Zeitung Heute : Der traurige Rebell

Viele von den Freiheiten, die er meinte, gerieten ihm anders als gewünscht. Aber er hat es versucht. Zum Tod von Boris Jelzin

Jens Mühling

Viele in Russland werden jetzt das Gefühl haben, da habe sich einer davongestohlen, bevor die Geschichte mit ihm ins Gericht gehen konnte. Denn längst noch sind dieser Boris Jelzin und seine historische Rolle nicht ausgedeutet, gerade in Russland nicht, im Gegenteil: Auf welchen Pfad dieser Mann, dieser erste frei gewählte Staatschef in der nachsowjetischen Ära, das Land gebracht hat, das ist heute vielleicht schwieriger zu erkennen als noch während seiner Amtszeit.

Sie werden jetzt den alten Jelzin-Witz wieder ausgraben, den man sich in Russland jahrelang erzählte. Wer hat den russischen Kapitalismus erfunden, fragten sich die Leute gegenseitig – Boris Jelzin oder die russische Wissenschaft? Antwort: Jelzin. Wissenschaftler hätten diesen Quatsch wenigstens zuerst an Tieren ausprobiert.

Immer mischte sich dann in das gemeinsame Lachen eine Note der Bitterkeit, die bei den meisten Russen bis heute das Sprechen über Jelzin prägt. Zu frisch ist die Erinnerung an die Ära des Mangels, die Jelzins marktradikaler „Schocktherapie“ gefolgt war und zeitweise selbst die sowjetische Knappheit überbot. Zu frisch die Erinnerung an den Ausverkauf der russischen Wirtschaft an eine Handvoll Oligarchen, an den totalen Rückzug des Staates als Ordnungsgewalt, mit dem Jelzin das Land in den Augen vieler Russen an den Rand des Zusammenbruchs brachte – die Popularität seines autoritäreren Nachfolgers Wladimir Putin speist sich bis heute zu einem Großteil aus diesen für die Bevölkerung so traumatischen Erfahrungen.

Andere werden jetzt um so wehmütiger an die neuen – und heute fast schon wieder alten – Freiheiten zurückdenken, die Jelzins Amtszeit gebracht hatte: die Einführung grundlegender Bürgerrechte, die Liberalisierung der Presse. Sicher, vieles von der Freiheit, die er meinte, war Jelzin letztlich anders geraten, unfreier, als man es sich gewünscht hatte – aber war er nicht immerhin der Erste, der es ernsthaft versuchte?

Die immer gleichen Bilder werden jetzt allen durch den Kopf gehen: Jelzin 1991 auf dem Panzer vor dem Weißen Haus, wie er die Moskauer energisch – und erfolgreich – dazu auffordert, dem Putsch rückwärtsgewandter Kommunisten gegen Gorbatschow Widerstand zu leisten. Jelzin, wie er im Herbst 1993 eben jenes Weiße Haus beschießen lässt, weil sich das Parlament darin weigert, seiner Auflösungsorder nachzukommen.

Später dann die traurigeren Bilder, vom dauerkranken und oft nicht ganz nüchternen Präsidenten: 1994 in Berlin zum Beispiel, beim Abzug der Roten Armee, als er erst vor dem Roten Rathaus „Kalinka“ singt und später dem Leiter des Polizeiorchesters den Taktstock entreißt, um die Musiker eigenhändig zu dirigieren. Das letzte eindringliche Bild am Silvesterabend 1999, als ein labiler, halb lallender Jelzin in seiner Neujahrsansprache vollkommen überraschend seinen Rücktritt erklärt und die Regierungsgeschäfte dem jungen Wladimir Putin überträgt – auch dieser Auftritt ist in Russland eine bis heute gerne parodierte Lachnummer.

Geboren wurde Boris Nikolajewitsch Jelzin am 1. Februar 1931 in einem Dorf in der Nähe von Swerdlowsk, dem heutigen Jekaterinburg. In einfachsten Verhältnissen wuchs er auf, als Kind von Bauern, die 1933 wegen Hungers gezwungen waren, in die Stadt zu ziehen. Als genialer Volleyballer soll der athletische Boris in seiner Jugend geglänzt haben, bevor er nach seiner Ausbildung zum Ingenieur die Leitung des Swerdlowsker Wohnungsbau-Kombinats übernahm. Schon 1961 trat er der KPdSU bei, der Kommunistischen Partei der Sowjetunion, in der er eine Bilderbuchkarriere hinlegte: Als Chef des Swerdlowsker Gebietsparteikomitees war er 1975 der erste Mann in einem der wichtigsten sowjetischen Industriegebiete. Im April 1985 schließlich holte der neue KP-Generalsekretär Michail Gorbatschow den Hoffnungsträger aus der Provinz nach Moskau – und hier sollte Jelzin Geschichte schreiben.

