierig.“ Deshalb sei die Bewegung damals ja auch relativ schnell ins Stocken gekommen, habe sich zersplittert in welche, die ans Fließband wollten, und solche, die in die Institutionen marschierten, in Maoisten und Marxisten, in Trotzkisten und Anarchisten. Die einen wollten Spaß, die anderen nicht nur spielen. Wieder andere legten enttäuscht den deutschen Frühling zu den Akten – und ließen es zehn Jahre später Herbst werden.

Friederike Hausmann verließ dann irgendwann die „Liga gegen den Imperialismus“. „Mir war das alles zu grobschlächtig geworden.“ Leicht tat sie sich damit nicht: „Das ist, wie wenn man eine Sekte verlässt – plötzlich hat man keine Freunde mehr.“ Und andere fand sie so schnell auch nicht: Als sie Mitte der 70er Jahre erst in Stuttgart, dann in Darmstadt versuchte, Lehrerin zu werden, teilte man ihr mit, dass das nicht gehe. Man hatte ihr Auto zuvor mehrfach in der Nähe ungenehmigter Demonstrationen gesehen – Grund genug, deutsche Schüler mithilfe des Radikalenerlasses vor der Dame zu schützen.

„Die haben mich auf Schritt und Tritt beobachtet“, sagt Friederike Hausmann. Und es ist das erste Mal in diesem Gespräch, dass sie ihre Stimme dabei merklich hebt. Sie glaubt, dass sie im Grunde seit dem Kurras-Prozess beschattet wurde. „Das muss man sich mal vorstellen.“ Gerade 30 geworden, fand sich die promovierte Historikerin – wie so viele ihrer ehemaligen Kommilitonen – in einer Sackgasse wieder. Diesmal aber radikalisierte sie das nicht noch einmal. Diesmal haute sie einfach ab.

Acht Jahre verbrachte Hausmann ab 1976 in Florenz. Acht Jahre, in denen sie mehr als einmal überlegte, ganz auszusteigen. „Ich war nah dran.“ Isola del Giglio, südlich von Elba, eine kleine Insel im Mittelmeer, naturnah leben, gesund essen, Ruhe. Es klingt so einfach. Warum hat sie es nicht getan? „Ich bin zu unruhig und zu neugierig.“ Nach acht Jahren kehrte sie deshalb zurück, aber nicht nach Berlin. Sondern München. Dort lebt sie nun in einem Häuschen in Nymphenburg, weg vom Trubel, naturnah und ruhig. Sie kennt sich gut aus in der Gegend. Sie ist dort geboren.

Sie hat es dann doch noch geschafft. Arbeitet als Übersetzerin für Italienisch und Latein. Und Lehrerin ist sie auch geworden. „Jetzt darf ich ja wieder.“ Sie ist eine lebenskluge Frau von 62 Jahren, ein wenig misstrauisch vielleicht, die jedes ihrer Worte genau wägt und alle zehn Jahre mal, wenn es Frühling wird, stockend von einem Bild erzählt, das die Welt bewegte. „Aber nur, wenn ich gezwungen werde.“

Friederike Hausmann sagt, sie mag nicht so gern an damals erinnert werden. Auch deswegen, „weil Enttäuschung mit dabei ist“. Sie dachte mal, man könnte die Welt verändern. 40 Jahre später lebt sie noch immer in der gleichen. Sie denkt, wenn sie gezwungen wird, noch heute, dass die Sache mit dem Kapitalismus nicht funktionieren kann. Dass es immer schlimmer damit wird. Dass es etwas anderes geben muss, etwas Menschlicheres, etwas Drittes. Aber was? Man hat ihr schon viele Antworten darauf gegeben – dauerhaft überzeugend fand sie keine.

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