Zeitung Heute : Der U-Boot-Katholik

Kerstin Decker

Johannes Paul II. Arte. Der ganze Papst in 120 Minuten. Wem sonst hätte man sie eingeräumt? Dieser Film beweist, dass zwei Stunden keine Minute zu lang sein müssen. Das Porträt war zugleich die schlagende Widerlegung des päpstlichen Ultimatums, wonach wir uns endlich entscheiden müßten zwischen Gut und Böse. Ist etwa der Papst, der seiner Kirche befiehlt wie ein U-Boot-Kommandant, gut oder böse? Also versuchte man Karol Wojtyla zu begreifen, der die katholische Kirche mit den Juden versöhnte und an dessen Unnachgiebigkeit sie nun fast zerbricht. Vielleicht war nur noch in Polen der Katholizismus die Klammer der gesamten Identität eines Volkes. Der Papst will von diesem Bild nicht lassen. Und doch galt Wojtyla als der erste moderne Mann auf dem Papstthron. Inzwischen weiß man, dass er nichts so verabscheut wie die Moderne, der Papst nennt sie "Kultur des Todes". Demokratie in der Kirche, Gleichberechtigung und Selbstbestimmung der Frau - für ihn sind es Zersetzungsformen. Gesellschaften sind nur solange stabil, wie ihre eigenen Grundlagen unbewußt bleiben. Für Religionen gilt das noch mehr. Der Papst weiß das. Also Schotten dicht, und unter der Moderne durchtauchen! Johannes Paul II. - ein U-Boot-Kommandant.

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