Gerade mal sechs Monate braucht er, um vom Leiter der Abteilung für Bauwesen zum Chef der Moskauer KP aufzusteigen – und gerade mal zwei Jahre, um sich vom Hoffnungsträger zum Parteirebellen zu wandeln, der 1987 für seine Dauerkritik am schleppenden Tempo der Reformen aus dem Politbüro ausgeschlossen wird. In seinen Reden geißelt Jelzin jetzt auch Gorbatschows Festhalten am Machtmonopol der KPdSU, aus der er 1990 austritt. Schließlich, auf dem Ticket der heute nicht mehr existierenden Partei „Demokratisches Russland“, wird er zum Parlamentspräsidenten – und 1991 schließlich zum ersten gewählten Präsidenten der russischen Sowjetrepublik.

Ausgestattet mit der Macht dieses Amtes bringt er Gorbatschow noch im gleichen Jahr dazu, den Beschluss zum Verbot der Kommunistischen Partei und der Auflösung der UdSSR zu unterzeichnen.

Dass das Ende dieses gigantischen Imperiums so weitgehend unblutig über die Bühne ging, wird Jelzin international wohl immer als größter Verdienst ausgelegt werden. In Russland aber folgten dem historischen Aufbruch jene Freiheiten, die den ehemaligen Präsidenten in den Augen seiner Landsleute heute so schlecht aussehen lassen. Die Bevölkerung verarmte, das Land versank in Korruption. Das Gesundheitswesen lag binnen kurzer Zeit völlig darnieder, die Lebenserwartung für Männer sank innerhalb einer Dekade von 62 auf 57 Jahre.

Auch die ersten Zeichen einer zunehmenden Nationalisierung wurden schon in den frühen 90er Jahren erkennbar. „Nehmt euch so viel Unabhängigkeit, wie ihr schlucken könnt“, hatte Jelzin in seiner Zeit als Parlamentspräsident noch den Republiken der auseinanderdriftenden Sowjetunion zugerufen. Als mit Tschetschenien jedoch erstmals ein Teilgebiet Russlands eigene Wege gehen wollte, befahl Jelzin 1994 den Einmarsch – und verstrickte das Land in einen blutigen Krieg, aus dem bis heute kein wirklicher Ausweg gefunden ist.

Schon 1996 schaffte Jelzin die Wiederwahl nur noch mit massivem Propagandaeinsatz: Amerikanische „spin doctors“ und Medienmogule aus dem Umkreis des Kremls malten mit vereinten Kräften das Gespenst einer kommunistischen Revanche an die Wand, um die frustrierten Wähler bei der Stange zu halten. Der Trick gelang, doch schon kurz nach der Wahl verschlechterte sich Jelzins Gesundheitszustand rapide: Ende des Jahres unterzog er sich einer Herzoperation, fünf Bypässe wurden ihm gelegt. Immer länger dauerten danach seine Krankenhausaufenthalte, immer seltener war der Präsident in der Öffentlichkeit zu sehen.

Als er in der Silvesternacht 1999 die Macht an den nahezu unbekannten Putin übergab, wollten viele trotzdem nicht an einen Rückzug glauben. Trotz seines angeschlagenen Zustands erwartete man von Jelzin ein Marionettenspiel im Hintergrund, eine Fortsetzung der Herrschaft der „Familie“, jenes Geflechts aus Politikern und Wirtschaftsmarodeuren, dem unter Jelzin der Kreml gehört hatte. Putin aber weigerte sich nicht nur, die Marionette zu geben, er vollzog eine Kehrtwende: Dem liberalen Chaos Jelzins setzte er autoritäre Stabilität entgegen.

Offen kritisiert hat Jelzin seinen Nachfolger dafür nie. Er beschied sich tatsächlich aufs Altenteil, die letzten Bilder zeigten ihn meist im Kreise seiner Familie – oder beim Spaziergang mit seinem „Strickjackenfreund“ Helmut Kohl. „Seit ich aus der Politik raus bin, werde ich immer gesünder“, verriet er vor einem Jahr in einem Interview aus Anlass seines 75. Geburtstags. Über sein politisches Wirken sprach Jelzin selten, seine Rolle in den Geschichtsbüchern schien ihn kaum zu kümmern.

Den Ausgang der Deuterei wird er nun nicht mehr erleben. Am Montag starb Boris Jelzin im Alter von 76 Jahren in einer Moskauer Klinik an Herzversagen.

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