Zeitung Heute : Der Totgesagte

Dagmar Rosenfeld

Angeblich soll Al-Qaida-Chef Osama bin Laden an Typhus gestorben sein. Welche Folgen hätte sein Tod für die Terrororganisation?


Osama bin Laden ist schon einige Tode gestorben. Da gab es zum Beispiel die Geschichte, dass sich unter den Gefangenen in Guantanamo auch Leibwächter des Al-Qaida-Chefs befinden würden – das wurde als Indiz gewertet, dass bin Laden ums Leben gekommen wäre. Ein anderes Todesszenario ging so: Bin Laden habe sich – aus Angst davor, gefasst zu werden – von seinen Anhängern töten lassen, um seinen Mythos am Leben zu erhalten. Und auch Krankheiten wurden schon als Todesursache angeführt, so soll er einem schweren Nierenleiden erlegen sein.

Nun hat ihn eine andere schwere Krankheit ereilt – Typhus. Daran soll bin Laden Ende August gestorben sein. Das berichteten zumindest amerikanische und französische Zeitungen am Wochenende unter Berufung auf Geheimdienstquellen und saudi-arabische Kreise. Die saudi-arabische Botschaft in Washington hat mittlerweile jedoch erklärt, das Königreich habe keine Informationen, die solche Berichte stützen würden.

Für Al Qaida als Organisation ist es mittlerweile ohnehin so gut wie bedeutungslos, ob Osama bin Laden tot oder lebendig ist. Denn seit 2001 habe er auf die logistische und operative Arbeit von Al Qaida keinen Einfluss mehr, sagt Kai Hirschmann, Leiter des Instituts für Terrorismusforschung in Essen. „Bin Laden ist für die jetzige Generation der Terroristen nur noch ein spiritueller Guru“, sagt Hirschmann. Und auch Al Qaida selbst sei im eigentlichen Sinne keine Organisation mehr, sondern vielmehr eine Art Franchise-Unternehmen des globalen Dschihad. Die jetzige Form von islamistischem Terror – auch Homegrown Terrorism (einheimischer Terrorismus) genannt – habe nichts mehr mit den Al-Qaida-Männern der zweiten Generation gemein, die in den 90er Jahren noch in Trainingslagern in Afghanistan ausgebildet wurden. Die dritte Generation, zu der auch die Attentäter von London und Madrid gehören, bestehe aus Autodidakten, die sich in kleinen amateurhaften Zellen organisieren.

Dennoch, für den ideologischen Überbau des militanten Islam ist bin Laden noch von Bedeutung. Seine Wortmeldungen – die letzte Tonbandbotschaft von ihm stammt vom Juli dieses Jahres – gehören zu den meistverbreiteten politischen Erklärungen der Geschichte. „Insofern haben die USA ein großes Interesse daran, dass er verschwindet“, sagt Hirschmann. Auch wenn diese personenbezogene Art der Terrorbekämpfung nicht effektiv sei. Das habe zuletzt der Tod des irakischen Al-QaidaChefs al Sarkawi gezeigt: Trotz seiner Ermordung sei der Terror im Irak nicht geschwächt worden. „Nicht die Personen sind entscheidend, sondern die Ideologie des Dschihad, die sich seit den 50er Jahren krakenartig fortgepflanzt hat“, sagt Hirschmann.

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