Zeitung Heute : Der Traum vom besseren Leben

Tausende von Mosambikanern strömen illegal nach Südafrika. Für die meisten jungen Menschen bedeutet das den Weg in die totale Abhängigkeit

Wolfgang Drechsler

So sieht also das Paradies aus: Es ist heiß und staubig und ziemlich heruntergekommen. Eine einsame Telefonzelle dient als Schutz vor der brennenden Sonne, doch einen Telefonhörer gibt es am Apparat schon lange nicht mehr. Eine riesige Reklametafel gleich nebenan entbietet ein Willkommen im Land der „Großen Sechs“: Löwe, Elefant, Leopard, Büffel, Nashorn und Coca Cola. „Welcome to Big Six Country“. Die südafrikanische Seite der Grenze zu Mosambik mag nicht jedem wie ein Paradies erscheinen. Für eine junge Mosambikanerin wie Rosana nimmt sich jedoch zunächst fast alles paradiesisch aus. Ist Südafrika hier im Grenzort Ressano Garcia Dritte Welt, ist Mosambik Vierte Welt. Zu Abertausenden und zumeist illegal strömen Männer und Frauen aus dem südostafrikanischen Land über die durchlässige Grenze – in der Hoffnung auf ein besseres Leben beim reichen Nachbarn nebenan. Dass der Maputo-Korridor, wie die Straße aus der mosambikanischen Hauptstadt nach Johannesburg heute heißt, für die wenigsten ins gelobte Land führt, erfahren viele Migranten wie Rosana oft schnell und schmerzhaft. Viele fallen wie die junge Frau in die Hände von Schlepperbanden und Menschenhändlern. Für die meisten der jungen Mädchen bedeutet dies den Weg in die totale Abhängigkeit, in eine Art moderne Sklaverei in einem südafrikanischen Bordell.

Wenn Rosana von ihrer Zeit dort spricht, so tut sie dies mit unbewegter Miene, die Augen starren ins Leere. Als sie nach Monaten aus dem Bordell befreit wurde, war sie nicht nur ungewollt schwanger, sondern auch noch HIV-positiv. Im Kulaya Healing Center in der mosambikanischen Hauptstadt Maputo hat Rosana vorübergehend Aufnahme gefunden und wird dort von Psychologen betreut. „Die Mitarbeiter dieser ans Zentralkrankenhaus von Maputo angegliederten Einrichtung nehmen Opfer von sexuellem Missbrauch auf“ erzählt Claudia Berker, sie ist Pressereferentin von terre des homes.

Das Hilfswerk selbst hat den Schutz von Kindern vor Ausbeutung zum Schwerpunkt seiner Arbeit in Mosambik gemacht und fördert auch die Arbeit von Kulaya. Dass junge Frauen wie Rosana ihrem Martyrium entkommen und in ihre Heimat zurückkehren können, ist Berker zufolge der immer engeren Zusammenarbeit von Hilfsorganisationen auf beiden Seiten der Grenze zu verdanken. Denn der illegale Handel mit Frauen und Kindern im südlichen Afrika boomt wie noch nie, wobei die Opfer nicht nur aus Mosambik sondern auch aus anderen afrikanischen Staaten sowie aus China, Russland und Osteuropa stammen. Genaue Zahlen gibt es nicht.

Im Gegensatz zu den offiziellen Dokumenten der Unicef, die Kinderhandel in Mosambik negieren, ist Lea Boaventura, Länderkoordinatorin von terre des hommes in Mosambik, davon überzeugt, dass jährlich mehr als 1000 mosambikanische Kinder gehandelt werden. Auch südafrikanische Quellen sprechen davon, dass ein großer Teil der nach Südafrika verschleppten Kinder aus dem Süden Mosambiks stammt. Sie werden dabei auf die unterschiedlichste Weise rekrutiert: einige von Familienmitgliedern, die ihnen unter Vorspiegelung falscher Tatsachen ein besseres Leben versprechen, andere von Geschäftsleuten in ihren Heimatländern, die ihnen einen Job in Aussicht stellen. Und schließlich werden gegen Geld auch Ehen arrangiert. Die wenigsten wissen im Voraus, auf was sie sich einlassen.

