Zeitung Heute : Der Traum vom Leben im Überfluss

Die Konsumgesellschaft ist das Ziel vieler Menschen. Die Folgen für die Umwelt werden dabei jedoch übersehen

Wolfgang König
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Gehetzt. Gerade in dieser Zeit sollen die Menschen zum Konsum animiert werden, um die Folgen der Wirtschaftskrise zu dämpfen....

Die Banken- und Wirtschaftskrise rückt auch den Konsumenten ins Blickfeld. Von ihm scheint Wohl und Wehe der Weltwirtschaft abzuhängen: Shopping soll die Konjunktur ankurbeln. Die Kauflaune wird in den einzelnen Ländern durch unterschiedliche Maßnahmen gefördert, etwa mit einer Abwrackprämie für Altautos, die zum Kauf eines Neuwagens animieren soll. Was die Banker vermasselt haben – so die Botschaft –, soll der Konsument wieder richten.

Doch auch über die Tagesaktualität hinaus sollten der Konsum und die Konsumgesellschaft zu einem zentralen Thema der Wissenschaft werden. Konsumgesellschaft ist gerade in Deutschland ein junges Pflänzchen, bei dem sich schon seit einiger Zeit Wachstumsschwächen zeigen. Eine Konsumgesellschaft, die der älteren amerikanischen gleichkam, bildete sich in der Bundesrepublik erst während des „Wirtschaftswunders“ der Nachkriegszeit heraus. In mancher Hinsicht scheint diese Konsumgesellschaft aber bereits in den vergangenen Jahrzehnten an Grenzen zu geraten.

Für die Mehrheit der Arbeitenden gibt es schon seit geraumer Zeit keine großen Reallohnsteigerungen mehr. Von wirtschaftlichen Rückschlägen Betroffene versuchten das einmal erreichte Konsumniveau – teilweise um jeden Preis – zu halten. Ermöglicht wurde ihnen dies bei einigen Gütern durch sinkende Preise. Blieben die Preise hoch, wie beim Auto, griffen sie zu anderen Strategien, wie Verzicht auf Wartungsarbeiten und Verlängerung der Lebensdauer. Vielfach wurden für den Konsum sogar Kredite aufgenommen, was nicht wenige Haushalte in die Überschuldung riss.

Gleichzeitig übernahm die Politik eine Art Garantie für das in den siebziger Jahren erreichte Konsumniveau. Die klassische Sozialpolitik wurde durch Elemente einer Konsumpolitik erweitert. So sind die Aussagen Legion, wonach sich alle Bürger weiterhin ein Auto und eine Urlaubsreise leisten sollen. Der Konsum wird aber nicht nur durch das Einkommen begrenzt, sondern auch durch den Mangel an Freizeit. Manche Konsumgüter sparen nicht, sondern verbrauchen Zeit. Bestes Beispiel: der Fernseher. Von 1974 bis 2005 stieg der durchschnittliche Fernsehkonsum von zwei Stunden pro Tag auf dreieinhalb. Dies heißt noch nicht, dass nicht mehr neue Konsumgüter angeschafft werden. Vielfach gelangen sie nur seltener zum Einsatz.

In den armen Ländern hingegen sind noch nicht einmal die Grundbedürfnisse vieler Menschen erfüllt. Gleichzeitig ahmen diejenigen, die es sich leisten können, die amerikanischen und europäischen Konsummuster nach. Dabei herrscht Übereinstimmung darüber, dass der konsumintensive Lebensstil der Wohlstandsminderheit nicht auf die gesamte Welt übertragen werden kann. Die zusätzlichen Umweltbelastungen – etwa durch Rohstoffabbau und steigende Schadstoffemissionen aus Industrie und Verkehr – würde die Erde nicht verkraften.

Deshalb können die Konsumenten den Umweltschutz nicht außen vor lassen. Allerdings wird ihnen mit der politischen Formel einer „Versöhnung von Ökonomie und Ökologie“ suggeriert, dass eine intakte Umwelt kostenfrei zu haben wäre. Zweifellos tragen Investitionen in die Umwelt zum Wachstum bei und schaffen Arbeitsplätze. Aber die Arbeit und das Kapital, die in eine saubere Umwelt fließen, stehen für eine Vermehrung der Güter und Dienstleistungen nicht mehr zur Verfügung. Abhilfe brächte nur eine Entmaterialisierung der herrschenden Vorstellungen von Lebensqualität. Davon scheint die Menschheit jedoch noch weit entfernt.

Die Welt befindet sich in einer extrem schwierigen Situation. In den Wohlstandsländern ist kaum der Wille zu erkennen, das Konsumniveau zu reduzieren. Bereits eine Stagnation – noch nicht einmal ein realer Verlust – ruft Verteilungskämpfe, politische Proteste und soziale Verwerfungen hervor. Ebenso ist die Bereitschaft der sich entwickelnden Länder gering, durch Konsumverzicht die Lasten der von anderen verursachten globalen Umweltkrise zu tragen. Die Zukunft der Konsumgesellschaft scheint offen wie nie zuvor.

Der Autor ist Professor für Technikgeschichte an der TU Berlin. Von ihm stammt das Buch „Kleine Geschichte der Konsumgesellschaft. Konsum als Lebensform der Moderne“, erschienen im Franz Steiner Verlag, Stuttgart 2008, 294 Seiten, 24 Euro 90.

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