Zeitung Heute : Der über die Maßen glückliche Belgier

Marc Philippe Coudeyre vergießt sogar Freudentränen – darüber, dass er seine Entwürfe in Berlin zeigen darf.

Lisa Strunz
Lost in Paradise. Coudeyre. Foto: promo
Lost in Paradise. Coudeyre. Foto: promo

Donnerstagmorgen, 9 Uhr in einem Konferenzraum des Westin Grand Hotels. Ein paar Herren in dunklen Anzügen stehen im Kreis und schauen konzentriert. Man könnte denken, es handele sich hier um ein ernstes Krisentreffen unter Bankern – wäre da nicht einer, der wie ein Honigkuchenpferd strahlt und euphorisch von italienischen Stoffen erzählt.

Marc Philippe Coudeyre wurde 1975 als Sohn einer deutschen Mutter und eines französischen Vaters in Schottland geboren, hat Mode an der Königlichen Akademie der Schönen Künste in Antwerpen studiert und vor zwei Jahren sein eigenes Label in Brüssel gegründet. In dieser Saison zeigt er seine Kollektion zum ersten Mal in Berlin und es ist nicht zu übersehen: Coudeyre ist über diese Möglichkeit mehr als glücklich.

Einen Tag vor seiner Präsentation hat der Designer zu einem „Preview-Frühstück“ geladen. Pressevertreter sind da, Einkäufer, der belgische Botschafter. Coudeyre steht dazwischen und schwärmt: „Die Stadt hat so viel Prestige!“ Moment mal. Berlin und Prestige? Eigentlich würde man diese Eigenschaft eher Paris zuschreiben.

Doch Coudeyre hat seine Kollektionen in den letzten vier Saisons genau dort, in den kleinen Showrooms der französischen Modestadt gezeigt und weiß: „Als junges Label interessiert sich in Paris niemand für dich. Die Branche ist festgefahren und wird von den Großen regiert.“ Dabei habe doch jede kreative Arbeit – ob alteingesessen oder nicht – Respekt verdient!

Aus der Ferne hat er beobachtet, wie sich in Berlin über die letzten Jahre eine junge Designszene entwickelt hat: Perret Schaad, Michael Sontag, Augustin Teboul. Als Coudeyre dann im März einen Artikel in der deutschen Vogue über das fünfjährige Bestehen der Berliner Fashion Week las, beschloss er: Da bewerbe ich mich jetzt auch.

Die Zusage für seine Studio-Präsentation im Mercedes-Benz-Zelt kam im Mai und es scheint, als könne Coudeyre es immer noch nicht recht glauben. „Man wird ja nicht einfach so zugelassen. Es ist ein richtiger Wettbewerb!“ Statt im September, wenn die Modewochen in Paris stattfinden, musste er seine Entwürfe nun schon im Juli, also zweieinhalb Monate früher fertigstellen. Wie eine Lawine sei das alles über ihn hinübergerollt.

Seine neue Kollektion ist dennoch die größte, die er bisher produziert hat. Sie heißt „Paradise Lost“ und ist wie alle anderen auch von einem Widerspruch inspiriert. Diesmal war es die Zerstörung der Naturidylle Pearl Harbour. Zarte Seidenblusen, -kleider und -overalls sind mit tropischen Blumenmustern bedruckt, in Blousons finden sich die harten Kanten von Militäruniformen wieder, ein kräftiges Orange erinnert an Vulkanlava. Das Thema ist erkennbar, ohne politisch oder plump zu wirken. Die Kollektion feminin, ohne verspielt auszusehen.

Coudeyre präsentiert seinen Gästen an diesem Morgen jedes einzelne Teil, streicht dabei vorsichtig über besondere Details und erzählt wieder voller Euphorie von den italienischen Stoffen. Man sieht es ihm an: Er genießt die Aufmerksamkeit, die er in Paris so vermisst hat.

Als er vor ein paar Tagen in Berlin ankam – so wird er später noch erzählen – hat Marc Philippe Coudeyre sich sofort aufgehoben gefühlt. „Es liegt so eine Solidarität in der Luft. Man spürt richtig: Hier passiert etwas.“ Lisa Strunz

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