Doch schon bei der Ankunft vor Ort werden die jungen Mädchen und Frauen dann oft mehrfach von den Schleppern und ihren Helfershelfern vergewaltigt, damit sie gefügig werden. Anschliessend werden sie zur Arbeit gezwungen, weil sie ihren Peinigern angeblich Geld für die Reise aber auch für Kost und Logis schulden. Jeder Versuch, sich den Forderungen zu widersetzen, stösst auf Gewalt. Eingeschüchtert, allein, illegal und für gewöhnlich des Englischen nicht mächtig, haben sie keinen anderen Ausweg als sich in ihr Schicksal zu fügen. Im südlichen Afrika gibt es eine Vielzahl von Schlepperbanden, und es ist nicht schwer herauszufinden, weshalb die Praxis gerade hier so ausgeprägt ist: Der jahrelange Bürgerkrieg in Ländern wie Mosambik und Angola, Naturkatastrophen sowie die tiefe Armut machen viele Kinder und junge Männer für Versprechungen empfänglich, weil sie daheim keine Aussicht auf ein besseres Leben haben. „Die Entwicklung hat viel mit der Not der Menschen zu tun“ meint Lea Boaventura. „Trotz des wirtschaftlichen Aufschwungs spüren viele Menschen wenig von den hohen Wachstumsraten des Landes“. Wie im Rest Afrikas lebt auch in Mosambik mehr als die Hälfte der Bevölkerung noch immer unterhalb der Armutsgrenze von einem Dollar am Tag. „Viele greifen zu Alkohol und Drogen; Vergewaltigungen und andere Formen der Gewalt nehmen zu“ klagt Boaventura. Hinzu kommt, dass Mosambik zu einer Hochburg des organisierten Verbrechens geworden ist. Das Land dient sowohl als Geldwaschanlage als auch Durchgangsstation von Drogen aus Südost- und Zentralasien.

Die frühere portugiesische Kolonie ist kein Einzelfall. Die jahrzehntelange Stagnation des Kontinents, der Kollaps alter Strukturen und das gleichzeitige Festhalten an nicht länger zeitgemässen Traditionen, die sich unter anderem in den oft vorindustriellen Produktionsmethoden des Kontinents offenbart, hat zur Folge, dass sich in einigen Teilen Afrikas die Sklaverei bis heute in abgeschwächter Form halten konnte oder gar ausbreitet. So war es im Solidarverband westafrikanischer Gesellschaften Jahrhunderte lang üblich, dass kinderreiche Familien ein oder zwei ihrer Sprösslinge als Helfer an Familien mit wenigen oder keinen Kindern abgaben. Im Ausgleich dafür erhielt das Pflegekind nicht nur Schutz und Nahrung sondern für gewöhnlich auch eine Schulausbildung.

Nach Angaben internationaler Organisationen werden allein in Westafrika jedes Jahr rund 200 000 Kindersklaven öffentlich verschachert. Dabei versucht terre des hommes seit langem, den Skandal um Afrikas Kindersklaven auch jenseits von Mosambik ins internationale Bewusstsein zu heben. Zumeist geht es dabei um das Schicksal jener Jungen und Mädchen, die von ihren bitterarmen Familie am Südrand der Sahara als Plantagenarbeiter oder Haushaltsgehilfen verkauft werden – oft auf ein Nimmerwiedersehen, da weder die Kinder noch Eltern wissen, wohin sie kommen. Ein Entrinnen gibt es für die Kinder nicht. All dies ist umso bedrückender als der Kinderhandel völkerrechtlich seit langem als eine der schlimmsten Formen der Sklaverei gilt.

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