Zeitung Heute : Der unbekannte Kunde

Alexander Königs

Der Breitband-Technologie gehört die Zukunft, nur keiner weiß warumAlexander Königs

Breitband kommt, aber wofür? Die Zukunft des Internets sind Hochleistungs-Datennetze. Das Wann und Wie ist umstritten, debattiert werden hauptsächlich technische Details. Die Inhalte und die Wünsche der Nutzer sind kaum ein Thema.

Das Internet werde sich zu einem Universal-Medium entwickeln, das alle Lebensbereiche der Kommunikationsgesellschaft abdecken wird: Fernsehen, E-Mail, Live-Events, Konferenzschaltungen. Das prophezeite jedenfalls Ossi Urchs, bekannt geworden als Internet-Hippie und Gründer der Firma 3W4U, vergangene Woche auf der Internet World in Berlin. So ein Hypermedium benötigt entsprechende Geschwindigkeiten, also Bandbreiten, um den Anforderungen des multimedialen Zeitalters zu genügen. Davon sind wir heute noch weit entfernt. Ungefähr 7000 autonome Netzwerke formen momentan das Internet, wie wir es kennen. Da bleibt es nicht aus, dass täglich Server ausfallen und die Nutzer im Datenstau stecken. Studien zeigen allerdings, dass der Surfer maximal acht Sekunden bereit ist, auf den Kontakt zu einem Web-Angebot zu warten, ansonsten wird schnell weitergesurft. Verschärft wird das Problem durch das exponentielle Wachstum des Internet. Die Online-Zeit der Nutzer nimmt rasch zu.

Einige private Kabelgesellschaften, wie die Telecolumbus in Berlin, haben sich deshalb dem Ausbau des Datenhighways verschrieben. Sukzessive bieten sie Kabelmodems an und ergänzen das Fernsehkabelnetz um einen Rückkanal, über den sich aktiv in die Programmgestaltung eingreifen läßt. Die Stromkonzerne setzen auf "Powerline", das Internet per Steckdose, und die Telekom möchte die DSL-Technik flächendeckend verkaufen. ISDN jedenfalls ist tot, so scheint es.

Die inhaltlichen Bedürfnisse der Anwender, für die Milliardensummen in die Infrastruktur investiert werden, tauchen aber selten in den strategischen Planungen der Unternehmen auf. Als Voraussetzung für den Erfolg der neuen Technologie wird überall eine einfache Bedienbarkeit der Endgeräte gefordert, was sicher nicht schadet. Doch die Frage, ob der Nutzer diese Technik überhaupt anwenden möchte, wird selten thematisiert. Der Fachmann Rainer Caspari, Chef von Central Europe Inktomi, vertrat auf der Internet World deshalb eine einsame und unpopuläre Meinung, als er zu bedenken gab, dass "wir den Konsumenten nicht fragen, ob er das will". Eine Beobachtung, die auf der ganzen Messe zu machen war. Dabei ist es eine Binsenweisheit, dass sich Technologien nicht durchsetzen, wenn ihre Konsumenten übergangen werden. Ein Gedanke, den die Breitbandenthusiasten aber oft als kleinlich verwerfen. Schließlich, so ihre Argumentation, sind die neuen Dienste so neu, dass sich der Verbraucher davon noch gar keine Vorstellung machen könne.

Interaktivität wird in diesem Zusammenhang gerne als "neue" Dienstleistung für den Anwender zitiert. Dabei lassen sich Beispiele dafür finden, dass die Umsetzung interaktiver Ideen noch mangelhaft ist und die Wünsche der Zuschauer völlig unbekannt sind. So ist die ARD mit ihrem ersten interaktiven Tatort-Krimi vor zwei Wochen grandios gescheitert. Auch wenn Andreas Weiß, ARD-Koordinator Ausland, das anders sieht und davon spricht, dass "alle recht happy sind über die Art, so etwas zu präsentieren". Die Zuschauer konnten im Internet über die Seite der Programmzeitschrift "TV-Movie" oder per Fernbedienung, einen entsprechenden F.U.N.-Dekoder vorausgesetzt, der Kommissarin Lena Odenthal bei der Suche nach dem Mörder helfen. Allerdings blockte die Telekom alle Zuschaueranrufe ab. "So haben wir aus dem Dekoder-Versuch gar keine Zahlen", grämt sich Weiß. Viele wären es auch nicht geworden, nur 45 000 bis 50 000 Deutsche haben einen solchen Dekoder mit F.U.N-Standard im Wohnzimmer stehen. Die Auswertung der Internet-Daten klingt aber auch nicht vielversprechender. Von 700 Mitspielern blieben ganze 50 bis zum Ende dabei. Weiß räumt ein, dass "wir noch viel dazulernen müssen. Die Fragen dürfen nicht von der Handlung ablenken und eine Filmhandlung läßt sich nicht so einfach in das Internet übertragen".

Wie interaktiv darf das Fernsehen sein? Sind die Nutzer im Web aktiver? Und möchte man wirklich die Anstrengung auf sich nehmen, und sein Programm selber zusammenstellen? Da sind sich die Experten wieder einig, ja, so wird es sein. Die Bertelsmann Broadband Group investiert in interaktives Fernsehen über Kabel, um "völlig neue Applikationen" für den Nutzer zugänglich zu machen. Der Pilotversuch läuft. Außerdem werde die Streaming-Media-Technologie den Breitbandnetzen zum Durchbruch verhelfen und so den Zuschauer in die Lage versetzen, auch Ereignisse zu verfolgen, die nur eine kleine Zielgruppe interessiert. Bestes Beispiel, so Kai Knoche von RealNetworks, sei der Erfolg von "Big Brother" im Netz. Täglich 30 000 gleichzeitige Zugriffe sprächen für sich. Dabei gehe es nicht darum, das traditionelle Fernsehen zu ersetzen, sondern ein zusätzliches, interaktives Medium zu etablieren.

Bestimmte Bereiche in einem Video können bald anklickbar sein, sagt Friedhelm Koch von Microsoft, um direkt von dort den dazugehörigen Soundtrack auf CD zu bestellen. Der absolute Durchbruch im Consumer-Bereich stehe aber noch aus, weil die Übertragungskanäle noch nicht leistungsfähig genug sind. "Momentan sind wir beim Streaming erst im Hanuta-Format, da brauchen wir noch ein bisschen." So beißt sich die Katze in den Schwanz. Die Devise der Content-Provider heißt: auf die breitbandige Technik zu warten und erst dann sehen, was der Verbraucher wirklich will.

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