Zeitung Heute : Der Turbo lehrer

Französisch lernen in wenigen Tagen. Deutsch geht genau so schnell. Michel Thomas macht’s möglich. Stars aus Hollywood zahlen dafür 25000 Dollar die Woche.

Janine di Giovanni

Der rundliche Mann, der mir in diesem weißen, kahlen Raum in Manhattan gegenüber sitzt, muss ungefähr 80 Jahre alt sein. Er spricht Englisch mit einem seltamen mitteleuropäischen Akzent, trägt einen gut sitzenden, dunkelblauen Anzug, sein Haar ist graugepflegt. Der Mann heißt Michel Thomas und ist von Beruf Sprachlehrer. Will man ihn beschreiben, muss man einen Superlativ gebrauchen: Er ist der bestverdienende Sprachlehrer der Welt. Eine Woche Unterricht kostet 25 000 Dollar.

Vor 60 Jahren wurde Michel Thomas als Mitglied der französischen Résistance von dem Gestapo-Chef Klaus Barbie verhört. Thomas, der deutschsprachige Sohn eines jüdischen Fabrikanten, antwortete Barbie, dem „Schlächter von Lyon“, in fließendem Französisch. Barbie hielt Thomas tatsächlich für einen französischen Maler. Die Täuschung rettete das Leben des in Breslau aufgewachsenen jungen Mannes.

Michel Thomas kam frei – und wurde kurze Zeit später wieder von der Gestapo verhaftet. Sechseinhalb Stunden lang folterten sie ihn, steckten seine Hände und Füße in eine Presse, zogen die Schrauben bis zum Anschlag an, während ein Gestapo-Mann seinen Daumen in die kleine Mulde zwischen Thomas’ Schlüsselbein und seinen Nacken quetschte. Michel Thomas sagt, dass er den Schmerz ertrug. So, wie er Klaus Barbie überlistet hatte, überlistete er jetzt seinen eigenen Körper. Er überzeugte sich davon, nichts zu fühlen. „Das hat funktioniert“, sagt Thomas. Wieder entkam er der Deportation nach Auschwitz nur knapp. Dafür verschleppten sie ihn ins Konzentrationslager Le Vernet. Thomas wurde krank. Die Wächter sahen zu, wie der Magen des Häftlings sich vor Hunger aufblähte und seine Gelenke anschwollen. Sie sahen einen Häftling, der sich wieder zwang, zu leben. Von seiner Flucht nach Grenoble bekamen sie nichts mit.

Dann kamen die Alliierten. Mit der amerikanischen Armee gelangte er nach Dachau. Thomas musste Kriegsverbrecher aufspüren und verhören – diesmal benutzte er seine Deutschkenntnisse. Im Dezember 1945 stieß er auf Gustav Knittel, der sich auf einem Dachboden in Ulm versteckt hatte. Knittel, den SS-Offizier, der das Massaker an US-Soldaten bei Malmedy angeordnet hatte.

Es gibt so viele Szenen in Michel Thomas’ Leben, die direkt aus einem John-le-Carré-Roman stammen könnten. Aber seine Geschichte ist wahr. Auch, dass er in den 50er Jahren nach Amerika ging, um seine Sprachbegabung auszubauen. Am Ende gründete er das Polyglott Institut am Rodeo Drive in Beverly Hills. „Ich war neugierig darauf, wie Lernen abläuft“, sagt er. „Ich habe mich dazu entschlossen, Fremdsprachen zu unterrichten, weil mir das erlauben würde, den Lernprozess vom Anfängerlevel bis zum höchsten Niveau zu untersuchen.“

Mittlerweile ist Thomas in den USA bekannt als der Sprachguru schlechtin. Er benutzt dieselben Methoden, die ihm im Krieg das Leben gerettet haben – Konzentration, Entschlossenheit und Fokussierung. Er hat Grace Kelly, Woody Allen, Barbra Streisand, Natalie Wood, Alfred Hitchcock, Francois Truffaut, Sarah Ferguson, Melanie Griffith und Mel Gibson unterrichtet. Emma Thompson, die mit ihrem Mann Greg Wise Spanisch lernte, um in Chile einen Film recherchieren zu können, nennt Thomas eine „Inspiration“. „Er hat mir eine völlig neue Vorstellung vom Lernen vermittelt“, sagt sie.

Thomas unterrichtet aber nicht nur Stars für 25 000 Dollar in der Woche. Er hat auch Schülern in Los Angeles kostenlos in zehn Tagen Französisch beigebracht. Seine Schüler waren nach dieser kurzen Zeit angeblich dazu in der Lage, „Le Monde“ zu lesen und einen Jean-Luc-Godard-Film im Original anzusehen. Michel Thomas wirbt damit, dass jeder, der seinen Kassettenkurs hört, die Sprache danach auf demselben Niveau beherrscht wie nach einem dreijährigen Kurs an der Universität.

Ich wollte ihn testen. Ich wollte Französisch lernen – und herausfinden, was Thomas über seine Methode verrät, wie genau seine Methode funktioniert. Das zumindest habe ich sehr schnell gelernt: Thomas mag nichts verraten.

