Zeitung Heute : Der Trainingsbeste

John Kerry gewöhnt sich an Siegerposen. Der Senator aus Massachusetts baut seinen Vorsprung bei den Vorwahlen der US-Demokraten aus. Ob er auch gegen Amtsinhaber George W. Bush antreten wird, steht aber noch nicht fest. Denn die Geschichte hat ihre eigenen Regeln.

Malte Lehming[Washington]

WER WIRD HERAUSFORDERER VON GEORGE W. BUSH?

Die Typen sind unscheinbar bis zur Langeweile. Weder hübsch noch hässlich, weder dick noch dünn, weder alt noch jung. Ihre Blicke verraten nichts. Manche tragen eine Plastiktüte von Aldi in der Hand. Für Konturenlose wie sie wurde der Begriff Nullachtfünfzehn erfunden. Doch plötzlich steht einer von ihnen vor dir. „Ihren Fahrausweis, bitte.“ Der Langweiler entpuppt sich als ziviler Kontrolleur. Wieder war die Wirklichkeit spannender als ihr Schein.

Am Dienstag fand in sieben US-Bundesstaaten die nächste Runde der Vorwahlen zur Nominierung des Präsidentschaftskandidaten der Demokraten statt. Genau 269 der insgesamt 3520 Delegiertenstimmen wurden verteilt. Und auf den ersten Blick schien es eine Fahrkartenkontrolleurswahl gewesen zu sein. Keine Sensationen, keine Dramen, kein Schrei. Fast alle Prognosen haben sich erfüllt. Am Ergreifendsten war die Abschiedsrede von Joe Lieberman, dem ehemaligen Kandidaten um die Vizepräsidentschaft. Eine edle Seele gibt auf. Das ging ans Gemüt.

Ansonsten hielt sich jeder ans Drehbuch. John Kerry, der Senator aus Massachusetts, baute seinen Vorsprung mit fünf Siegen weiter aus. Auf seiner Boeing 737, die er für die Dauer des Wahlkampfes gechartert hat, steht in den Nationalfarben rotweiß-blau bereits der Slogan „John Kerry President“, also ohne einschränkendes „for“. Sein Selbstbewusstsein ist gestärkt. Sogar im direkten Vergleich mit Amtsinhaber George W. Bush liegt Kerry in mehreren Umfragen vorn. Inzwischen fließen dem neuen Hoffnungsträger der Demokraten auch die meisten Spendengelder zu.

John Edwards wiederum, der 50-jährige Strahlemann aus dem Süden, gewann klar in South Carolina, seinem Geburtsstaat. Dort hatte er alles auf eine Karte gesetzt. Wäre er nicht gewählt worden, hätte er sich zurückgezogen. Dieser Mut wurde honoriert. „In unserem Land, in unserem Amerika ist alles möglich“, rief Edwards in seiner Dankesrede. In Oklahoma immerhin musste er den ersten Platz nur äußerst knapp an Ex-General Wesley Clark abtreten. Kerrys gewichtigstes Pfund ist sein Image der „electability“, der Wählbarkeit. Hochdekorierter Vietnamveteran, langjähriger Senator, erfahren, reif, präsidial. Edwards dagegen gilt als authentisch, packend, motivierend. Er begeistert die Massen, bewegt sie und rüttelt sie auf. Spätestens seit Dienstag ist er Kerrys ärgster Rivale. Viele Demokraten träumen daher schon von einem Super-Duo: Kerry und Edwards treten im November gemeinsam gegen Bush und Vizepräsident Dick Cheney an.

Gewohnt trotzig

Auch Howards Deans Abschneiden liegt im Trend. Die Abwärtsspirale des Ex-Gouverneurs von Vermont, der vor drei Wochen noch als unschlagbar galt, hat sich fortgesetzt. Null zu neun heißt die niederschmetternde Bilanz. Nur in einem der sieben Bundesstaaten, in New Mexico, kam Dean über die wichtige 15-ProzentHürde, ab der Delegiertenstimmen überhaupt erst verteilt werden. Was kann diesen rapiden Abstieg noch aufhalten? Gewohnt trotzig versprach Dean am Abend, „wir werden weiter vorangehen und gehen und gehen und gehen und gehen, wie der Energizer-Bunny“. Das ist ein Häschen, das in einer TV-Reklame für Batterien länger läuft als alle anderen Häschen.

Kerry vorn, aber nichts entschieden: So lauten am Mittwoch die meisten Schlagzeilen in den US-Zeitungen. Noch könne viel passieren. Nach dem „Mini-Super-Tuesday“ sind erst rund zehn Prozent der Delegierten zum Parteikonvent Ende Juli in Boston bestimmt. Am 2. März, dem wahren „Super Tuesday“, wird mit 1151 Stimmen das größte Stück vom Kuchen verteilt. Allein Kalifornien stellt mehr Delegierte als alle neun Bundesstaaten, in denen bisher gewählt wurde, zusammen. Und vor Überraschungen, das lehrt die jüngste Geschichte ist niemand gefeit. Kerry hat eine Jo-Jo-Vergangenheit: erst Favorit, dann weg vom Fenster, jetzt wieder Favorit. Edwards holt immer kräftiger auf. Um ihn herum glitzert und funkelt es, er ist zur Zeit der Liebling der US-Medien. Und Dean? Falls der am kommenden Samstag im Staat Washington gewinnt, könnte das seine Wende einleiten. Dann steht der wütende Arzt wieder im Rampenlicht.

„Ihren Fahrausweis, bitte.“ So langweilig, wie sie zunächst wirkte, war diese Wahl mitnichten. Die Sache spitzt sich nämlich zu. Viel Zeit bleibt Kerrys Rivalen nicht mehr, sich zu profilieren. Sie alle werden jetzt den „Frontrunner“ ins Visier nehmen. Kann ein Massachusetts-Liberaler aus reichem Elternhaus wirklich die Herzen der Demokraten erobern? Deans Kampagne brach unter dem Angriff seiner innerparteilichen Widersacher zusammen. Könnte Kerry dasselbe Schicksal ereilen? Mit South Carolina hat ihm ein wichtiger Südstaat die Gefolgschaft verweigert. Ist das ein Indiz?

Der Super-Dienstag

Aber auch das Gegenteil ist möglich, sogar weitaus wahrscheinlicher. Bei aller gebotenen Vorsicht: Der „Mini-Super-Tuesday“ könnte eine Vorentscheidung für Kerry gewesen sein. Er hat als Einziger die Ressourcen für eine nationale Kampagne. Er wird als Einziger von allen Bevölkerungsschichten gewählt, auch von Afro- und Hispano-Amerikanern. Seine Konkurrenten mögen hier und da ein paar Punktsiege erringen, die sich in der Regel durch lokale Besonderheiten erklären. Aber gefährlich werden sie dem Favoriten wohl nicht mehr. Hinter vorgehaltener Hand frohlockt das Kerry-Lager bereits. Man spricht von einer „quick-kill-strategy“: Falls Dean nicht spätestens am 17. Februar in Wisconsin gewinnt, könne er aufgeben, ebenso Edwards, kurze Zeit später. Das langweiligste Datum dieser Vorwahlen könnte folglich der 2. März sein – der „Super-Tuesday“. Das wäre eine hübsche Pointe.

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