Zeitung Heute : Der Traum, der zum Albtraum werden kann

Wir werden lernen müssen, dass „Wetter“ lebensgefährlich sein kann, wenn die Erwärmung weiter fortschreitet

Gunther Tiersch

Wir sind ein Volk von Reisenden auf der Suche nach Sonne und Wärme. Fündig werden wir oft schon südlich der Alpen. Doch: wieso reisen? Der Sommer des Jahres 2003 war in Deutschland durchschnittlich bis zu sechs Grad wärmer als in den Jahren 1960 bis 1990. Es herrschte ein Klima wie am Mittelmeer: ausschließlich Sonnenschein und Hitze zwischen 30 und 40 Grad.

Darüber gestöhnt haben vor allem die Landwirte, die Wasserwirtschaft, aber auch ältere Menschen. Besorgt zeigten sich insbesondere Wissenschaftler der Klimatologie und der Umwelt über diese extreme Klimaerscheinung.

Die Freizeitgesellschaft hatte dagegen Ihren Spaß. Dieser Sommer war einfach klasse und viele wünschten sich ihn öfter. Dieser Wunsch könnte in Erfüllung gehen! Die Klimaforschung zeigt uns Prognosen für Mitteleuropa, die in diese Richtung weisen. Es könnte in den nächsten 70 Jahren in Mitteleuropa drei bis fünf Grad wärmer werden. Damit hätten wir das Klima von Südfrankreich in Deutschland. In den nächsten 20 Jahren werden wir bereits mit einem Anstieg der Temperatur von etwa 1,0 bis 2,5 Grad rechnen müssen. Die durchschnittlich prognostizierten Temperaturveränderung haben enorme Auswirkungen auf den Ablauf des Wetters in den einzelnen Jahreszeiten.

Die Winter werden milder und feuchter. Die Anzahl der Frosttage halbiert sich. Gebietsweise gibt es Frost nur noch in den Nächten. Die Winterniederschläge werden weiter zunehmen, was man bereits seit 40 Jahren beobachtet. Das bedeutet häufigeren Starkschneefall, wie wir ihn im November 2005 im Münsterland erlebt haben. Im Frühling wird es schneller warm. Der Übergang vom Winter zum Sommer könnte bereits im April innerhalb weniger Wochen erreicht werden. Die Sommer werden in Mitteleuropa durch anhaltende heiße und trockene Perioden geprägt sein. Die heißen Tage pro Jahr mit Höchsttemperaturen von über 30 Grad Celsius werden sich verdoppeln, statt 20 werden es in 80 Jahren 40 bis 50 Tage sein.

Die Wasserstände in den Flüssen wie Rhein, Donau und Elbe werden größeren Schwankungen unterliegen. Bei Niedrigwasser gibt es deshalb Probleme bei der Trinkwassergewinnung aus Uferfiltratwasser. Sommer wie 2003 werden nicht nur alle 100 Jahren auftreten, sondern alle 15 bis 20 Jahre.

Zu den heißen Perioden kommt die anhaltende Trockenheit, die nur durch heftige Gewitterregen kurz unterbrochen wird. Die Temperaturwerte an Rhein und Elbe gleichen sich an. Die Nord- und Ostsee und unsere Seen erwärmen sich stärker als bisher und zwar schon jetzt: Im März dieses Jahres noch Eis an den Küsten von Nord- und Ostsee, Ende Juni bereits Wassertemperaturen von knapp 20 Grad. Das hält kein Ökosystem über mehrere Jahre aus: Giftige Algen entwickelten sich, was ein Badeverbot von Timmendorf bis Boltenhagen zur Folge hatte.

In der Landwirtschaft kann man sich auf diese Klimaveränderung noch am schnellsten einstellen: resistenteres Saatgut gegen Trockenheit bei Getreide, Ausweitung der Bewässerung im Gemüse und Maisanbau. Mehr CO2 in der Atmosphäre bedeutet einerseits mehr Produktivität der Pflanzen, andererseits werden die Inhaltsstoffe minderwertig.

In den Alpen taut der Permafrostboden oberhalb von 2500 Metern auf. Bisher wird das Berggestein auch durch diesen Dauerfrost, der tief im Gestein sitzt, zusammengehalten. Jetzt fallen Felsbrocken auf Straßen und Wege. Der Berg kommt! Es zieht ihn nach unten.

Auch die Gletscher schmelzen immer schneller ab. Um 2050 wird es keine Gletscher in den Alpen mehr geben, Flüsse werden dann in den Sommermonaten nur noch vom Regen gespeist. Da gleichzeitig die Bäume an den Hängen unterhalb von 1400 Metern durch Wärme und Trockenheit geschädigt werden, geht der Humus verloren. Die Alpen dienen nicht mehr als „Schwamm“, der Niederschläge zunächst aufsaugt und dann langsam abgibt. So wird der Wasserstand unserer Flüssen Schwankungen unterliegen, die durch starkes Hochwasser mit anschließendem extremen Niedrigwasser gekennzeichnet sind.

Die Niederschläge fallen kurz aber heftig. Es regnet mehr in kürzerer Zeit, wobei die Gesamtmenge des Sommerregens aber abnimmt. Die Folgen wird jeder Hausbesitzer zu spüren bekommen. Auf solche plötzlich auftretenden Regenmengen sind die Kanalisationssysteme der Städten und Gemeinden nicht ausgelegt. Auch wertvolle Böden werden unwiederbringlich weggeschwemmt. Besonders für die Landwirtschaft in Hanglagen gilt: Haltet den Boden fest!

Wie die Niederschläge werden die Stürme heftiger und uns mit höheren Windgeschwindigkeiten treffen als bisher. Eine gute Nachricht gibt es: Die Zahl der Stürme wird voraussichtlich nicht zunehmen.

Wir werden wieder lernen müssen, dass „Wetter“ lebensgefährlich sein kann. Gewitterereignisse werden uns häufiger und heftiger treffen. Plötzlich auftretende Tornados, bisher gibt es jährlich in Deutschland zwischen 20 und 25, werden uns öfter heimsuchen. Heftige Hagelunwetter zerstören besonders den Obst- und Gemüseanbau. Diese Klimaveränderungen beeinflussen auch die ortsübliche Vegetation. Die heutigen bei uns wachsenden Pflanzen müssen sich anpassen. Sie müssen entweder 1000 Kilometer weiter nach Norden „wandern“ oder in größere Höhen der Mittelgebirge und Alpen.

Diese Prognosen stellen uns alle vor eine gesellschaftlich problematische Diskussion. Sie werden überhaupt nicht ernst genommen – wir lachen über die paar Grad mehr. Die Klimaforschung hat es schwer aus dem dunklen kühlen Keller der Forschung auf das helle warme Dach der Öffentlichkeit zu steigen. Seit diesem Jahr, da die deutschen Klimaforschungsinstitute ihre neuesten Prognosen veröffentlicht haben, hat die Klimaforschung das Erdgeschoss erreicht: Der Klimawandel fällt jedem nach und nach ins Auge. Wir können nur hoffen, dass er von allen wahrgenommen wird, damit wir die Zukunft noch beeinflussen können.

Der Autor ist promovierter Meteorologe und seit 1986 in der ZDF–Wetterredaktion tätig

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