Zeitung Heute : Der Unbekannte, den alle kannten

Nett war er, sagen die Leute, hilfsbereit, großzügig. Und jetzt soll dieser freundliche Student ein kaltblütiger Killer sein? Der Tod des elfjährigen Jakob von Metzler ist noch immer ein großes Rätsel. Und das Motiv seines mutmaßlichen Mörders ebenfalls.

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Von Constanze von Bullion, Frankfurt

Der braucht nur zu fallen hier, dann schnappen die Menschen nach Luft wie die Fische. „Der Magnus“, sagt Dominik Bleser, „der war so lustig und so großzügig zu allen Kindern.“ Eis hat er spendiert und sich tolle Spiele ausgedacht. Dominik Bleser ist ein blonder Kerl von gerade mal zwölf Jahren, eben ist er in die Sakristei gestürmt, hat sich die schweren grünen Gewänder über den Kopf gezerrt, jetzt muss er eigentlich sofort hinaus. Der Pfarrer steht schon startklar an der Tür, aber eines will der Ministrant noch loswerden. Dass er mal zur Messdienerfreizeit an der Ostsee war, dass ihn da das Heimweh gepackt und der große Magnus, sein Betreuer, ihn richtig gut getröstet hat. Dominik Bleser holt Luft, kommt fast ins Schwärmen – und bremst plötzlich ab. „Ist schon sehr komisch“, sagt er, „da mit einem mutmaßlichen Mörder gesessen zu haben.“

Verlorene Kinder

Es mag so gar nichts mehr zusammenpassen in der Sakristei von Sankt Bonifatius in Frankfurt, wo sich der Staub ewiger Gewissheiten auf die Gebetbücher gesenkt hat und doch nichts mehr ist, wie es mal war. Draußen in den Kirchenbänken sitzt eine verstörte Gemeinde, die noch immer nicht begreifen kann, warum ihr Stadtviertel Sachsenhausen zwei Kinder verloren hat. Eines ist tot, das andere sitzt in Haft, und jeden Tag wird die Hoffnung kleiner, dass Magnus G. da wieder herauskommen wird. Ausgerechnet er, der sympathische junge Mann, der aus einer katholischen Familie stammt und früher mit der Gemeindejugend in die Ferien fuhr, soll den Bankierssohn Jakob von Metzler getötet haben.

Einen „Killer“ nennen ihn jetzt die Zeitungen, einen Mörder, der seine Tat eiskalt plante. Wenn stimmt, was die Polizei durchsickern ließ, dann traf der 27 Jahre alte Student Magnus G. vorletzten Freitag Jakob von Metzler an einer Bushaltestelle, nahm ihn mit in seine Wohnung und erstickte den Elfjährigen dort wenig später. Mit dem Kind im Kofferraum fuhr er laut Polizei zum Haus der Familie von Metzler, deponierte ein vorbereitetes Bekennerschreiben, warf die Leiche in einen See und ging zu seiner Mutter zum Mittagessen. Er habe „gelassen und freundlich wie immer“ gewirkt, sagte sie später.

Dass Magnus G. sich wie ein Schlafwandler bewegt haben muss, darauf deuten auch andere Details hin. Die Container etwa, zu denen er später die Polizei führte und in denen er Jakobs Kleider und Schulsachen korrekt entsorgt hat, Textil zu Textil, Papier zu Papier. Dann fuhr er mit dem eigenen Auto in den Wald, packte eine Million Euro Lösegeld in Tüten ein, bestellte einen Mercedes und buchte Tickets auf die Kanaren – um in Untersuchungshaft zu landen.

Haarsträubend kann man die Geschichte finden, vor allem aber gibt sie Rätsel auf. Wer ist dieser Magnus G., der offenbar kein Hehl mehr aus einem Verbrechen macht, das so grausam wie naiv ist? Wie kann ein Jurastudent, der kurz vorm Staatsexamen steht, so dumm sein, an den Erfolg eines solchen Plans zu glauben? Hat da einer für Geld getötet? Oder ist womöglich, was der Verteidigung entgegenkäme, eine Art Spiel zu tödlicher Realität geworden?

