Zeitung Heute : Der Traum vom Frühstart

Die Universität unterstützt Bachelor-Studenten mit vielen Angeboten beim Berufseinstieg

Johannes Edelhoff

Warum sie hier ist? Marina muss nicht lang nachdenken: „Wenn ich in einem Verlag arbeiten will, muss ich doch wissen, was eine Bilanz ist.“ Hier, das ist das Career Center der Humboldt-Universität (HU). Dort besucht die 21-jährige Germanistikstudentin den Kurs „Betriebswirtschaftliche Praxis I“, um sich auf die Anforderungen im späteren Berufsleben vorzubereiten.

So wie Marina belegen jedes Semester viele Studierende Kurse im Career Center. Fast alle Veranstaltungen sind ausgebucht, häufig sogar überbucht. Stehen zu wenig Plätze zur Verfügung, werden Bachelorstudenten bevorzugt, denn sie sind durch ihre Studienordnung dazu verpflichtet, so genannte berufsfeldbezogene Zusatzqualifikation zu erwerben.

Gewollt haben das die europäischen Bildungsminister, als sie 1999 in der Bologna-Erklärung verlangten, in dem gemeinsamen europäischen Hochschulraum und seinen Studiengängen mehr „arbeitsmarktrelevante Elemente“ zu verankern. Die Erklärung war der Startschuss für das neue Studiensystem der Bachelor- und Masterstudiengänge. Mittlerweile sind die Vorgaben der Minister an den Hochschulen angekommen – auch an der Humboldt-Universität. Ein HU-Bachelor muss ein Sechstel seiner Studienleistungen in Sprachkursen, berufsfelderweiternden Seminaren oder Praktika erbringen. Alle Kurse werden bewertet und fließen in die Abschlussnote ein.

Das Kursangebot hat die Universität in den letzten Jahren kontinuierlich ausgeweitet. Inzwischen bietet das Career Center, die Hauptanlaufstelle für Studierende in Sachen Berufsvorbereitung, etwa 30 verschiedene Weiterbildungs- und Methodenkurse für das Bachelorstudium an: Neben betriebs- und volkswirtschaftlichen Grundlagenkursen sind das Rhetorik- und Moderationsschulungen, Verhandlungstraining und Konfiktmanagement. Für den Einstieg in die besonders beliebten Berufsfelder „Management und Organisation“ sowie „Medien“ gibt es Journalismusseminare und die Simulation einer Projektdurchführung bei IBM.

Die Dozenten kommen alle von Außen und verfügen über Berufserfahrung. Bei der Auswahl von Ausbildern sprechen sich die Mitarbeiter des Career Centers mit den jeweiligen Spezialisten der Universität ab, ob die Kandidaten auch ausreichend qualifiziert sind. „Erfahrung und Know-how sind wichtig, Qualität entscheidet“, sagt Rosmarie Schwartz-Jaroß, die Leiterin des Career Centers. Ob die Dozenten den Anforderungen gerecht werden, wird durch regelmäßige Evaluationen überprüft. Für das Angebot wurde das Career Center im letzten Jahr sogar mit dem „Best Practice Preis im Bereich Wissenschaft in Berlin“ von der Europäischen Union ausgezeichnet.

Zusätzlich veranstaltet das Career Center regelmäßig Bewerbungstrainings. Es vermittelt auch Praktika und Jobs. Die Kenntnisse, die Studierende in den Kursen erwerben, könnten sie dauerhaft nur dann verbessern, wenn sie sie auch im Berufsalltag einsetzen, sagt Schwartz-Jaroß.

Wie Marina war auch der 21-Jährige Geographiestudent Simon von den Angeboten positiv überrascht: „In meinem Kurs habe ich gelernt, eine Rede professionell zu halten. Bei meinem Praktikum als Entwicklungshelfer in Tansania hat mir das Sicherheit gegeben. Dort musste ich häufig Menschen vor Ort im Gespräch überzeugen.“ Marina würde gerne auch noch mehr Kurse belegen.

Wen das Angebot des Career Centers nicht anspricht, der kann auch am Sprachenzentrum Punkte für seine berufsfeldbezogene Zusatzqualifikation sammeln. Dort wird neben den großen europäischen Sprachen wie Spanisch, Englisch und Französisch auch Tschechisch und Irisch unterrichtet. Jeden Sprachkurs rechnen die Prüfungsämter allerdings nicht an: „Ein einzelner Anfängerkurs reicht dafür nicht aus“, sagt Monika Zielinski, Leiterin des Sprachenzentrums.

Im Semester treffen sich die Studierenden meist ein- bis dreimal pro Woche im Seminargebäude in der Dorotheenstraße, um ihre Sprachkenntnisse zu verbessern. In der vorlesungsfreien Zeit ergänzen Kompaktkurse das Angebot. Monika Zielinski empfiehlt Sprachkurse so früh wie möglich im Studium zu wählen, möglichst in den ersten drei Semestern. So könne man sich optimal auf einen Auslandsaufenthalt vorbereiten, der im Bachelorstudium für das vierte oder fünfte Semester eingeplant ist. Chemiestudentin Anke gefällt besonders, dass es auch spezielle Sprachkurse für Naturwissenschaftler gibt: „Dort lerne ich genau die Fachsprache, die ich brauche – und nicht so viel Touristenenglisch", sagt die 25-Jährige.

Susanne Baer, HU-Vizepräsidentin für Studium, setzt sich dafür ein, methodische, fachliche und soziale Kompetenzen gleichzeitig zu vermitteln. „Berufliche Orientierung im Bachelorstudium soll optimal mit wissenschaftlicher Auseinandersetzung verzahnt werden“, sagt Baer. Ein Beispiel sei das Studienprojekt „Kulturgeschichte in Sachbüchern“ am Institut für deutsche Literatur. Dabei entstehen nicht nur fachwissenschaftliche Publikationen, es werden auch berufsorientierte Praktika vermittelt. Solche Angebote gibt es an der Humboldt-Uni allerdings noch nicht flächendeckend.

Auch auf die wissenschaftliche Berufspraxis sollten Bachelorstudenten gut vorbereiten werden, sagt Baer. Sie sollten schon früh auch in wissenschaftlichen Projekten mitarbeiten. Deswegen will Baer den Bachelor-Studierenden die Möglichkeit eröffnen, einzelne Lehrveranstaltungen oder ganze Module des fachwissenschaftlichen Studiums durch Forschungsprojekte zu ersetzen.

Womöglich könnte das die ideale Ergänzung zu den Kursen im Career Center sein. Das glaubt der Kulturwissenschaftler Horst Bredekamp von der Humboldt-Uni. „Die Universitäten betreiben keine direkte Berufsausbildung, sondern bilden, lehren, Fragen zu stellen, schnell, aber auch langfristig zäh zu forschen“, sagte Bredekamp unlängst in einem Interview mit der „Zeit“.

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