Der übermalte Jesus von Borja : Ein Bild geht um die Welt

Cecilia Gimenez ist Malerin aus Leidenschaft. Im August restauriert sie ein Jesus-Konterfei. Das geht schief. Oder doch nicht? Ein Besuch.

Cecilia Gimenez geriet in die Schlagzeilen, nachdem sie ein Jesusbild in Spanien übermalte.
Cecilia Gimenez geriet in die Schlagzeilen, nachdem sie ein Jesusbild in Spanien übermalte.Foto: V. Frenzel

Wenn sie könnte, würde sie „diese Sache“ ungeschehen machen, sagt Cecilia Gimenez. Die 84-Jährige krümmt sich auf einem harten Holzstuhl nach vorn und drückt die Hände an die Schläfen, als wolle sie die Erinnerungen in ihrem Kopf zerquetschen.

„Die Sache“ ist dieses Bild. Cecilia Gimenez spricht nicht gern davon. Doch manchmal müssen die Erinnerungen raus, zerquetschen kann sie sie ja doch nicht. Gimenez hat ein Jesusbild geschaffen, das fast die ganze Welt kennt. Zeitungen aus 180 Ländern druckten es nach, TV-Journalisten aus Japan, England und Argentinien reisten in das nordspanische Provinzstädtchen Borja und stritten sich um die drei Taxifahrer, von denen an normalen Tagen keiner mehr als drei Fahrgäste hat. Im Oktober war der Jesus von Cecilia Gimenez das beliebteste Halloween-Kostüm der Amerikaner. Wer die Maske trug, sah aus wie ein Primat in Menschengestalt. Cecilia Gimenez’ Jesus ähnelt einem Affen.

Wahrscheinlich deshalb liebt die halbe Welt das Bild – die von irgendjemandem gegründete Facebook-Seite von Cecilia Gimenez hat mittlerweile fast 100 000 Fans, es gibt Tassen, T-Shirts, Kappen und Bettwäsche mit dem Bild. Mindestens 20 000 Menschen sind bisher nach Borja gepilgert, um den Affen-Jesus zu sehen. Genau deshalb hasst Cecilia Gimenez ihr Bild. Sie fürchtet, sie habe Gotteslästerung begangen.

Gerade war sie wieder beim Psychiater in Saragossa, zu dem sie jetzt einmal in der Woche fährt, um neue Antidepressiva und Beruhigungstabletten zu holen. Seit „dieser Sache“ hat sie ständig Angst, kann nicht schlafen, hat keinen Appetit. Sieben Kilo hat sie schon verloren. Mickrig ist sie jetzt, geht fast unter in dem kleinen, vollgestopften Wohnzimmer, an dessen Wänden von ihr in Pastellfarben gemalte Landschaftsbilder hängen. Und sie verlor die Lust am Zeichnen, sie, die mehr als 50 Jahre lang fast täglich malte.

Neben ihr auf dem braunen Sofa sitzt ihr Schwager Basilio – in diesen Tagen ist fast immer ein Verwandter bei Cecilia Gimenez, vor allem wenn Fremde zu Besuch kommen. Er sagt: „Cecilia, nun glaube es doch endlich: Gott wollte es so. Er wollte, dass du dieses Bild malst. Es ist ein Wunder, eine Riesenchance.“ Sie schiebt ihre Hände von den Schläfen vor die Augen.

Alles begann am 2. oder 3. August, so genau kann es Cecilia Gimenez nicht mehr sagen. Wie jedes Jahr verbrachte sie den Sommer mit dem 60-jährigen schwerbehinderten Sohn, der bei ihr wohnt, auf einem Hügel, sechs Kilometer von Borja entfernt. Dort, wo ständig ein leichter Wind weht, der die eigentlich unerträgliche Hitze des platten spanischen Hochlands erträglich macht. Ihr Sommerhäuschen steht gleich neben dem Kirchlein Santuario de Misericordia, dort betete Cecilia Gimenez bis zu jenem Augusttag jeden Tag. Dabei blickte sie auf das Jesus-Bild, das nur noch schlecht zu erkennen war, weil die gekalkte Wand mitsamt dem Gemälde abblätterte. Sie nahm sich vor, den Heiland aufzupäppeln. Es war nicht das erste Mal. Schon vor ein paar Jahren hatte sie seine Tunika ausgebessert. Jetzt war der Kopf dran. Sie erklärte dem Pfarrer, was sie vorhatte, und holte Farbe, ein bisschen braune, ein bisschen beige, ein bisschen weiße. „Ich begann mit den Haaren, pinselte zuerst ein paar dunkelbraune Strähnen um sein Gesicht. Es war nur die Grundierung, am nächsten Tag wollte ich weitermachen“, sagt Cecilia Gimenez zu Hause an ihrem Wohnzimmertisch, sie spricht schnell und eindringlich. Dann bricht sie plötzlich ab, senkt den Blick, ihre Stimme ist jetzt leise. „Doch dann musste ich plötzlich aufhören.“

Wie jedes Jahr wollte sie ein paar Wochen im August bei Bekannten in den Bergen von Teruel verbringen, 160 Kilometer südöstlich von Borja. Der Taxifahrer mit dem größten Wagen, in den das Krankenbett des Sohns passt, sollte sie eigentlich Mitte August dorthinfahren. Doch am 2. oder 3. August rief er an und sagte, er müsse früher los als geplant, gleich am nächsten Tag. Cecilia Gimenez blieb nur noch Zeit zu packen. „Den Jesus, dachte ich, male ich fertig, wenn ich zurück bin.“