Wer sich in Frankfurt-Sachsenhausen auf die Suche nach Anworten macht, findet immer neue Fragen. „Ich habe 60 Morde hinter mir und keine Ahnung, was da passiert ist“, sagt Hans-Ulrich Endres, der Verteidiger von Magnus G., der selbst nicht schlau wird aus seinem Mandanten. Einen sexuellen Hintergrund haben die Gerichtsmediziner gestern weitgehend ausgeschlossen, demnächst will Magnus G. sich der Polizei erklären. Ob das den Fall klären wird, bleibt abzuwarten. „Die Sache ist vielschichtig“, sagt Anwalt Endres, „der Charakter dieses Mannes ist mit der Tat nicht in Deckung zu bringen.“

Wer Magnus G. tatsächlich ist, das wagt inzwischen auch Richard Weiler nicht mehr zu beurteilen. Im grünen Messgewand und mit Sorgengesicht eilt er durch die Sakristei von Sankt Bonifatius, der Pfarrer kennt Magnus G. seit dessen Kindheit – zumindest glaubte er, ihn zu kennen. „Da gibt es keine Brücke“, sagt er, „das kommt nicht hin, dem das zuzuordnen.“ Hilfsbereit, zurückhaltend, freundlich war der Magnus, den er kannte. Früher kam er oft in den Jugendclub der Kirche, da hängen noch alte Fotos von ihm. Ein großer Schlaks steht da zwischen kleinen Jungs, einer, der sensibel und recht hübsch aussieht. Viel geredet hat er nie, sagt der Pfarrer, da sei er ähnlich wie sein älterer Bruder.

Der sitzt im Pfarrgemeinderat, die Mutter kommt jeden Sonntag in die Kirche, gute Christenmenschen allesamt, sagt Weiler. Und doch. „Man kann den Menschen eben nicht hinter die Stirn schauen.“ Später beim Kindergottesdienst erzählt er dann das Gleichnis vom Weinbergbesitzer, dem habgierige Winzer den Sohn erschlagen. „Weil sie alles haben wollten“, platzt es aus einem kleinen Mädchen heraus. „Und weil sie alles bestimmen wollten“, sagt der Pfarrer und nickt wohlgefällig. Weiler spricht nicht von Geld und Gier. Aber nach der Messe erwähnt er doch noch, dass die Eltern von Magnus G. „eher bescheidene, mittelständische Leute“ seien, während die Familie von Metzler in einer „großbürgerlichen Welt“ lebe.

War es Neid, der den Täter antrieb? Neid auf einen Jungen, der ganz nahe bei ihm lebte und doch in einer unerreichbaren Sphäre? Es liegen nur ein paar hundert Meter zwischen der freudlosen Nachkriegssiedlung, in der Magnus G. zuletzt wohnte, und dem herrschaftlichen Anwesen der Bankiersfamilie von Metzler, vor dem jetzt Hunderte von Blumensträußen liegen. Jakobs Eltern sind Kunstmäzene der Stadt, sie leben im feinen Understatement alten Geldes. Die Eltern von Magnus leben in einem bräunlichen Mietshaus auf der anderen Seite des Waldes, die Mutter ist Erzieherin, der Vater Bauingenieur. Magnus spielte Fußball, Jakob spielte Fußball und Tennis. Um einander zu hassen, hat das sicher nicht gereicht. Aber um einander kennenzulernen.

Im „Soho“, einer rauchigen Kneipe in der Altstadt von Sachsenhausen, sitzt Cyrill Geldner und nippt an einer Apfelschorle. Er sieht etwas beklommen aus, als wolle er jetzt bloß nichts Falsches zu sagen. Cyrill Geldner ist 22 und studiert in Koblenz, jetzt ist er für ein paar Tage zu seiner Mutter nach Frankfurt gekommen, und da wurde ihm erst mal speiübel vor Schreck. „Bei so einem Mord, da stellt man sich einen wie Kinski vor“, sagt er. Und jetzt Magnus.

