Zeitung Heute : Der Traum von einer Moschee aus Glas

Der Tagesspiegel

Die größte Moschee Deutschlands steht nicht, wie zu vermuten wäre, in Berlin, sondern in der alten Arbeiterstadt Mannheim. Genauer: in einem Problembezirk, den die Mannheimer „die Filzbach“ nennen. Bekir Alboga, umtriebiger Imam am Ort, werkelt hier an seinem Traum von der „gläsernen Moschee“. Dank seiner Basisarbeit pilgern die Deutschen so zahlreich in das ihnen unvertraute Gotteshaus und belagern neugierig das dortige „Café“, in dem türkischer Tee gereicht wird, dass manch frommer Moslem sich schon in die Ecke gedrängt fühlte.

Der Anschlag von New York hat den Vorbeter von 3000 Moslems, den die ZDF-Autorinnen Jana Matthes und Andrea Schramm in der 37-Grad-Reihe („Zwischen den Welten“, ZDF, 22 Uhr 15) porträtieren, in seiner Arbeit weit zurückgeworfen . Uns stellt sich der Islam als gewalttätig dar, sagen die Deutschen ihm nun. Warum die friedliche Mehrheit sich von den Extremisten nicht deutlicher distanziere, etwa gegen sie auf die Straße gehe, wird er gefragt. Des Imams Verweis auf christliche „Fundamentalisten“ wirkt angesichts solcher zu Recht gestellter Fragen eher hilflos als überzeugend. Der Gemeindechef sagt dennoch erstaunliche Sätze angesichts des Bildes, das Islamisten gegenwärtig abgeben: Der Islam funktioniere am besten in einer Demokratie, sagt er, und: „Vor dem Westen muss erst einmal die islamische Welt über den Islam aufgeklärt werden.“

Er selbst bricht bewusst mit verkrusteten Traditionen: Er behandelt Frauen nicht wie Menschen zweiter Klasse, er stiftet unter den skeptischen Blicken seiner Glaubensbrüder Misch-Ehen zwischen Moslems und „Ungläubigen“, und bisweilen erwacht in ihm gar der Preuße: Gegen sexuell befreite, knutschende Teenager, von denen sich Allah- fürchtige Moslems provoziert fühlen, empfiehlt er seinem Freund, dem örtlichen Pfarrer, als Mittelweg ein Verbotsschild: „Knutschen nur bis 20 Uhr“.

Auch wenn so etwas fast schon lustig klingt, es sind Tabubrüche, die eine Wurzel des Fundamentalismus untergraben: Die Unterordnung von Staat, Verfassung und Kultur unter das Primat der Religion. Das ist nicht ungefährlich. Dünn gesäte unorthodoxe Koranvertreter wie Alboga geraten leicht ins Visier der Hardliner. Aber Feinde zu haben, da lacht der verschmitzte, scheinbar unbeirrbare Optimist nur, das sei doch natürlich. Von Christen wie den eigenen Glaubensbrüdern misstrauisch beäugt, müsste er „eigentlich auf den Mond ziehen“.

Wer, wie mancher Politiker, hochfliegend Integration beschwört, sollte den Kiez- Imam, der sich bescheiden als „Feuerwehrmann für kleine Brände des Hasses“ sieht, davon abhalten. Michael Burucker

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