Als sie drei Wochen später in Borja ankam, begrüßte sie ihre bleiche Schwester mit den Worten: „Cecilia, vielleicht musst du ins Gefängnis.“ Der Mitarbeiter einer Lokalzeitung hatte das unfertige Jesusbild fotografiert und einen Artikel geschrieben mit der Überschrift „Das verzeiht nicht einmal Jesus“. Die Geschichte entdeckte ein Journalist der katalanischen Zeitung „La Vanguardia“. Dort wiederum sah den Artikel ein Redakteur von „El País“. Die „El País“-Meldung las ein Journalist in Venezuela. Und so weiter. Innerhalb weniger Tage raste das Bild um die Welt. Als die Enkel des Künstlers, der den Originaljesus an die Kirchenwand gemalt hatte, von der Sache erfuhren, klagten sie einem Journalisten: Die Gemeinde müsse dafür sorgen, dass das Bild ihres Großvaters wiederhergestellt wird. Daraufhin erklärte der Bürgermeister von Borja, der gleichzeitig Vorsitzender der christlichen Stiftung Sancti Spiritus ist, der das Kirchlein auf dem Berg gehört, er werde die Verantwortlichen zur Rechenschaft ziehen.

Cecilia Gimenez erfuhr all das von ihrer Schwester, sie erlitt einen Nervenzusammenbruch. Der Schwager brachte sie sofort zum Psychiater.

Seitdem hat sie die Kirche nie wieder betreten. Die Bar daneben, in der sie seit Jahren mit ihren Freundinnen jeden Nachmittag Karten spielte, mied sie. Zu viele fremde Menschen waren da, die sie ansprachen und die sich mit ihr fotografieren lassen wollten.

„Als ich erfuhr, dass Cecilia hinter dem Bild steckt, habe ich sofort einen Rückzieher gemacht“, erklärt Bürgermeister Miguel Arilla heute. Der kleine, quadratische Mann thront hinter einem wuchtigen Holzschreibtisch, an der Wand hängt das Ölporträt eines seiner Vorgänger. „Ich wollte sie nicht belasten.“ Außerdem hat der Bürgermeister mittlerweile seine Meinung geändert. Er findet jetzt, Cecilia Gimenez habe Großartiges geleistet. Das sagt auch jeder andere im Städtchen, den man fragt. Pfusch? Ach was! „Der Jesus von Borja ist Pop-Art, so ähnlich wie die Sachen von Andy Warhol“, sagt der Bürgermeister.

Ein deutscher Produzent war schon bei ihm, er will einen Film über den Jesus von Borja und Cecilia Gimenez machen. Ein Weinbauer aus der Umgebung verkauft jetzt Rotwein mit dem Affenjesus auf dem Etikett. Und die Stiftung Sancti Spiritus kassiert seit Mitte September einen Euro Eintritt für das Kirchlein, die Einnahmen liegen bisher bei mehr als 20 000 Euro.

Der Bürgermeister hat außerdem einen Anwalt beauftragt. Der soll klären, welche Urheberrechte seine Stiftung an dem Jesusbild besitzt – schließlich ist es direkt auf die Kirchenwand gemalt. „Sobald unsere Ansprüche geklärt sind, werden wir allen, die das Bild bisher verwenden, Abmahnungen schicken. Sie müssen uns unseren Anteil zahlen“, erklärt der Bürgermeister hinter seinem Schreibtisch, er wirkt jetzt ein wenig wie eine Bulldogge. Dann sagt er mit sanfter Stimme, dass die Eintrittsgelder und das Geld, das die Stiftung vielleicht noch bekommt, natürlich nur für einen guten Zweck verwendet werden sollen: für das Altenheim, das die Stiftung in Borja betreibt.

Die Enkel des Malers haben sich ebenfalls einen Anwalt genommen. Offiziell heißt es, er solle durchsetzen, dass der Originaljesus wiederhergestellt wird. Der Bürgermeister aber glaubt fest daran, dass es den Enkeln um die Urheberrechte an dem neuen Bild geht. Und auch die Familie von Cecilia Gimenez hat jetzt einen Anwalt, beauftragt hat ihn der Schwager. „Wir wollen auf Klagen vorbereitet sein“, sagt er. Später erklärt er, es sei ungerecht, dass „viele Menschen mit dem Bild von Cecilia Gewinn gemacht haben, nur wir nicht“.

Auch der Anwalt ist jetzt zu Hause bei Cecilia Gimenez, er ist ein Freund der Familie, Mitte 30. Wenn er etwas wichtig findet, wiederholt er es drei Mal, auch diesen Satz: „Sollten wir jemals Geld bekommen: Wir wollen es nicht für uns, sondern für einen guten Zweck.“

Cecilia Gimenez sitzt stumm neben den beiden, blickt ins Unendliche. Der Schwager wiederholt: „Gott wollte, dass du dieses Bild malst, damit du mit dem Geld, das du bekommst, Gutes tun kannst.“ Cecilia Gimenez lächelt verunsichert. Später sagt sie: „Am meisten habe ich mich gefreut, als die Tochter des Barbesitzers letztens zu mir gesagt hat: ,Danke Cecilia, du hast uns über den Sommer gerettet‘.“ Vor ein paar Wochen hat Gimenez ihre Leinwand und die Farben wieder in ihre Küche gestellt. Sie hat schon ein Bild gemalt von der Bar neben dem Kirchlein Santuario de Misericordia. Und sie fährt jetzt wieder fast jeden Nachmittag mit ihrem weißen Lieferwagen, in den sie den Rollstuhl ihres Sohns packen kann, in diese Bar, um mit ihren Freundinnen Karten zu spielen.

Auf ihrem Weg zur Kirche kommt sie jetzt vorbei an vielen neuen Schildern, die den Weg zum Kirchlein weisen. Und an einer Müllkippe, über der ein paar Geier kreisen, in der Hoffnung, das etwas für sie abfällt.

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