„Dass man sich so täuschen kann, dass alles so nah ist.“ Er stockt. „Da wird diese ganze kleine Welt angekratzt, dieser Schutzwall, den man so um sich hat.“ Cyrill Geldner kennt „den Maggi“ noch von diesen Fantasy-Rollenspielen, die sie früher so gern gespielt haben. Die muss man sich vorstellen wie einen mittelalterlichen Abenteuerfilm, mit edlen Rittern, Magiern und Ganoven, die einander helfen oder bekämpfen. Manchmal verschwinden da Menschen und werden durch Zauber befreit, immer gibt es dabei ein strenges Regelwerk und einen Meister, der die Inszenierung bestimmt. Alles ganz harmlos, sagt Cyrill Geldner. Magnus G. hat bei solchen Spielen gern den Part des Magiers übernommen, des weisen Denkers sozusagen. So soll er auch im echten Leben aufgetreten sein, als einer, der nichts Unüberlegtes macht, vielleicht etwas eitel, aber souverän ist.

Cyrill Geldner hat mal eine Feriengruppe mit ihm geleitet. „Da sind die Kinder auf ihn zugegangen, vor allem die Kleinen, mit denen kann er gut.“ Er erwähnt dann noch, dass Maggis Freundin erst 16 sei, die Leute hätten ja viel über sexuellen Missbrauch spekuliert. Hat er Magnus G. gemocht? Er zögert, nein, ganz auf Wellenlänge waren sie nie. „Vielleicht, weil die Familie doch bisschen reicher ist.“ Magnus G. war nie reich, aber hat andere gern glauben lassen, das er es war. Er ging in flotte Cocktailbars und lernte die älteren Geschwister von Jakob von Metzler kennen. Im Umfeld von Eintracht Frankfurt war das, wo Vater Metzler als Mäzen auftritt und Magnus G. den kleinen Fanclub „South Force“ gründete. Die Website von „South Force“ ist inzwischen gesperrt im Internet, aber man muss nicht lange suchen, um den Mann zu finden, der sie verwaltet. Er heißt Frank Lichtenheld, ist ein Freund von Cyrill Geldner. Franks Bruder Carl ist mit Magnus G. befreundet. Lichtenheld studiert Physik in Karlsruhe, aber er schreibt auch gern und stellt Texte ins Netz, die eine recht eigenwillige Fantasie verraten.

Grausame Fantasien

„Relationen“ heißt der Roman, in dem Frank Lichtenheld beschreibt, wie er eine junge Frau in eine Folterkammer sperrt, die in Big-Brother-Manier mit einer Kamera überwacht wird. Er selbst sitzt draußen an einem Bildschirm, befiehlt der Frau sich auszuziehen und quält sie mit einem Wasserstrahl. Als sie blutet, lässt er sie eine Weile liegen. Und beschließt dann, ihr den Garaus zu machen. „Der Tod in all seinen Formen“ ist die Überschrift des letzten Kapitels, in dem es heißt: „Er wollte schlagen, morden, töten, nur um diese Gefühle aus sich herauszulassen. Er hielt nach etwas Ausschau, das er zerreißen, zerschmettern, vernichten könnte.“ Dann bricht die Geschichte ab.

Eine harmlose pubertäre Fantasie ist das vermutlich, aber auch ein hässlicher Schnipsel aus einer Welt, in der sich einer verloren haben könnte. Was für ein Geist herrschte im Umfeld dieses Freundeskreises? Was ist aus dem netten jungen Mann geworden, der im Ferienlager heimwehkranke Messdiener tröstete? Hat Magnus G. bei all den Spielchen und Fantasien vielleicht die Wirklichkeit aus den Augen verloren? Ausgeschlossen, sagt Cyrill Geldner, dass so ein alberner Roman einen Mord inspiriert. Ausgeschlossen, sagt der Anwalt, dass andere mitgewirkt haben bei der Tat. Unvorstellbar, sagt der Pfarrer, dass in seinem hilfsbereiten Magnus ein kaltblütiger Killer gewohnt hat. Jakob von Metzler ist tot, und seine Familie wird womöglich noch lange damit leben müssen, dass das Warum unbeantwortet bleibt.

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