Zeitung Heute : Der Traum von Glasgow

Der Tagesspiegel

Von Erik Eggers

Manchester. Alex Ferguson, Manager von Manchester United, hat schon viele Träume des Fußballs geträumt, und die meisten von ihnen sind in Erfüllung gegangen. 1986, als der Traditionsklub am Boden lag, hat er ihn übernommen und zu einem Vorzeigemodell modernen Fußballs geformt. Unter Ferguson ist Manchester United weltweit zu einem Markenzeichen geworden, und gleichzeitig hat sich der Klub zu dem umsatzstärksten aller Fußballunternehmen entwickelt. Allein die Zahl der gewonnenen Titel weist Ferguson als erfolgreichsten United-Manager aller Zeiten aus: Mit ihm haben die Roten sieben nationale Meisterschaften gewonnen, viermal den FA-Cup (inklusive dreier Doubles), und einmal war sein Team sogar dazu imstande, die Zeit anzuhalten: beim Champions-League-Finale 1999 in Barcelona, mit den beiden Toren in der Nachspielzeit gegen die Bayern. Damals war Manchester United das erste Mal seit 1968 wieder die Nummer eins in Europa.

Einer wie Alex Ferguson sollte nicht mehr viele Träume haben.

Einen aber hat er über all die Jahre hinweg in Reserve behalten. Am 15. Mai will er unbedingt mit seiner Mannschaft in den Hampden Park zu Glasgow einlaufen und dort erneut das Finale der Champions League gewinnen. Es wäre wahrlich eine triumphale Rückkehr in seine Heimat für Ferguson, den der Telegraph einmal als „footballing romantic by nature" beschrieb, als geborenen Fußball-Romantiker. In Glasgow ist er Silvester 1941 geboren. Als 16-Jähriger unterschrieb er bei den Amateuren von Queens Park seinen ersten Vertrag, und unzählige Male ist er während seiner Lehre zum Werkzeugmacher in den Bus gestiegen, um durch Govan, einen südlichen Distrikt Glasgows, zum Training nach Hampden zu fahren. Schon damals besaß diese Arena für Ferguson mindestens die Aura eines Tempels, eines Heiligtums. Hampden Park ist für die Schotten das, was Wembley für die Engländer darstellt: traditioneller Austragungsort für Länderspiele und Cup-Finals. Ein mystischer Ort. Einer, an dem die Schotten innehalten.

Im Mai 1960 gewann hier Real Madrid zum fünften Mal in Folge den Europacup der Landesmeister. Angeführt vom argentinischen Strategen Alfredo di Stefano, gewann Real 7:3 gegen Eintracht Frankfurt. Vier Tore schoss di Stefano, drei sein kongenialer Partner Ferenc Puskas. Reals Spielkunst war derart überragend, dass die BBC dieses Spiel 30 Jahre lang zu Weihnachten wiederholte - und die britischen Fußballfans haben dieses Geschenk immer als solches zu würdigen gewusst. Am Ende des 20. Jahrhunderts wählte es das Fachmagazin Four-Four-Two zum „Spiel des Jahrhunderts".

Gento, Puskas und Santamaria wirkten damals so überirdisch, dass sich selbst ihre Gegner nach dem Spiel von ihnen Autogramme erbaten. Jeder Spieler von Real Madrid war eine Legende, und Alex Ferguson hat diese lebenden Legenden bewundern dürfen. Als einer von über 130 000 Zuschauern im ausverkauften Hampden Park. Jetzt träumt Ferguson, einen Sieg im Halbfinale gegen Bayer Leverkusen vorausgesetzt, von einem Finale gegen eben jenen Klub. Aber diesmal soll Real Madrid verlieren.

Es wäre ein glorreicher Triumphmarsch für den 61-Jährigen, und eigentlich sollte dieses Spiel der finale Höhepunkt einer großen Trainerkarriere werden. Bereits im Mai 2001, als der Endspielort Glasgow von der Uefa bekannt gegeben wurde, richtete sich der Blick Fergusons auf Hampden, geriet die Premier League zur Nebensache. „Ich hoffe, die Spieler werden das bisschen Extra geben, damit ich diesen Traum verwirklichen kann“, sagte Ferguson. Zwei Spieler hätten ihm schon damals eine entsprechende Zusage gegeben, „weil es ein großartiges Ende meiner Karriere sein würde".

Nach Auslaufen seines Vertrages im Sommer 2002 wollte sich Ferguson auf beraterische Tätigkeiten beschränken. Aber seine Frau Cathy schlug ihm im Februar vor, als Manager weiterzumachen. Sein neuer Vertrag läuft über drei Jahre, Ferguson bekommt dafür geschätzte 5,7 Millionen Euro pro Jahr. Damit ist er einer der am besten bezahlten Trainer der Welt. Doch der Traum vom Hampden Park lässt sich auch mit allem Geld der Welt nicht kaufen.

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