Es ist natürlich klar, dass seine Methode irgendwie das Unterbewusste anspricht. Ein Teil seiner Methode ist sicher seine unglaubliche Zuversicht – Thomas arbeitet mit beeindruckender Autorität und Ruhe. Er braucht keine Bücher, kein Papier, keine Stifte, er hält nichts von Hausaufgaben und vom Auswendiglernen. Er rollt übertrieben verzweifelt mit den Augen, wenn sein Schüler zu viele Fragen stellt. „Warum können Sie mir nicht vertrauen und mich die Arbeit machen lassen?“, fragt er dann. „Entspannen Sie sich. Wiederholen Sie bitte die Wörter nicht. Denken Sie einfach nur konzentriert an sie.“

Michel Thomas führt traditionelle Lehrmethoden ad absurdum und glaubt daran, dass Schulen Gefängnisse sind, in die das menschliche Potenzial lächerlich machen. Er sagt, dass man eine Sprache ganz sicher nicht durchdringt, wenn man Grammatikregeln lernt oder sich Tafeln mit unregelmäßigen Verben ansieht. Doch wenn man die Zusammenhänge verstehe, behalte man sie sein Leben lang.

Nach einem Tag mit unregelmäßigen Verben, gab es den Punkt, als der weiße Raum sich schnell zu drehen begann. Ich erinnerte ihn an seine Vergangenheit mit Klaus Barbie und machte einen Witz darüber, dass er ein guter Hypnotiseur ist. „Nein, bin ich nicht“, sagte er. „Aber das Gehirn hat enorme Fähigkeiten. Ich will doch nur, dass Sie noch ein bisschen weiter gehen, es besser nutzen. Wissen Sie, wir haben diese Fähigkeit.“ Vor dieser Erkenntnis, meint Thomas, laufen die meisten von uns ihr Leben lang weg. Und während wir wegrennen, würden unsere Gehirne langsam von Palm Pilots und Gameboys zerstört.

Unter Thomas’ Fuchtel gibt es keine Chance, sich abzulenken, die Gedanken wandern zu lassen und an Ratenzahlungen oder Deadlines zu denken. Es gibt nur Thomas, wie er in seinem dunkelblauen Anzug und einem niedrigen Loungesessel nach einer Verbform fragt. Manchmal, sehr selten, reagiert er irritiert. Dann bekommt seine Stimme einen scharfen Klang. „Es ist vollkommen egal, wie man diese Form bestimmt“, zischt er. „Das einzige, was zählt, ist, dass Sie die Form im Kopf haben.“

Wenn man einen Fehler macht, sieht Thomas so beleidigt aus, als habe man ihn absichtlich getreten oder seine Familie schwer beleidigt: „Oh. Sie denken nicht nach.“ Das ist das Schlimmste für ihn – nicht nachdenken. Damals wurden Leute erschossen, weil sie nicht nachgedacht haben. Es gibt eine tödliche Stille, bis man schließlich die richtige Antwort gefunden hat. Jeder hasst es, Grammatik zu lernen. Thomas lehrt einen Grammatik, so dass man es nicht merkt. Es ist, als würde die französische Grammatik sich in meinem Gehirn ein Nest bauen.

Am Ende der Woche bin ich ein bisschen ermüdet vom jeweils achtstündigen Einzelunterricht. Michel Thomas hat mich tatsächlich dazu gebracht, französische Zeitungen zu lesen, traurige Gedichte, Kurzgeschichten. Ich habe vieles sogar übersetzt. So eine Woche ist ziemlich erschöpfend für alle Konzentrationsschwachen wie mich. Wie um alles auf der Welt hat Woody Allen das überlebt?

Ständig bat mich Thomas, abends nicht länger über das nachzudenken, was wir besprochen hatten, es nicht zu wiederholen und nicht darüber zu sprechen. „Sprich mit niemandem Französisch, bevor ich es dir sage“, kommandierte er. Ich konnte ein bisschen Französisch, bevor ich Michel Thomas traf. Doch er ließ mich unmissverständlich wissen, dass er Schüler bevorzuge, die überhaupt keine Kenntnisse der zu erlernenden Sprache haben.

Der letzte Tag war reines Vergnügen, ehrlich. Neben der Tatsache, dass es ein besonders schönes Gefühl ist, endlich aus diesem sterilen weißen Raum herauszukommen, ist es, als habe dir jemand einen temporären Computerchip ins Gehirn implantiert, auf dem der französische Sprachschatz und die wichtigsten Grammatikregeln gespeichert sind. Ich sagte „temporär“, weil ich den Eindruck habe, dass man diesen Chip pflegen muss, sonst verschwindet er. Michel Thomas sagt, dass das nicht wahr ist, dass die Sprache immer in dir leben wird, und für die 25 000 Dollar, die man für den Kurs ausgegeben hat, kann man sein Leben lang wiederkommen, um in Los Angeles, New York oder London kostenlos Auffrischungskurse zu besuchen. Woody Allen, der zum ersten Mal 1972 bei Thomas Französisch lernte, gebrauchte die Sprache anschließend zwölf Jahre nicht, rief dann Thomas an, um ihm zu sagen, er habe alles wieder vergessen. „Du hast gar nichts vergessen“, antwortete Thomas. Die beiden trafen sich für ein paar Stunden, und Thomas hauchte Allens verschüttet geglaubten Konversationskenntnissen wieder neues Leben ein.

Allen spricht Französisch. Ich habe ihn vor kurzem beobachtet, wie er dem Fernsehsender „France 2“ ein Interview gab. Es war kein schlechtes Französisch.

© „The Times Magazine“, London. Weitere Informationen zu Michel Thomas gibt es im Internet unter www.michelthomas.com.

Übersetzung: Esther Kogelboom

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